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Führungsspitzen:Die dreckigen Jobs, die keiner machen will

Moderne Chefs ordnen nicht mehr an, sie führen kommunikativ und verteilen die Arbeit gerecht unter den Kollegen. Trotzdem gibt es noch Aufgaben, die jeder möglichst umgehen will. Die gängstige Strategie: Betreten auf den Tisch gucken und jeglichen Augenkontakt mit dem Chef vermeiden. Aber es gibt einen schlaueren Trick.

Neulich wieder in der Teamsitzung: "Wir müssen möglichst bald die neue Marketingstrategie für den Winter aufsetzen", sagt der Chef. "Wer kann sich darum kümmern?" Acht Augenpaare schauen auf den Tisch, acht Augenpaare versuchen krampfhaft, jeglichen Blickkontakt mit dem Chef zu vermeiden.

Kauffrau im Gesundsheitswesen

In den vergangenen Jahren ist man von einem autoritären Führungsstil mehr und mehr abgekommen.

(Foto: dpa)

"Freiwillige vor", ermuntert der Vorgesetzte seine Truppe, doch es findet sich kein Freiwilliger. Es finden sich nur acht schweigende Mitarbeiter, die ein einziger Wunsch vereint: Sie möchten zu dem Stress, den sie ohnehin schon haben, nicht auch noch diesen dreckigen Job aufgedrückt bekommen. "Marketingstrategie aufsetzen", wie das schon klingt, jedenfalls nach viel Arbeit. Und noch dazu für den Winter, jetzt ist erstmal Sommer, wer mag da schon an Schnee und Kälte denken? Nach längerem Schweigen sagt der Chef schließlich: "Tja, da haben wir wohl ein Zuständigkeitsproblem."

In früheren Zeiten gab es solche Probleme nicht. Da war klar, wer welche Arbeit machte, und wenn es nicht klar war, dann sorgte der Chef dafür, dass es klar war. Arbeit wurde von oben nach unten verteilt, es gab kein Murren und keine Widerrede. Der Vorgesetzte war nicht unbedingt beliebt, aber im besten Fall war er wenigstens gerecht. Ein inneres Gleichgewichtsorgan bei ihm sorgte dafür, dass er die unangenehmen Arbeiten in etwa gleich verteilte.

In den vergangenen Jahren ist man von einem solchen autoritären Führungsstil mehr und mehr abgekommen. Nicht mehr Kommunikation von oben nach unten ist das Geheimrezept, sondern das Erarbeiten von Lösungen von Gleich zu Gleich. Der moderne Chef ordnet nicht mehr an wie bei der Bundeswehr, er bemüht sich, kommunikativ zu vermitteln und seine Truppe auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Im Idealfall erkennt am Ende dieses Prozesses jeder seine eigene Rolle und ist bereit, diese gerne im Sinne des größeren Ganzen auszufüllen.

Besonders gefährdet: der Praktikant

Der Idealfall wird aber leider nur selten erreicht, und es gibt sie immer noch in Hülle und Fülle, die kleinen oder großen dreckigen Jobs, die niemand machen will. Interessanterweise landen solche Aufgaben stets bei einem bestimmten Menschentypus. Besonders gefährdet ist der Praktikant, das schwächste Glied in der Verwertungskette.

Am wenigsten gefährdet ist der Elder Statesman im Team, noch dazu, wenn er es zu seiner persönlichen Strategie erklärt hat, sich gut mit dem Chef zu stellen. Dazwischen gibt es eine Reihe von Strategien, die mehr oder weniger Erfolg versprechen. Renitenz, also das brüske Zurückweisen jeglicher Ansprüche, ist eine der bewährtesten Methoden. Nicht so gut ist Jammern und Wehklagen, weil es den Eindruck erweckt, der Betreffende sei mit seiner Arbeit überfordert.

Ein Freund erzählte uns einmal von einem Trick, den er gelegentlich anwandte, wenn der Chef im Team wieder ein Opfer für eine ungeliebte Aufgabe suchte. Der Freund schaute dann nicht wie alle anderen auf den Tisch, sondern suchte bewusst den Blickkontakt zum Chef. Sobald dieser den Kontakt erwiderte, blickte der Freund fix zu einem seiner Kollegen. Er lenkte den Blick des Chefs also um. Der Kollege bemerkte es nicht, da er selbst ja auf den Tisch geblickt hatte.

Das Perfide an der Methode ist, dass sie subtil und unbewusst abläuft. Aber sie funktioniert: Nicht selten kam es vor, dass der Chef danach dem Kollegen die Arbeit aufdrückte. Ist gemein, aber wirkungsvoll.

Hinweis: In einer früheren Variante des Artikels war von "vier Mitarbeitern" und "acht Augenpaaren" die Rede. Bei acht Augenpaaren müssen es natürlich auch acht Mitarbeiter sein.