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Führungsspitzen:Chefs im Alltag: Alles außer nachdenken

Laut einer Studie denken Führungskräfte drei bis vier Prozent ihrer Arbeitszeit über neue Strategien nach. Schön wär's. Den meisten Chefs geht es nur um die Sicherung ihrer Macht.

Rajesh Chandy muss ein optimistischer Mann sein. Der Professor an der London School of Economics schätzt, dass Chefs drei bis vier Prozent ihres Tages damit verbringen, über langfristige Strategien nachzudenken - "nur" drei bis vier Prozent, so lässt sich der Wissenschaftler vom britischen Wirtschaftsmagazin Economist zitieren.

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Wenn Chandy richtigliegt und man wohlwollend davon ausgeht, dass der typische Boss-Arbeitstag um die zwölf Stunden hat, also 720 Minuten, hieße das, der typische Boss müsste eine knappe halbe Stunde pro Tag darüber nachsinnen, was die von ihm geführte Abteilung oder das von ihm geführte Unternehmen in, sagen wir mal, zehn Jahren so treiben könnte, um am Markt zu bestehen.

Den meisten Kennern der Unternehmensszene, also den meisten abhängig Beschäftigten, dürfte diese Feststellung lediglich zweieinhalb Worte entlocken: Schön wär's. Geht es bei ihnen doch eher zu wie bei der FDP, deren Führungsfindungsprozess in den vergangenen Monaten den Normalzustand offenbart hat: Chefs denken zwar tatsächlich täglich über langfristige Strategien nach, nur geht es ihnen dabei üblicherweise - man muss einräumen: oft gezwungenermaßen - vor allem um Wege, ihre eigene Macht abzusichern oder zu vermehren.

Die Frage, ob die Firma nun demnächst warmen Liberalismus, berührungslose Telefone oder Strandkörbe mit Sonnenkollektoren produzieren soll, kann da schon mal hinten herunterfallen.

Sieht es im Chef-Büro schon strategisch dunkel aus, ist der Raum für Kreativität auf der zweiten und dritten Führungsebene noch schlechter belichtet. In einer Umfrage der Beratungsfirma Coretelligence gaben mehr als 60 Prozent aller befragten Mittelmanager zu Protokoll, ihr Job biete ihnen kaum Möglichkeiten zum konzeptionellen Denken. Schuld seien das Tagesgeschäft und die Informationsflut. 58 Prozent sagten allerdings auch, dass neue Denkansätze in ihrer Firma nicht honoriert würden.

Diese Tatsache allerdings, wie bedrückend sie klingen mag, ist so leicht verständlich wie die Nachrichten im Kinderkanal. Schließlich sind die jeweils aktuellen Strategien üblicherweise von jenen Menschen ersonnen worden, die sich genau damit an die Spitze von Firma oder Partei katapultiert haben. Warum also sollten ausgerechnet sie diejenigen sein, die das Ganze nun als Zeugs von gestern identifizieren? Und wieso sollten sie genau diejenigen nach oben befördern, die ihre Förderer dann als Bosse von gestern outen?

Da hilft es auch nichts, wenn Unternehmensberatungen wie Bain & Company "Die neue Dekade der Strategie" ausrufen. Zumal dieselbe Beratungsfirma in einer anderen Studie feststellt, dass die Existenz einer Strategie allein noch keinen Fortschritt bringt - schließlich muss sie, wenn vorhanden, umgesetzt werden: "Nur jedes fünfte Unternehmen entscheidet effektiv", schreiben die Autoren des Bain-Buches "Decide & Deliver".

Komplexe Strukturen, unklare Verantwortlichkeiten und Machtkämpfe behinderten den unternehmerischen Erfolg. Dabei stellen sie die Sieben-Köpfe-Regel auf: Seien mehr als sieben Personen an einer Entscheidung beteiligt, sinke deren Effektivität um zehn Prozent pro weiteren Kopf. Man möchte ergänzen: Würden diese sieben oder mehr Köpfe täglich eine halbe Stunde über Strategie nachdenken, wäre das mit der Effektivität gar nicht so schlimm.

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