Führungskultur Die Belegschaft wird beteiligt - oder glaubt es zumindest

Im Fall der aufmüpfigen Buchhalter des Unternehmens aus Norddeutschland gelang Riermeier und seinen Kollegen nur mit großer Anstrengung die Wende. "Rein sachlich war klar, dass das bisherige IT-System für die wachsende Organisation zu langsam war", sagt er, "und dass es die vorhandenen Strukturen nicht mehr abbilden konnte." Doch wie macht man das Problem über rationale Argumente hinaus emotional anschaulich und einleuchtend? Das fragten sich die Berater auch vor dem Hintergrund, dass Buchhalter gemeinhin als stabilitätsorientierte Menschen gelten.

Bei einem ersten Treffen mit den Buchhaltern lud das Familienunternehmen zusammen mit Riermeiers Beratung auch zwei Jongleure ein. Die Artisten jonglierten mit Bällen, die mit den Aufgaben der Buchhalter beschriftet waren. Nach einer kunstvollen Vorführung fielen die ersten Bälle herunter. Die Erkenntnis, die damit transportiert werden sollte: Du kannst der größte Profi in deinem Bereich sein, irgendwann wird es zu viel.

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Der Finanzvorstand des Unternehmens unterstrich die Darbietung mit der Erklärung, dass mit dem alten IT-System die Arbeit in Zukunft nicht mehr erledigt werden könne. Auf der Bühne erhielt der eine Jongleur daraufhin Unterstützung durch einen zweiten, gemeinsam konnten sie mehr Bälle in der Luft halten. Die Botschaft: Wenn Mitarbeiter besser zusammenarbeiten, können sie auch ihre Aufgaben besser bewältigen.

Das Unternehmen richtete mehrere Projektgruppen ein. Dabei wurde Wert darauf gelegt, dass Mitarbeiter aus dem "Bauch der Organisation", wie Riermeier es formuliert, dabei waren. Dazu gehörten Vertreter von Abteilungen wie Rechnungseingang, Rechnungsausgang und Mietverträge, also diejenigen, die später die Ergebnisse umsetzen sollten. Anschließend wurde die Belegschaft aufgefordert, ihre Bedenken zu äußern. Die einzige Regel: Mögliche Probleme sollten sie konstruktiv formulieren und nicht meckern. Der Sinn dahinter: Spätere Entscheidungen werden von der deutlichen Mehrheit der Mitarbeiter getragen.

Verweigerer können für die Firma gefährlich werden

Das neue Projekt machte auch neue Stellenbeschreibungen nötig. Um das Gefühl der Eigenverantwortung zu stärken, konnten sich die Mitarbeiter aus den neu formulierten Arbeitsplatzbeschreibungen die drei am besten passenden heraussuchen - vor dem Hintergrund ihrer eigenen Stärken und Schwächen. "Das war natürlich ein Risiko" sagt Riermeier, "weil nicht klar war, ob sich die Mitarbeiter passgenau auf die neu zugeschnittenen Arbeitsplätze verteilen würden." Tatsächlich ging die Rechnung auf: Alle Mitarbeiter konnten - nach einigen Qualifizierungsmaßnahmen - mit ihrem ersten oder zweiten Stellenprofil berücksichtigt werden.

Zum Abschluss gab es ein zweites Treffen mit den Jongleuren. Diesmal konnte die Belegschaft spaßeshalber selbst das Jonglieren erlernen. Zu diesem Zeitpunkt waren seit dem Aufstand der Buchhalter 14 Monate vergangen. Die neue Software wurde aufgespielt, die neuen Tools von den Mitarbeitern angenommen.

Das Handelsunternehmen hat noch rechtzeitig die Kurve gekriegt - im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen. "Wenn sich herumspricht, dass Mitarbeiter sich Veränderungen verweigern können, dann wird es gefährlich für das Unternehmen", sagt Berater Riermeier.

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