FSJ Politik Für eine bessere Welt

Wer nach der Schule ein FSJ Politik macht, kommt in Kontakt mit verschiedenen Kulturen.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Die Teilnehmer des FSJ Politik engagieren sich für die Menschenrechte und gestalten selbstständig Projekte, die der Völkerverständigung dienen.

Von Joachim Göres

Sie arbeiten bei kirchlichen Akademien, bei politischen Stiftungen, bei Bürgerradios, in Ausländerräten, bei Menschenrechtsorganisationen - junge Leute bis 26 Jahre, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im politischen Leben absolvieren. Das FSJ Politik wird in den meisten Bundesländern angeboten, damit junge Menschen politische Prozesse besser verstehen und selbst aktiv werden.

Juri Niephaus ist in Mainz für ein Jahr bei Aktion Tagwerk tätig. "Ich bin sehr politisch interessiert. Nach der Schule und vor dem Studium wollte ich mal etwas ganz anderes machen und auch praktisch etwas Gutes tun. Deswegen habe ich mich für meine FSJ-Stelle entschieden", sagt er. Aktion Tagwerk ist ein gemeinnütziger Verein, der bundesweit an Schulen die Kampagne "Dein Tag für Afrika" organisiert. An diesem Tag arbeiten Mädchen und Jungen gegen Bezahlung in Betrieben, nehmen an einem Spendenlauf teil oder veranstalten andere Aktionen, deren Einnahmen an Bildungsprojekte in sieben afrikanischen Ländern fließen. "Ich war im September zu Beginn meines FSJ in Ruanda und habe mir verschiedene Projekte angeschaut, die wir unterstützen, wie etwa Straßenkinder, alleinerziehende Mütter oder Kinderfamilien", erzählt Niephaus. Kinderfamilien - damit meint er Kinder und Jugendliche, die zusammen ohne Eltern aufwachsen und in denen die Älteren für die Jüngeren verantwortlich sind. Von Mainz aus nimmt Niephaus Kontakt zu Schulen im Südwesten auf, stellt "Dein Tag für Afrika" vor und wirbt dafür, dass Schulen sich daran beteiligen. Er besucht Lehrer und Schüler, die das Thema interessiert, gibt Anregungen und entwickelt mit ihnen Ideen, was man an diesem Tag machen könnte. "Für diese Tätigkeit ist viel Büroarbeit und auch viel Kommunikation nötig. Man muss Vorträge halten, auf Menschen zugehen können. Das war für mich nicht neu, doch jetzt traue ich mir viel mehr zu. Das war die richtige Wahl", sagt Niephaus.

Eigene Projekte gehören dazu: Die Teilnehmer drehen Filme oder entwickeln Führungen

Was hat sich für ihn durch das FSJ geändert? "Ich denke jetzt viel mehr über politische Zusammenhänge nach. Das Bewusstsein, möglichst nachhaltig zu leben, war auch schon vorher da, die Notwendigkeit wird durch diese Arbeit noch mal klarer. Dabei merke ich, dass das mit dem nachhaltigen Leben nicht immer klappt." Seine bisherigen Erfahrungen haben ihn in dem Vorhaben bestärkt, im Herbst vermutlich mit einem Lehramtsstudium zu beginnen. Der junge Mann gehört keiner Partei und keinem Verband an. Mit aktueller Politik hatte er sich vor dem FSJ zum Beispiel in einem Theaterprojekt zum Thema Flüchtlinge auseinandergesetzt.

Sie sind politisch überdurchschnittlich interessiert und meist auch aktiv, ohne Mitglied in einer Organisation zu sein, männlich und haben das Abitur - so sieht der durchschnittliche Politik-FSJler nach Daten der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD) aus. Der gemeinnützige Verein organisiert in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Berlin und Brandenburg das FSJ Politik. Es beginnt im September, wobei es zuletzt in NRW auf 41 Stellen mehr als 100 Bewerbungen und in Hessen auf elf Stellen circa 60 Bewerbungen gab. In diesen beiden Bundesländern liegt das monatliche Taschengeld bei 400 Euro, in den übrigen Bundesländern darunter. "Die meisten Bewerber haben wir in NRW und Berlin. Insgesamt wächst das Interesse am FSJ Politik, gerade bei jungen Frauen", sagt Marta Rupprecht-Mößle, als IJGD-Bildungsreferentin für das FSJ Politik in Hessen zuständig. "Die Bewerber melden sich bei uns, und wir beraten sie, welche Stelle ihren Wünschen entsprechen könnte. Die jeweilige Einsatzstelle entscheidet dann, wen sie nimmt." Derzeit beginnt gerade die Vermittlung für den kommenden Herbst auf die circa 130 IJGD-Einsatzstellen. "Wer sich erst im Juni bewirbt, bekommt mit Glück noch einen Platz", sagt Rupprecht-Mößle.

Sie betont den Anspruch auf fünf Bildungswochen während des FSJ - in Seminaren bestimmen die Teilnehmer die konkreten Themen aus Oberthemen wie politischer Extremismus, Krieg und Konflikte, Medien, Menschenrechte oder Nachhaltigkeit, mit denen sie sich intensiv auseinandersetzen. Die Selbständigkeit soll auch durch den Schwerpunkt der FSJ-Zeit gefördert werden. "Die Einsatzstellen garantieren, dass die FSJler Politik ein eigenes Projekt nach ihrer Wahl durchführen. In der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank hat im vergangenen Jahr jemand einen Dokumentarfilm zum Krieg in Jugoslawien gedreht, in diesem Jahr organisiert ein anderer eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zu Fußball und Rassismus", nennt Rupprecht-Mößle einige Beispiele.

Sven Bohnsack absolviert sein FSJ Politik in der Gedenkstätte Bergen-Belsen und will bis Juni eine Führung zum Thema Homosexuelle im Dritten Reich entwickeln. Er liest dazu viele Bücher, studiert Akten von KZ-Häftlingen und macht sich Gedanken, wie man das Thema Besuchern näherbringen kann. Dabei helfen ihm auch die Erfahrungen, die er bei den gut dreistündigen Rundgängen mit Schulklassen über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers macht, in dem mehr als 50 000 Häftlinge starben. "Anfangs bin ich bei Führungen mitgelaufen und habe mir einiges abgeschaut. Meist sind die Schüler interessiert und mir gegenüber wegen meines Alters vielleicht auch offener", sagt der 19-Jährige.

Er hat eine 39-Stunden-Woche, führt zweimal die Woche Gruppen in der Gedenkstätte, nimmt an Besprechungen teil und kann sich ansonsten die Arbeitszeit frei einteilen. Sein Interesse an der NS-Zeit hat den jungen Mann dazu gebracht, sich in der in Niedersachsen befindlichen Gedenkstätte zu bewerben. "Freunde wollten wissen, ob es nicht schwer sei, hier täglich zu arbeiten. Es gibt immer wieder Dinge, die einen schockieren oder die ich mir auch nicht ständig anschaue, wie die Bilder von den Leichenbergen nach der Befreiung. Letztlich geht es darum, gegenüber den Besuchern nicht emotional zu werden, denn es ist ja nicht das Ziel, sie in eine Schockstarre zu versetzen", betont er.

Bohnsack freut sich über die Verantwortung, die er übernehmen darf. "Ich bin selbstbewusster geworden und kann jetzt besser organisieren", sagt er. Und er hat eine Entscheidung für die Zukunft getroffen: "Die Arbeit im Büro und das viele Lesen gefällt mir, der Kontakt zu den Schülern macht Spaß, aber ich habe dabei gemerkt, dass mein Interesse an Technik noch größer ist. Deswegen werde ich mich um eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker bewerben."