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Freiwilligendienste:Schnell mal die Welt verbessern?

Für Abiturienten gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich im Ausland sozial zu engagieren. Welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit der Einsatz wirklich sinnvoll ist.

Das beste Jahr in ihrem Leben, sagt Rieke Smit, sei das als Freiwillige in Kapstadt gewesen. Obwohl - oder gerade weil - die Arbeit im Kindergarten eines Frauenhauses oft nicht leicht war. Obwohl - oder gerade weil - sie immer schon bei Sonnenaufgang vom Ruf des Muezzins geweckt wurde, denn im Viertel ihrer damaligen Gastmutter leben viele Muslime. "Ich habe sehr viel über kulturelle Unterschiede gelernt", meint die 21-Jährige, die heute Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Das Jahr in Südafrika hat sie nicht nur reifer und selbständiger werden lassen, sondern auch ihre Zukunftsplanung verändert: Früher wollte Rieke Smit über Mode schreiben, jetzt will sie sich auf Außenpolitik spezialisieren.

Freiwilligenarbeit im Ausland ist eine von mehreren Möglichkeiten, nach der Schule die Welt kennenzulernen und sich persönlich weiterzuentwickeln. Jeremy Seedorf überlegte vor seiner Entscheidung lange hin und her: "Work and Travel und ein Job als Au-pair haben mich nicht so interessiert, weil man da auch nur in seiner Blase bleibt und die Welt nicht aus anderen Blickwinkeln betrachtet und kritisch hinterfragt", meint er. In Costa Rica half er ein Jahr lang als Fußballtrainer in einem Projekt, das Freizeitangebote für indigene Kinder und Jugendliche organisiert. Nach der Rückkehr im Sommer 2017 schrieb er sich für Kultur- und Politikwissenschaft an der Universität Bremen ein.

Bei den gesetzlich geregelten Freiwilligendiensten sollte man sich ein Jahr im Voraus bewerben

Rieke und Jeremy gingen mit dem Programm "Weltwärts" ins Ausland, welches das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2008 ins Leben rief. Circa 160 Organisationen für Entwicklungshilfe oder internationalen Jugendaustausch sind als Programmträger anerkannt. Zusammen entsandten sie im vergangenen Jahr etwa 3700 junge Menschen zu Partnerprojekten in aller Welt. Fast alle haben Abitur, 70 Prozent sind Frauen. Die Mehrheit der Freiwilligen arbeitet im Bildungsbereich und mit Kindern und Jugendlichen, einige auch in Umwelt- oder Tierschutzprojekten. Indien, Südafrika, Peru, Bolivien und Ghana sind die beliebtesten Zielländer.

Obwohl Aufenthalte zwischen sechs und 24 Monaten gefördert werden, dauert der Dienst in der Regel zwölf Monate. Das trifft auch auf die anderen gesetzlich geregelten Freiwilligendienste im Ausland zu. Ungefähr 3000 Teilnehmer gehen pro Jahr mit dem 2011 eingeführten Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) des Bundesfamilienministeriums in andere, mehrheitlich europäische Länder. Der Europäische Freiwilligendienst (EFD) der EU sowie das "Kulturweit"-Programm der Deutschen Unesco-Kommission entsenden pro Jahr jeweils ungefähr 500 Freiwillige aus Deutschland. Während die beiden kleineren Programme praktisch für die gesamten Kosten des Auslandsjahrs aufkommen, übernehmen der IJFD und "Weltwärts" nur bis zu 75 Prozent. Von den Freiwilligen dieser Programme erwarten die Entsendeorganisationen deshalb, dass sie einen "Unterstützerkreis" aus Verwandten und Bekannten aufbauen und Spenden sammeln, aus denen der Differenzbetrag dann finanziert wird.

Rehabilitating Chimpanzees - A Labour Of Love

Die meisten Teilnehmer des „Weltwärts“-Programms haben Abitur und circa drei Viertel von ihnen sind Frauen. Die „Weltwärts“-Freiwilligen engagieren sich in Bildungsprojekten, etwa für Kinder und Jugendliche. Aber es gibt auch Aufgaben, bei denen es um Tiere geht.

(Foto: Dan Kitwood/Getty Images)

Die Vorlaufzeit ist bei allen geregelten Freiwilligendiensten sehr lang. Wer einen Platz bekommen will, sollte sich etwa ein Jahr vor der geplanten Abreise bewerben, am besten bei zwei oder mehr Entsendeorganisationen, die es erst einmal auszuwählen gilt: "Durch die vielen Internetseiten muss man sich durchfuchsen", sagt Rieke Smit. Sie schickte ihre Bewerbung - mit Motivationsschreiben auf Englisch und Nachweisen über ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten in der evangelischen Jugendarbeit - gleich an vier Organisationen, darunter den Verein für internationalen Freiwilligenaustausch ICJA, der sie zu seinen Info-tagen nach Berlin einlud. Dort konnte sie sich persönlich vorstellen und drei Wunschländer angeben. Acht Wochen später hatte sie die generelle Zusage für Südafrika, erst nach ein paar weiteren Monaten die für das konkrete Projekt in Kapstadt.

Jeremy Seedorf bewarb sich beim Deutschen Roten Kreuz und bei der Stiftung "Brot für die Welt". Beide luden ihn ein, sich vorzustellen. "Beim DRK lief es ein bisschen wie eine Bewerbung in einem Unternehmen, mit Einzelgesprächen. Das hat mir nicht besonders gefallen, und ich wurde auch nicht angenommen. Bei 'Brot für die Welt' gab es ein Auswahlseminar mit Gruppenspielen und Präsentationen, das Spaß gemacht hat." Dass Jeremy Seedorf den Platz bei seinem Wunschprojekt in Costa Rica bekam, verdanke er sicher auch seiner Erfahrung als Jugendtrainer im Schwimmverein: "Die Organisationen erwarten, dass sich die Bewerber schon mal irgendwo engagiert haben." Von Vorteil war auch die Tatsache, dass er schon Spanisch gelernt hatte. Die Kenntnis anderer Fremdsprachen als Englisch ist aber keine Voraussetzung für die Bewerbung.

Wer sich vielleicht nur für ein paar Wochen oder Tage sozial engagieren möchte, kann sich die Angebote kommerzieller Vermittler ansehen. Sie bieten im äußersten Fall Freiwilligenarbeit für wenige Tage innerhalb eines touristischen Gesamtpakets an. Der aufwendige Bewerbungsprozess und die langen Vorlaufzeiten entfallen. Dafür sind die Kosten für "Voluntouristen" um ein Vielfaches höher als für Freiwillige in einem geförderten Dienst. Vor allem ist es bei kommerziellen Angeboten schwieriger, Projekte herauszufiltern, in denen die Teilnehmer tatsächlich einen sinnvollen Beitrag leisten und etwas lernen. Die beiden anerkannten Gütesiegel "QUIFD - Qualität in Freiwilligendiensten" - und "Gütegemeinschaft Internationaler Freiwilligendienst" werden ausschließlich an Organisationen vergeben, die im Rahmen geregelter Freiwilligendienste tätig sind.

Lieber kürzer

Nach der jüngsten Erhebung des "Arbeitskreises Helfen und Lernen in Übersee" (AKHLÜ) zu internationalen Freiwilligendiensten bewerben sich auf einen Einsatzplatz im Durchschnitt vier Kandidaten. Dabei muss man jedoch die zahlreichen Mehrfachbewerbungen berücksichtigen. Nicht selten lassen sich Plätze gar nicht besetzen, weil sie in touristisch wenig attraktiven Regionen liegen oder Kandidaten so kurzfristig absagen, dass keine Nachbesetzung möglich ist. Für einen Einsatzplatz in Paris oder London dagegen können die Organisationen aus Hunderten von Bewerbungen auswählen. Insgesamt geht das Interesse an internationalen Jugendfreiwilligendiensten offenbar leicht zurück. Nach der Erhebung, an der sich mehr als 130 Entsendeorganisationen beteiligten, sank die Gesamtzahl ihrer Freiwilligen von 2016 auf 2017 um vier Prozent auf 8000. Ein Grund dafür könnte sein, dass bei der jungen Generation die Bereitschaft sinkt, sich für längere Zeit zu verpflichten: "Es gibt sehr viele Junge, die sich für kurze Dienste unter sechs Monaten interessieren", erklärt Mara Feulner vom AKHLÜ. Miriam Hoffmeyer

"Brot für die Welt" wertete im vergangenen Jahr 25 "Voluntourismus"-Angebote auf dem deutschsprachigen Markt aus und listete zahlreiche Mängel auf, vor allem beim Kinderschutz. "Freiwillige, die in irgendeiner Form Kinder betreuen, sollten das mindestens ein halbes Jahr lang tun, weil häufige Wechsel die Kinder traumatisieren können", sagt Antje Monshausen, Referentin bei "Brot für die Welt". Kurse, die auf die Tätigkeit vorbereiten und zu allen geförderten Diensten selbstverständlich dazugehören, gibt es bei kommerziellen Anbietern meist nicht - falls doch, muss man sie kostenpflichtig hinzubuchen. Problematisch ist auch, dass Anbieter oft die Illusion vermitteln, jedes Greenhorn aus dem Westen könne mal schnell die Welt verbessern. "Das Marketing konzentriert sich auf die Armut und die Defizite in den Zielländern, die Freiwilligen hingegen werden als notwendige Helfer angesprochen", sagt Monshausen. "Dadurch werden neokoloniale Klischees verstärkt statt aufgebrochen."

Wer wenig Zeit hat oder den richtigen Bewerbungszeitpunkt für die geregelten Freiwilligendienste schon verpasst hat, für den können kommerzielle Angebote dennoch eine Alternative sein. Frank Seidel, der seit Jahren die Website "Wegweiser Freiwilligenarbeit" betreibt - und darüber auch Angebote vermittelt, die er für sinnvoll hält -, rät Interessenten, sehr konkrete Fragen zu stellen: Wie wird meine Arbeit genau aussehen? Welche Mindestqualifikation brauche ich für das Projekt? Wie lange sollte ich am Ort bleiben, damit der Einsatz sinnvoll ist? Wichtig ist laut Seidel, dass die Verantwortlichen des Projekts am jeweiligen Ort im Ausland über diese Punkte mitentscheiden. Freiwillige in Waisenhäusern zu beschäftigen, lehnt er ab: "In vielen Ländern des globalen Südens existieren solche Heime in erster Linie, weil sich damit Geld verdienen lässt. "

Wer ein sinnvolles Projekt gefunden hat, solle dort so lange bleiben wie möglich, meint auch Seidel: "Der Lernerfolg ist dann größer." Auch wenn viele junge Freiwillige vor allem von Idealismus und dem Wunsch, Gutes zu tun, angetrieben werden - am Ende profitieren sie selbst am meisten von der Erfahrung.

© SZ vom 08.03.2019