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Frei sprechen:Nicht der Rede wert

Es ist einfacher, den Mund zu halten als eine Rede. Wer aber was zu sagen hat, sollte sich nicht mit Wortbremsen um den Erfolg seiner Ansprache bringen.

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Rede, iStock

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Bei der Eröffnung von Tagungen und Versammlungen, bei Ehrungen, Jubiläen und Verabschiedungen bestätigt sich täglich neu die Feststellung von Heinz Erhardt: "Es ist einfacher, den Mund zu halten als eine Rede." Der Grund: Viele wählen den falschen Zugang, wenn sie zu solchen und ähnlichen Anlässen reden. Sie suchen in Büchern mit Musterreden oder in Zitatenlexika nach Antworten auf die Frage, was sie zum fünfzigsten Geburtstag von Kollege Meyer, zur Verabschiedung der Kollegin Müller oder zur Eröffnung der Betriebsfeier sagen könnten. Ergebnis: Plattitüden-Häufungen und Second-Hand-Weisheiten ohne Überzeugungskraft, langweilige Reden, die man in unterschiedlichen Varianten schon oft gehört hat. Was ist für eine gelungene Rede notwendig?

Eine persönliche Beziehung herstellen.

"Sehr geehrter Herr Braun, mit berechtigtem Stolz dürfen Sie heute Ihr 25-jähriges Dienstjubiläum feiern." - "Du darfst" lautet der Werbeslogan für eine Halbfett-Margarine. Wer ein Jubiläum begeht oder seine Ausbildung erfolgreich beendet, hat Grund, sich zu freuen. Dafür braucht er keine Erlaubnis. Deshalb gehen Reden zu Jubiläen und ähnlichen Ereignissen in die falsche Richtung, wenn ein Redner unpersönlich als höhere Instanz spricht, die etwas gestattet: Du darfst. Die Alternative: In der Rede wird ein persönlicher Bezug hergestellt: "Sehr geehrter Herr Braun, ich freue mich, dass Sie Ihr 25-jähriges Jubiläum gesund und munter feiern können."

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Langeweile, iStock

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Überraschen statt langweilen.

"Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wir haben uns heute versammelt, um Frau Hagen zu verabschieden." - Solche Einstiege vor dem Einstieg sind überflüssig. Alle wissen, warum sie gekommen sind. Eine Überraschung ist die Alternative, mit der man für Aufmerksamkeit sorgt: "Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, selbst dann, wenn Frau Hagen nur einmal am Tag von ihrem Büro zur Lehrwerkstatt gegangen wäre, hätte sie in den 27 Jahren, die sie für unser Unternehmen gearbeitet hat, die Strecke von Hamburg nach Rom zurückgelegt."

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News, iStock

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Neues sagen.

"Sehr geehrte Damen und Herren, ich berichte Ihnen sicher nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, dass unser Unternehmen ein schwieriges Jahr hinter sich hat." - Wurde schon alles gesagt, hilft nur eines: Mund halten. Kündigen Sie nie an, nichts Neues zu sagen, das verstimmt das Publikum. Wenn Sie etwas Neues zu sagen haben, sagen Sie es.

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Hochzeit, dpa

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Den Anlass in den Mittelpunkt stellen.

Ein Kollege heiratet. Ein guter Anlass, ihm alles Gute zu wünschen, aber kein Grund zur Selbstdarstellung: "Liebes Brautpaar, verehrte Eltern und Anwesende, darf ich ein bisschen in der Erinnerung kramen und erzählen . . ." - Nein. Selbstdarsteller sind unbeliebt. Weder bei einer Hochzeit noch bei einem Jubiläum sollte der Redner sich selbst in den Mittelpunkt rücken. Das ist der Platz für die Menschen, die Rede-Anlass sind. Und drohen Sie nie, dass Sie in Ihren Erinnerungen kramen!

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Geburtstag, iStock

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Auf Pathos verzichten.

Der Chef hat Geburtstag. Die Verkaufsleiterin gratuliert: "Sehr geehrter Herr Fritsch, meine sehr verehrten Damen und Herren, aus Anlass Ihres fünfzigsten Geburtstags habe ich den ehrenvollen Auftrag, Ihnen im Namen aller Mitarbeiter die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Wir wünschen Ihnen . . ." - Der Chef kann Arbeitsaufträge erteilen. Doch wenn eine Mitarbeiterin aus Anlass seines Geburtstag im Namen der Belegschaft spricht, dann sollte sie dem Chef ohne Pathos herzlich gratulieren: "Sehr geehrter Herr Fritsch (am Geburtstag darf es "lieber Herr Fritsch" sein), herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wünschen Ihnen . . ." Aus Anlass, im Auftrag, im Namen - diese Steifmacher sind überflüssig. Wer auf sie verzichtet, gewinnt Raum, um etwas Interessantes zu sagen.

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Latein, ddp

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Deutsch sprechen.

"De mortuis nihil nisi bene." Sie können kein Latein? Sie mögen es nicht, wenn Redner Sie vor Rätsel stellen? Dann geht es Ihnen wie vielen Menschen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, ein Zitat im Original zu bringen, wenn man nicht sicher ist, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer lateinisch oder englisch sprechen. Deshalb: "Über Tote soll man nur Gutes reden."

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eingeklemmt, iStock

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Klemmkonstruktionen vermeiden.

"Lieber Kollege Schmidt, ich weiß, Sie mögen keine Reden und schon gar keine langen. Aber heute müssen Sie doch eine kleine Ansprache über sich ergehen lassen." - Solche Zwar-Aber-Konstruktionen sind als humorvoller Einstieg gemeint. Aber eben nur gemeint. Entschieden besser ist es, Herrn Schmidt etwas Nettes oder Originelles zu sagen; aber nicht, dass er keine Reden hören will.

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Beichtstuhl, iStock

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Sich Geständnisse ersparen.

"Lieber Herr Manns, liebe Mitarbeiter, natürlich habe ich mich auf diese kleine Rede zu Ihrer Beförderung vorbereitet, und beim Nachdenken fiel mir . . ." - Gute Redner gestehen nicht, dass sie sich vorbereitet haben. Das ist selbstverständlich und nicht der Rede wert. Sie kommen ohne Umwege zum Thema: "Lieber Herr Manns, lieber neuer Vertriebsleiter, alle Mitarbeiter und ich . . ."

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Bremsspuren, iStock

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Bremsen lösen.

Eine Rede beginnt man nicht mit angezogener Bremse, sondern mit voller Kraft. Klassische Bremsen sind "wenn" und "als" oder "im Namen"und "zum Bestehen". Ein Beispiel: "Liebe Mitarbeiterinnen, wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, dann komme ich zu dem Schluss, dass wir ein großes Arbeitspensum bewältigt haben und unsere Arbeit von Erfolg gekrönt war." - Ohne diese Bremsen kann man schwungvoll beginnen: "Liebe Mitarbeiterinnen, wir haben in den letzten Jahren hart gearbeitet. Und wir waren erfolgreich."

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Applaus, iStock

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An den Applaus denken.

Der Redeschluss muss wirken. Wer die Zuhörer im letzten Satz auffordert, das Glas auf den Chef oder die Kollegin zu erheben, beeindruckt nicht und tut sich keinen Gefallen: Wer das Glas erhebt, kann nicht applaudieren.

Bild: iStock (SZ vom 31.10./1.11.2008/bön)

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