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Frauenquote in Unternehmen:Wo die Frauen fehlen

  • Gut drei Viertel der Firmen, für die ab 2016 eine feste Frauenquote von 30 Prozent im Aufsichtsrat gilt, sind von den gesetzlichen Vorgaben noch weit entfernt.
  • In den Aufsichtsräten steigt der Frauenanteil zwar. In Vorständen allerdings sitzen nur 4,8 Prozent weibliche Mitglieder.
  • Laut Familienministerin Schwesig zeigt das, "dass das Gesetz gebraucht wird".

Betrachtet man die Sache aus der Sicht der Konsumentin, sollte die gut informierte Kundin auf den Kauf eines Porsches vielleicht verzichten. Auch der Audi scheint eher ungeeignet für Frauen, die ihr Geld gern für Produkte aus Unternehmen ausgeben, in denen auch Frauen führen dürfen. Der Anzug von Hugo Boss zum Beispiel könnte aus Gründen der Gleichstellung bald ähnlich unpassend für die aufstrebende weibliche Akademikerin werden wie ein Bausparvertrag von Wüstenrot. Ganz zu schweigen von den Medizinprodukten und Kliniken des Unternehmens Fresenius: Null Frauen gibt es dort in Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens. "Ein Armutszeugnis", nannte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) diesen Zustand am Dienstag.

In 101 börsennotierten und voll mitbestimmungspflichtigen Unternehmen Deutschlands ist mit 22,1 Prozent weniger als jeder vierte Posten im Aufsichtsrat mit einer Frau besetzt. Gut drei Viertel der Firmen, für die ab 2016 eine feste Frauenquote von 30 Prozent im Aufsichtsrat gilt, sind von den gesetzlichen Vorgaben noch weit entfernt. Immerhin, der Frauenanteil in Aufsichtsräten steigt. In Vorständen allerdings, wo über das operative Geschäft entschieden wird, sitzen nur 4,8 Prozent weibliche Mitglieder. Der Frauenanteil ist hier rückläufig, zuletzt lag er bei sechs Prozent. Kaum vertreten sind Frauen auch in wichtigen Ausschüssen. Nur wenig besser sieht es in Unternehmen mit öffentlicher Beteiligung aus. Das ergaben Studien, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurden.

Seit 2011 erstellt die Initiative "Frauen in die Aufsichtsräte" mit Unterstützung der Bundesregierung einen "Women-on-Board-Index", also ein Ranking über Frauen in Führungsgremien deutscher Unternehmen, auch solcher mit staatlicher Beteiligung. In diesem Jahr wurde erstmals auch ausgewertet, wie viele Frauen an der Spitze derjenigen Unternehmen stehen, für die nun die feste Frauenquote von 30 Prozent gilt. Diese fixe Quote für besagte 101 Unternehmen sei in der Debatte ums Gleichstellungsgesetz "am heißesten umkämpft" gewesen, sagte Schwesig. 24 der 101 Firmen, für die künftig die feste Quote gelte, hätten sie aber bereits erreicht, "und sie sind immer noch an der Börse".

Schwesig bemühte sich zunächst, die positiven Beispiele der Studie hervorzuheben. Mit 43,7 Prozent Frauen im Aufsichtsrat führt demnach der Waschmittelkonzern Henkel das Firmenranking an. Auch die Deutsche Bank hat mit 35 Prozent Aufsichtsrätinnen die feste Quote schon erfüllt. Im Vorstand des Unternehmens allerdings sitzt laut Studie keine einzige Frau. Bei der Lufthansa ist man insgesamt etwas weiter, mit 40 Prozent Frauen im Vorstand und 30 Prozent im Aufsichtsrat. "Hier dürften der öffentliche Druck und die politische Diskussion um das Gesetz schon viel voran gebracht haben", sagte Schwesig. Drei von vier Firmen aber seien noch weit vom Quotenziel entfernt. Das zeige, "dass das Gesetz gebraucht wird".

Ein gewisses Problembewusstsein hat sich eingestellt

Monika Schulz-Strelow, die Präsidentin der Initiative "Frauen in die Aufsichtsräte" übernahm es dann, ein paar schwarze Schafe der Gleichstellung zu nennen: den Autobauer Porsche etwa, der keine einzige Frau in Aufsichtsrat und Vorstand hat. Auch im Medizinkonzern Fresenius, wo zwei Drittel der Mitarbeiter weiblich sind, gibt es keine Frau in Aufsichtsrat und Vorstand. Bei Audi sitzt eine Frau im 18-köpfigen Kontrollgremium - und keine im Vorstand. Die Hugo Boss AG kommt gerade mal auf 8,3 Prozent Aufsichtsrätinnen, wobei die Anteilseigner null Frauen stellen, die Arbeitnehmer eine Frau von insgesamt zwölf Mitgliedern. Ähnlich sieht es bei der Wüstenrot & Württembergische AG aus: 6,2 Prozent Frauen im Aufsichtsrat, keine im Vorstand.

Immerhin, ein gewisses Problembewusstsein habe sich eingestellt, zumindest in Aufsichtsräten, so Schulz-Strelow. Problematischer sei das Bild bei 3500 kleineren Firmen, die sich ab September selbst ein Quotenziel setzen müssen und bis spätestens 2017 zu berichten haben, ob es erreicht ist. Das Quotenziel gilt nicht nur für Aufsichtsräte, sondern auch für Vorstand und oberstes Management. Nur ein Prozent der Firmen aber hat laut Studie einen Plan, wie der Frauenmangel im Vorstand zu beheben sei. "Wir ducken uns so lange wie möglich weg"- das sei hier oft das Motto, sagte Schulz-Strelow. Sollte sich bis 2017 in Vorständen nicht genug tun, sei eine feste Quote auch hier denkbar, sagte Familienministerin Schwesig. "Die Unternehmen haben es jetzt selbst in der Hand."

© SZ vom 20.05.2015
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