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Frauenquote in Europa:Das Ende der Ausreden

Wer am Erfolg der Frauenquote zweifelt, sollte nach Norwegen blicken. Vier von zehn Aufsichtsräten dort müssen weiblich sein - ansonsten drohen empflindliche Strafen.

Marit Hoel ist eine gefragte Frau. Wenn die Direktorin des Center for Corporate Diversity in ihrem Osloer Büro weilt, geben sich Besucher die Klinke in die Hand. Oft aber muss die promovierte Philosophin verreisen, um im Ausland über ihre Erfahrungen zur Frauenquote zu sprechen. Am Wochenende war die Norwegerin in Berlin, bei der Frauenunion. "Die Politikerinnen waren sehr interessiert", sagt Hoel.

Regeln gelten erst ab 2016

Als einziges Land weltweit schreibt Norwegen seinen börsennotierten und staatlichen Unternehmen vor, dass vier von zehn Aufsichtsräten Frauen sind. Auch die Niederlande und Spanien haben inzwischen ein solches Gesetz verabschiedet, Den Haag verlangt von Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern sogar, Aufsichtsrat und Vorstand mit mindestens 30 Prozent Frauen zu besetzen. Doch in beiden Ländern werden die Regeln erst 2016 wirksam sein.

Auch in Frankreich, wo die Regierungspartei UMP mehr Frauen den Weg in Aufsichtsräte ebnen will, hat ein entsprechendes Gesetz inzwischen das Parlament passiert. Es sieht vor, dass große Unternehmen zunächst eine Quote von 20 Prozent im Aufsichtsrat erreichen müssen, sechs Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes müssen es 40 Prozent sein. Allerdings hat der Senat noch nicht darüber abgestimmt.

Bei Nichterfüllung Auflösung

Norwegens Storting dagegen hat die Quote für Aufsichtsräte bereits 2003 beschlossen, damals lag der Frauenanteil bei knapp sieben Prozent. Seit 2006 ist das Gesetz in Kraft. Danach hatten Firmen zwei Jahre Zeit um ihre Aufsichtsgremien für Frauen zu öffnen, und seit Anfang 2008 haben sie keine Ausrede mehr.

"Im April 2008 hatten alle 360 betroffenen Unternehmen die Quote erfüllt", sagt Marit Hoel. Im Auftrag der Regierung begleitet ihre Organisation das Gesetz und trägt die Erfahrungen der Unternehmen zusammen. Das überrascht kaum. Denn Norwegen sieht - im Gegensatz zu seinen Nachahmern - tatsächlich Strafen vor, und die sind hart: Wer als Firma die Quote nicht erfüllt, dem droht die Auflösung.

Kampf gegen die Vorurteile

Natürlich habe es zunächst Vorurteile gegeben, erinnert sich Hoel. Die Kompetenz werde aus den Aufsichtsräten verschwinden, hätten Männer befürchtet, und ausländische Investoren würden die Osloer Börse meiden. Nichts davon ist eingetreten. Im Gegenteil, wie das norwegische Amt für Statistik vergangenes Jahr feststellte: Die auf Grund der Quote in Aufsichtsräte berufenen Frauen sind im Schnitt besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen. Zudem sind sie jünger - was das Durchschnittsalter der Aufsichtsräte senkt.

Weder Schreckensszenarien haben sich bewahrheitet noch hochfliegende Hoffnungen erfüllt. Frauen in Aufsichtsräten, so hatten viele vermutet, würden generell mehr Frauen in Führungsposititonen nach sich ziehen. "Das stimmt nicht", sagt Hoel. Einstellen ist eben immer noch Sache der Geschäftsführung. Und die ist nach wie vor meist männlich, selbst in Norwegen.

Die Entscheidung bleibt männlich

Über eine Quote im Management wird im Land der Gleichberechtigung nun heftig diskutiert, doch Marit Hoel mag den Frauen nicht allzu viel Hoffnung machen. Denn ein Chef müsse die Freiheit haben, sein Personal auszuwählen. Allerdings, so vermutet sie, wird es immer mehr Unternehmen geben, die sich selbst Quoten vorgeben. "Unsere Firmen", sagt Marit Hoel, "stellen sich schon die Frage, wie zeitgemäß es ist, Frauen aus der Führung auszuschließen."

© SZ vom 16.03.2010/holz
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