Süddeutsche Zeitung

Bezahlung:Vorständinnen verdienen 23 Prozent weniger

Die Lohnlücke bei Geschlechtern trifft nicht nur Geringverdienerinnen, selbst auf der höchsten Ebene der deutschen Wirtschaft arbeiten Frauen für weniger Geld. Was muss passieren, damit sich endlich etwas ändert?

Wenn Menschen in Deutschland über die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern diskutieren, geht es oft um Frauen in schlecht bezahlten Jobs, um Kassiererinnen, Friseurinnen, Arzthelferinnen. Männer argumentieren dann gern, dass es ja nicht ihre Schuld sei, dass die Frauen nicht Ingenieurinnen oder Programmiererinnen geworden sind. Frauen entschieden sich eben für schlecht bezahlte Berufe statt für Zukunftsbranchen.

Doch eine Gehaltslücke gibt es auch auf der allerhöchsten Ebene der deutschen Wirtschaft: in den Vorständen der 100 größten börsennotierten Konzerne. Trotz aller Verlautbarungen, mehr Frauen in Führungspositionen bringen zu wollen, wächst diese Lohnlücke zwischen Vorständinnen und Vorständen sogar noch. Sie liegt bei 23 Prozent, im Vorjahr dagegen nur bei 21 Prozent. Das hat eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und der Technischen Universität München (TUM) ergeben. Wenn ein männlicher Vorstand 500 000 Euro pro Jahr verdient, bekommt seine Vorstandskollegin, die zu gleich vielen Sitzungen erscheint, nur 385 000 Euro.

Konzernchefinnen und Finanzchefinnen verdienen weniger als Konzernchefs und Finanzchefs. In anderen Vorstandsämtern verdienen sie zwar mehr als Männer, acht Prozent zum Beispiel, wenn sie das Produktions- oder Vertriebsressort übernehmen. Das Hauptproblem ist aber, dass es insgesamt so wenig Frauen auf den bestbezahlten Vorstandsposten gibt, vor allem dem Vorsitz. In den 100 Unternehmen gibt es nur zwei weibliche Vorstandsvorsitzende und sechs weibliche Aufsichtsratsvorsitzende. Das liegt nicht nur am Geld, sondern vor allem an anderen Faktoren. Aber Geld ist ein Zeichen von Anerkennung.

Der Anteil von Frauen in den Vorständen der 100 größten Börsenunternehmen steigt nur sehr langsam. 59 von ihnen haben überhaupt keine Frau im Vorstand. Derzeit sind neun Prozent der deutschen Vorstandsposten mit Frauen besetzt. 2018 waren es sieben Prozent. "Geht die Entwicklung weiter wie bisher, erreichen wir ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in den Vorständen erst im Jahr 2051", sagt Nicole Voigt, Partnerin bei BCG und Co-Autorin der Studie.

Weibliche Vorstände zeigen mehr Durchhaltevermögen

"Den Atomausstieg möchte Deutschland bis 2022 schaffen, den Kohleausstieg bis 2038 - und für die Geschlechterparität in den höchsten Ämtern der Wirtschaft lassen wir uns noch über 30 Jahre lang Zeit." Die Gehaltslücke sei eine Auswirkung des Problems, dass Frauen fehlen, statt seine Ursache. Drei deutsche Unternehmen nennt die Studie allerdings, die bei Gehaltslücke und Frauen in Machtpositionen vorbildlich seien: die Aareal Bank, das Chemieunternehmen Evonik und die Deutsche Telekom.

Ein Argument gegen Frauen in Vorstandsämtern entkräftet die Studie: Weibliche Vorstände zeigen mehr Durchhaltevermögen in ihren Positionen als ihre männlichen Kollegen. Danach lag der Anteil der männlichen Abgänge im Vorstand zwischen 2017 und 2019 bei durchschnittlich 13 Prozent pro Jahr, unter den Frauen verließen nur sieben Prozent ihre Vorstandsposten. Die Zahlen widerlegen den Eindruck, dass Frauen ihre Ämter schneller wieder verlieren oder aufgeben als Männer, der in den vergangenen Monaten entstanden sein könnte.

Einige prominente Wirtschaftsfrauen haben ihre Vorstandspositionen verlassen oder ihren Abtritt angekündigt, darunter Janina Kugel von Siemens und Milagros Caiña-Andree von BMW. Frauen in Führungspositionen sind Vorbilder, sagt Voigt von BCG, und helfen den Unternehmen, weitere Frauen anzuheuern. Und dazu reicht eigentlich nicht eine einzige Frau, für eine Veränderung brauche es eigentlich 20 Prozent. "Je mehr Frauen in Spitzenpositionen, desto größer die Sogwirkung für weiblichen Führungsnachwuchs." Fast alle Konzerne hätten Diversitäts-Ziele auf ihren Websites und im Jahresbericht, doch die Fortschritte kämen schleppend. "Es ist eben zum Teil ein schmerzhafter Prozess, für den man bestehende Strukturen durchbrechen muss."

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SZ vom 20.12.2019/jerb
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