Frauen und Karriere:Verkehrsbetriebe werben um "echte Männer"

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Seltsam eigentlich: Das revolutionäre Russland und später die Sowjetunion waren Pioniere bei Rechten und Arbeitsmöglichkeiten für Frauen. Plakate warben in der frühen Sowjetzeit mit entschlossen wirkenden Frauen für den Aufbau des Sozialismus, auf einem Bild in der zupackenden Hand die rote Fahne, im Hintergrund Fabrikgebäude und rauchende Schlote. Schwere Arbeit? Kein Wort darüber.

Als erstes großes Land in Europa hatte Russland nach der Februarrevolution 1917 das Frauenwahlrecht eingeführt, Alexandra Kollontai war 1923 die erste Frau der Welt, die als Diplomatin akkreditiert wurde, Valentina Tereschkowa die erste im Weltall. "Es wird Zeit, dass die Behörden von den bemerkenswerten Frauen in Russlands Geschichte inspiriert werden", sagte Denis Kriwoschejew, Vizedirektor bei Amnesty International, über den Fall Medwedjewa. Wobei ähnliche Verbotslisten offenbar auch noch in Weißrussland, der Ukraine und anderen früheren Sowjetrepubliken existieren. Allen Unterschriften unter der UN-Konvention zum Trotz.

Als schädlich, ja gefährlich hatte 1974 die Sowjetführung die 456 Berufe empfunden und auf eine Liste gesetzt, damals wohl auch mit Blick auf die Fruchtbarkeit. "Diese Berufsverbote wurzeln in Stereotypen, die Frauen in erster Linie als Mütter sehen, während Männer eine Wahl haben und Karriere machen", sagte die Russin Stefania Kulajewa von der Antidiskriminierungsstelle der Menschenrechtsorganisation Memorial der Moscow Times. "In meinem Job gibt es zwar ein gewisses Risiko für Hörschäden", sagt die Kapitänin und Ingenieurin Medwedjewa, "aber was das mit meiner Fruchtbarkeit zu tun hat, ist mir nicht ganz klar."

Nachdem Russlands Regierung die Liste im Jahr 2000 bestätigt hatte, blieben die Behörden in der Regel unnachgiebig. Vor einigen Jahren versuchte die Sankt Petersburgerin Anna Klewez ihr Glück, sie wollte Metro-Fahrerin werden. Kann ja so schwer nicht sein, dachte sie und klagte. Sie verlor. Immer wieder kleben an den Wänden der Moskauer Metrowaggons Anzeigen der Verkehrsbetriebe, die um "echte Männer" werben. Jetzt aber, spätestens mit dem Urteil im Fall Medwedjewa, denkt die Regierung offensichtlich um.

Der technische Fortschritt spielt mit den Frauen

Auf SZ-Anfrage erklärt das russische Arbeitsministerium, dass die Verbotsliste derzeit überarbeitet werde, in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium. Wie lange dies dauere, könne man nicht sagen. Vorrangig sei die "Sorge um die Gesundheit der Frauen". Aber auch im Ministerium wird laut russischen Medien zunehmend argumentiert, dass sich Technik und Sicherheit mit den Jahren längst verbessert hätten und die Verbotsliste womöglich nicht mehr zeitgemäß sei.

Und Swetlana Medwedjewa? Sie wird trotz ihres Sieges nicht dort arbeiten, wo sie vor fünf Jahren hinwollte. Seit März hat sie eine andere Stelle als Kapitänin und Mechanikerin. "Mein neuer Arbeitgeber hat keinen Grund gesehen, mich abzulehnen", sagt sie. "Ihm haben meine Papiere gepasst - und auch mein Geschlecht."

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