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Frauen in Aufsichtsräten:"Ich hole mir häufig einen Korb"

Warum Frauen oft nicht richtig Karriere machen wollen und was passieren muss, damit in Zukunft mehr von ihnen in den Chefetagen sitzen: Ein Gespräch mit Personalberaterin Brigitte Lammers.

sueddeutsche.de: Frau Lammers, angenommen, ein Unternehmen würde bei Ihnen anklopfen - hätten Sie ein paar potentielle weibliche Aufsichtsräte in petto?

Dr. Brigitte Lammers ist Beraterin bei Egon Zehnder International. Sie ist Mitgründerin von Fidar, einer deutschen Initiative von Frauen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft für mehr Frauen in Aufsichtsräten.

(Foto: Foto: privat)

Brigitte Lammers: Ja, natürlich! Da Aufsichtsräte aber in aller Regel aus der ersten Führungsebene rekrutiert werden und Frauen dort bekanntlich eher rar vertreten sind, müssen wir etwas kreativer als sonst vorgehen, um geeignete Bewerberinnen zu identifizieren. Dabei beziehen wir natürlich auch das internationale Umfeld mit ein. Die entscheidende Botschaft für Unternehmen ist jedenfalls: Man findet qualifizierte Frauen, wenn man sie finden will.

sueddeutsche.de: Gibt es denn auch Unternehmen, die diese Frauen suchen?

Lammers: Auf jeden Fall. Viele Unternehmen möchten den Anteil von Frauen in den Aufsichtsgremien ebenso wie im Top-Management erhöhen. Das gilt für Dax-30-Unternehmen und für den Mittelstand.

sueddeutsche.de: Wie kommt das?

Lammers: Die Unternehmen nennen in erster Linie wirtschaftliche Gründe. Vielfältige Untersuchungen belegen, dass die wahrnehmbare Durchmischung der obersten Managementebene mit weiblichen Führungskräften tatsächlich zu einem besseren Unternehmensergebnis führt. Außerdem weiß jeder weitsichtige Unternehmenslenker, dass der "War for Talent" gerade erst einsetzt. Und der "War for Talent" ist eben auch ein "War for Women", weil Frauen etwa die Hälfte der heutigen Hochschulabsolventen repräsentieren.

sueddeutsche.de: Wenn das stimmt: Warum sind weibliche Aufsichtsräte dann immer noch Exoten?

Lammers: In jedem Fall liegt es auch an den Unternehmen selbst. Die Entscheidungsstrukturen sind eher männlich geprägt, die Unternehmenskulturen auch. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn man länger als ein paar Monate für den eigenen Nachwuchs pausiert, gerät man schnell aus dem Tritt, was die ganz große Karriere angeht. Das muss sich ändern. Damit exzellente weibliche Führungskräfte sehen, dass Kinder und Karriere zusammenpassen können.

sueddeutsche.de: Es liegt also doch an den Unternehmen?

Lammers: Nein, das wäre zu pauschal. Die Frauen tragen hier Mitverantwortung. Wer in einen Aufsichtsrat will, muss in aller Regel langjährige operative Erfahrung im Top-Management mitbringen. Das geht nicht, wenn man es nicht will und es nicht versteht, sich durchzusetzen. Viele Frauen machen sich zu Beginn ihrer Karriere keine klare Vorstellung davon, ob und wie sie unter den gegebenen Umständen Beruf und Familie in Einklang bringen wollen. Leider suchen sich Frauen häufig Arbeitgeber aus, wo das ersichtlich noch nicht geht.

sueddeutsche.de: Löst bessere Kinderbetreuung das Problem?

Lammers: Das ist ein wichtiger Punkt, aber nur einer von vielen. Auch wenn Kinderbetreuung gewährleistet ist, bleiben viele Frauen immer noch zu Hause. Es gibt offensichtlich nach wie vor eine dominante gesellschaftliche Erwartungshaltung an Frauen.

sueddeutsche.de: Viele Akademikerinnen sind kinderlos - und trotzdem nicht in Aufsichtsräten vertreten.

Lammers: Aus meiner Erfahrung als Personalberaterin kann ich sagen: Frauen verfolgen ihre Karriere weniger stringent als Männer. Ihnen ist eine gute Balance zwischen privaten Interessen und der beruflichen Situation wichtiger. Sie versuchen, ihre kreativen Eigenschaften einzubringen, sie verschaffen sich Freiräume, um diese mit ihren Talenten zu füllen. Damit besetzen sie in vielen Fällen sehr erfolgreich Nischen. Aus diesen Nischen führt aber nicht unbedingt ein Weg nach ganz oben.

sueddeutsche.de: Könnte man sagen, die Frauen wollen nicht so richtig?

Lammers: Wenn ich mit Frauen über einen karrierefördernden Wechsel spreche, hole ich mir leider weit häufiger einen Korb ab als bei Männern. Ab einem bestimmten Punkt scheinen Frauen mit dem beruflich Erreichten zufrieden zu sein. Sie suchen den nächsten Karriereschritt dann nicht mehr.

sueddeutsche.de: Die Frauen müssten also mehr Gas geben?

Lammers: Sie sollten sich in ihrer Karriere besser beraten lassen, sollten sich besser vernetzen, sich besser informieren. Und nicht nur darauf vertrauen, dass ihre gute Leistung in ihrem Umfeld gesehen und honoriert wird. Männer betreiben hier oft ein deutlich geschickteres Self-Marketing.

Im zweiten Abschnitt: Ob eine Frauenquote in Aufsichtsräten sinnvoll wäre und warum man von erfolgreichen Frauen so wenig hört.

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