Süddeutsche Zeitung

Frauen im Job:Vom Start weg in Rückstand

Noch bevor sich Frauen im Arbeitsleben beweisen können, müssen sie gegen teils unbewusste Klischees und Vorurteile kämpfen. Das schadet auch der Wirtschaft.

Achtung, hier schreibt ein Mann.

Ein Mann, der Chefinnen hatte. Diese haben ihre Mitarbeiter besser geführt als ihre Kollegen. Und sie haben gegen genau diese Kollegen ihre entscheidenden Machtkämpfe verloren.

Das ist Alltag in deutschen Unternehmen, tausendfach durch Beispiele und Statistiken belegt. Frauen bringen keine schlechteren Leistungen als Männer, sie kommen aber im Wettbewerb um höhere Positionen schlechter bis gar nicht voran. Denn unbewusste Vorurteile begleiten sie bei jedem Schritt ihres Berufslebens.

Das Stereotyp, das für die allermeisten Frauen und Männer nicht aus dem Kopf zu kriegen ist, heißt schlicht Mann = Arbeit, Frau = Familie. Bedeutet für die Frauen: Bei Bewerbungen wird man sie mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit aussortierten, wenn es um Führungspositionen geht, eigene Kinder dürfen Frauen nicht einmal erwähnen. Man wird dann zwar nett nach deren Befinden gefragt, den Zuschlag erhält dann aber doch der kinderlose oder zumindest männliche Konkurrent. In Zahlen liest sich das dann so: 62 Prozent der Frauen mit Kindern werden aus einer Bewerberrunde gestrichen, während es bei den Männern nur zwölf Prozent sind. Bei ihnen gelten Familie und Kinder als Zeichen von Verantwortung und Stabilität, bei Frauen sind sie schlicht eine unerwünschte Ablenkung.

Und dann ist da noch die Bewertung des Auftretens: Verhalten sich Frauen im Bewerbungsgespräch zu forsch, verlieren sie gegen männliche Konkurrenten, die gern etwas aggressiver sein dürfen. Arbeiten sie eng mit Männern zusammen, werden die Erfolge eher denen zugeschrieben als ihnen. Machen sie klare Ansagen, gelten sie als bissig, Männer als durchsetzungsfähig. Erzielen Sie ihre Ergebnisse mit Charme und Freundlichkeit, gelten Sie als weniger kompetent als Männer, die ähnlich auftreten.

Zusammengefasst: Egal, welche Sprache Frauen im Arbeitsleben sprechen, sie wird nur allzu gern missverstanden. Und zwar von allen, auch von Frauen. Besonders schlimm wird es auf der Führungsebene. Kritisiert eine Chefin ihre Mitarbeiter, dann ist schnell, viel zu schnell von der Mutti die Rede, die schon wieder nörgelt. Oder vom Drachen oder Schlimmerem.

Einer dieser Fälle beschäftigte den US-Supreme-Court schon vor gut 15 Jahren: Ann Hopkins war auf dem Weg zur Partnerin des Beratungsunternehmens Price Waterhouse, kam aber einfach nicht dort an - trotz hervorragender Leistungen. Ihre Chefs rieten ihr, etwas weniger wie ein "Macho" aufzutreten, Nachhilfe in Freundlichkeit zu nehmen und sich insgesamt femininer zu verhalten. Hopkins kündigte, klagte und gewann. In einem ähnlichen Fall dagegen verlor Ellen Pao, heute Interimschefin des Internet-Unternehmens Reddit, dieses Jahr gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber, die Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins Caufield & Byers. Bei den Befragungen kam heraus, dass weibliche Junior Partner zu wichtigen Treffen nicht eingeladen wurden, weil sie die kumpelige Gesprächsatmosphäre der Männer hätten stören können.

Warum passiert so etwas in der modernen Berufswelt? Der allgemeine Tenor ist doch heute vielmehr, Frauen würden dringend gesucht, Geschlechterdiskriminierung sei doch schon lange kein Thema mehr. Mann/Frau-Stereotype halten sich deshalb so hartnäckig, weil es gelernte Verhaltensmuster aus der Kindheit sind. Sie werden gebraucht, um Entscheidungen schneller treffen zu können. Wenn ein Kind schreit, haben Mutter und Vater schlicht nicht die Zeit, erst einmal die Zuständigkeiten zu klären. Manche Forscherinnen berichten schockiert darüber, dass sie selbst die unbewussten Vorurteile gegenüber erfolgreichen Frauen während ihrer Forschung bei sich bemerken, obwohl sie ihr ganzes Leben dagegen angeforscht haben. Stereotype sind sehr schwer zu durchbrechen, denn sie entsprechen in der Regel der Konvention. Ein Abweichen von der Norm dagegen ist meist mit Risiken verbunden.

Die unbewussten Verhaltensmuster bei Machtspielen im Berufsleben sind Folgen eines sehr viel größeren Machtspiels, das in allen vormodernen westlichen Gesellschaften bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts gespielt wurde und das es in einigen Ländern bis heute gibt. Es nimmt seinen Anfang im Privaten, treffend von der Autorin Eva Illouz in ihrem Buch Warum Liebe weh tut beschrieben: "Die Liebe versprach den Frauen den moralischen Status und die Achtung, die ihnen sonst in der Gesellschaft versagt blieben und sie verklärte ihr soziales Los: als Mütter, Frauen und Geliebte andere zu umsorgen und zu lieben". Die Moderne hat diese klassische Rollenverteilung zwar infrage gestellt, sie ist aber längst nicht überholt.

Selbst bei exzellent ausgebildeten Universitätsabsolventen setzen sich altmodische Rollen früher oder später durch - sogar dann, wenn Frau und Mann eigentlich gleichberechtigt zusammenleben wollten. Eine Studie unter Harvard-Absolventinnen und -Absolventen zeigte, dass diese die zukünftige Rollenverteilung in ihrer Beziehung bereits während ihres Abschlusses vorhersahen: 25 Prozent der Absolventinnen sagten, ihre Karriere würde später einmal weniger wichtig sein als die ihres Mannes. Tatsächlich fanden sich später sogar 39 Prozent der Absolventinnen in Beziehungen wieder, in der die Karriere des Mannes wichtiger war. Viele Frauen waren also sogar noch zu optimistisch gewesen.

Es gibt Versuche, Stereotype frontal zu bekämpfen

In der Europäischen Union steht jede vierte Frau aus familiären Gründen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Von den nicht erwerbstätigen Männern geben nur drei Prozent die Familie als Grund an. Männer sehen die Familie, das Zuhause, den Haushalt in der Regel nicht als Ort der Selbstverwirklichung, Frauen schon. Frauen werden schon als Mädchen mit den entsprechenden Aufgaben betraut und führen später ihren Haushalt mit größter Selbstverständlichkeit - übrigens kein schlechtes Training für Managementaufgaben.

Dagegen ist es auch in der modernen Gesellschaft nichts Besonderes, wenn ein Mann von einer fürsorglichen Mutter direkt an eine verantwortungsvolle Freundin und Frau übergeben wird. Tests mit Wäschekörben auf der Straße zeigten, dass viele ausgewachsene Männer noch nicht einmal wissen, dass man Wäsche sortieren muss, bevor man sie in die Maschine steckt. Diesen Männern, die daheim Gäste bleiben und bei der Hausarbeit nur gelegentlich zuschauen, ist der Weg vorgezeichnet: schwere Lasten tragen, Hausmeister sein, Geld verdienen. Verständlich, dass solche Männer recht feindselig reagieren, wenn Frauen auch noch in der Arbeit, ihrem Hauptzufluchtsort, das Heft in die Hand nehmen wollen.

So bedienen konservative Kleriker und Politiker gern die "untersten Schubladen", um Frauen wieder an den Platz zu stellen, wo sie die meisten Männer und gar nicht wenige Frauen insgeheim immer noch haben wollen. Die Werbeindustrie penetriert immer wieder das Klischee von der hübschen Frau, die sich dem Käufer eines bestimmten Produkts willenlos hingibt. Und natürlich wirkt im Werbespot der Mann nur dann kompetent vor der Waschmaschine, wenn er der Klempner ist. Meinungsbildende Männer können gar nicht genug darüber schreiben, wie besonders und seltsam es ist, mit anderen Mamas auf dem Spielplatz zu sitzen. Männer-, Frauen- und Elternmagazine tun ihr Übriges, um ihren Lesern ihre liebgewonnenen Stereotype von starken Jungs und verletzlichen Mädchen einzumassieren. Auf einen Nenner gebracht: Was sich Frauen in der Arbeitswelt mühsam an Gleichheit und Augenhöhe erstreiten, müssen sie "draußen" auch noch gegen eine sehr große Klischee-Koalition verteidigen. Das ist nicht nur unfair, das ist eine Zumutung.

Was also tun? Es gibt Versuche, Stereotype frontal zu bekämpfen. Unternehmen bieten Trainings an, in denen sich die Teilnehmer ihre unbewussten Vorurteile immer wieder bewusst machen und damit ein von Stereotypen freies, professionelles Verhalten einzuüben. Da werden Bildschirmschoner gebaut, in denen Frauen mit der Bildunterschrift "starke Chefin" oder "Technikmeisterin" markiert werden. Es gibt Leitfäden für Stellenanzeigen, in denen nicht "Geschäftsführer (m/w)", sondern "Geschäftsführerin/ Geschäftsführer" stehen sollte, sonst bewerben sich weniger qualifizierte Frauen. Gleiches gilt, wenn in der Ausschreibung zu viele als männlich wahrgenommene Attribute wie "durchsetzungsstark" oder "gewinnorientiert" stehen. In Bewerbungsverfahren sollen Unterlagen anonymisiert und Interviews genau strukturiert werden, damit Vorurteilen harte Fakten entgegengesetzt werden können. Im Unternehmensalltag schließlich sollen Quoten, Schutzzonen und Mentoring- Programme dafür sorgen, dass ein Gegengewicht zur männlichen Leitkultur entsteht.

Das alles klingt wenig natürlich, mehr nach einem Schutzanzug für Frauen, die nach oben wollen. Es klingt nach kontrolliertem Mitarbeiterinnen- Sprech, ständigem Dokumentieren und Anonymisieren, es klingt nach Gleichstellungspolizei, die überall lauert. So wird es vermutlich nicht gehen. Allein schon, weil es in der Männerwelt nicht gern gesehen wäre, wenn Leistungen - und damit auch Fehler und Versagen - zu genau dokumentiert würden. In vielerlei Hinsicht ist die Welt der Führungskräfte eine japanische: Männer schützen sich gegenseitig davor, vor anderen das Gesicht zu verlieren. Corpsgeist und Kameradschaft werden dann eben nicht mehr offen eingefordert, sondern im Stillen. Die unterschwellige Benachteiligung von Frauen wäre dann noch schwerer aufzuspüren.

Denn es gibt noch immer ein Set von Leistungskriterien, das nichts mit Leistung zu tun hat, die aber einen nicht unerheblichen Teil der Bewertung von Führungskräften ausmacht. Männer haben hier eine lange Tradition entwickelt, das für sie Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Gemeinsame Besuche von Fußballspielen, auf ein Bierchen nach der Arbeit, Ausfahrten in schnellen Autos. Plötzlich duzt man sich mit dem Chef und hat schon einen Vorteil, den man sich anders nicht verdienen könnte. Frauen wären eigentlich sehr gut im Networking - wenn es um gegenseitige Hilfe geht. Das Selbstverständnis aber, dass man Netzwerke bildet, um im Wettbewerb einen Vorteil zu haben, überrascht Frauen immer wieder.

Frauen bräuchten vielmehr einen Wettbewerb, der nach klaren und für alle Mitspieler nachvollziehbaren Regeln funktioniert. Dann könnten sie auch die Stärken ausspielen, die sie in der Ausbildung entwickelt haben. Nur: Frauen dürfen diesen Wettbewerb leider nicht selbst einfordern. Würden sie das tun, würden Sie dafür bestraft. Dann greift das Stereotyp, selbstbewusste Frauen müssten irgendein Problem haben, sonst würden sie sich ja ruhig verhalten wie die anderen Frauen. Diese kennen die Erwartungen an sich selbst sehr gut und haben sie verinnerlicht, wie eine Studie der Organisation Catalyst zeigte: Demnach halten es 96 Prozent der befragten weiblichen Führungskräfte für wichtig, einen Arbeitsstil zu entwickeln, der Männern angenehm ist.

Die Unternehmen selbst müssen neue Wettbewerbsregeln aufstellen, und es braucht Schiedsrichter beider Geschlechter unter den Führungskräften, damit fair um Ergebnisse und Beförderungen gespielt wird. Es braucht eine Arbeitswelt, in der sich Männer mehr und mehr von ihrem bisherigen Rollenverständnis trennen. Denn wenn wir so weitermachen wie bisher, würde es noch lange 81 Jahre dauern, bis Frauen im Arbeitsleben vollkommen gleichberechtigt wären, so eine Hochrechnung des World Economic Forum im vergangenen Jahr.

Erst wenn Chefs das Einmaleins der Hausarbeit beherrschen und nicht mehr Hausgäste und Placebo-Väter sind, werden sie die Sprache ihrer Mitarbeiterinnen richtig verstehen. Erst wenn Lebenspartner vor der Geburt eines Kindes neben der Inneneinrichtung des Babyzimmers auch die gemeinsame berufliche Zukunft planen, werden sie Forderungen stellen, die die Frau mit Kind nicht zur Hilfsarbeiterin verkommen lässt. Erst wenn Unternehmen auch Vätern die Chance bieten, sich gleichgewichtig und nicht nur gleichberechtigt um ihre Familie zu kümmern, sind deren Frauen in der Lage, einen ordentlichen Job anzunehmen. Erst wenn Unternehmen in Programme investieren, ihre Mitarbeiterinnen auch in der Elternzeit auf beruflicher Augenhöhe zu halten, werden diese bei der Rückkehr nicht untergehen. All dies würde sich lohnen: Das Institut der deutschen Wirtschaft hat vorausgesagt, dass vermehrte Initiativen von Unternehmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis 2020 eine volkswirtschaftliche Rendite im dreistelligen Milliardenbereich erbringen könnten. Man kann das auch umdrehen: Eine männerdominierte Arbeitswelt kostet die Wirtschaft Milliarden.

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Quelle:
SZ vom 12.06.2015/mkoh
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