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Frauen im Job:Vom Start weg in Rückstand

Noch bevor sich Frauen im Arbeitsleben beweisen können, müssen sie gegen teils unbewusste Klischees und Vorurteile kämpfen. Das schadet auch der Wirtschaft.

Achtung, hier schreibt ein Mann.

Ein Mann, der Chefinnen hatte. Diese haben ihre Mitarbeiter besser geführt als ihre Kollegen. Und sie haben gegen genau diese Kollegen ihre entscheidenden Machtkämpfe verloren.

Das ist Alltag in deutschen Unternehmen, tausendfach durch Beispiele und Statistiken belegt. Frauen bringen keine schlechteren Leistungen als Männer, sie kommen aber im Wettbewerb um höhere Positionen schlechter bis gar nicht voran. Denn unbewusste Vorurteile begleiten sie bei jedem Schritt ihres Berufslebens.

Dieser Artikel ist aus Plan W, dem neuen Magazin der Süddeutschen Zeitung.

Außerdem in dieser Ausgabe:

  • Illustration für Plan W Mehr Beinfreiheit, bitte!

    Im Job wird man als Frau nur im Hosenanzug oder Kostüm ernst genommen? Quatsch! Das entscheidende Detail ist das Auftreten.

  • Julia Bösch "Amerika hat mich total gepusht"

    Für die Outfittery-Chefin Julia Bösch reichte ein halbes Jahr in den USA, um ihren Traum von der eigenen Firma wahr zu machen.

  • New Hampshire State House; New Hampshire für Plan W Mutter Staat

    Im US-Bundesstaat New Hampshire sitzen fast nur Frauen in den politischen Spitzenämtern. Wie verändert das eine Gesellschaft?

Das Stereotyp, das für die allermeisten Frauen und Männer nicht aus dem Kopf zu kriegen ist, heißt schlicht Mann = Arbeit, Frau = Familie. Bedeutet für die Frauen: Bei Bewerbungen wird man sie mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit aussortierten, wenn es um Führungspositionen geht, eigene Kinder dürfen Frauen nicht einmal erwähnen. Man wird dann zwar nett nach deren Befinden gefragt, den Zuschlag erhält dann aber doch der kinderlose oder zumindest männliche Konkurrent. In Zahlen liest sich das dann so: 62 Prozent der Frauen mit Kindern werden aus einer Bewerberrunde gestrichen, während es bei den Männern nur zwölf Prozent sind. Bei ihnen gelten Familie und Kinder als Zeichen von Verantwortung und Stabilität, bei Frauen sind sie schlicht eine unerwünschte Ablenkung.

Und dann ist da noch die Bewertung des Auftretens: Verhalten sich Frauen im Bewerbungsgespräch zu forsch, verlieren sie gegen männliche Konkurrenten, die gern etwas aggressiver sein dürfen. Arbeiten sie eng mit Männern zusammen, werden die Erfolge eher denen zugeschrieben als ihnen. Machen sie klare Ansagen, gelten sie als bissig, Männer als durchsetzungsfähig. Erzielen Sie ihre Ergebnisse mit Charme und Freundlichkeit, gelten Sie als weniger kompetent als Männer, die ähnlich auftreten.

Zusammengefasst: Egal, welche Sprache Frauen im Arbeitsleben sprechen, sie wird nur allzu gern missverstanden. Und zwar von allen, auch von Frauen. Besonders schlimm wird es auf der Führungsebene. Kritisiert eine Chefin ihre Mitarbeiter, dann ist schnell, viel zu schnell von der Mutti die Rede, die schon wieder nörgelt. Oder vom Drachen oder Schlimmerem.

Einer dieser Fälle beschäftigte den US-Supreme-Court schon vor gut 15 Jahren: Ann Hopkins war auf dem Weg zur Partnerin des Beratungsunternehmens Price Waterhouse, kam aber einfach nicht dort an - trotz hervorragender Leistungen. Ihre Chefs rieten ihr, etwas weniger wie ein "Macho" aufzutreten, Nachhilfe in Freundlichkeit zu nehmen und sich insgesamt femininer zu verhalten. Hopkins kündigte, klagte und gewann. In einem ähnlichen Fall dagegen verlor Ellen Pao, heute Interimschefin des Internet-Unternehmens Reddit, dieses Jahr gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber, die Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins Caufield & Byers. Bei den Befragungen kam heraus, dass weibliche Junior Partner zu wichtigen Treffen nicht eingeladen wurden, weil sie die kumpelige Gesprächsatmosphäre der Männer hätten stören können.

Warum passiert so etwas in der modernen Berufswelt? Der allgemeine Tenor ist doch heute vielmehr, Frauen würden dringend gesucht, Geschlechterdiskriminierung sei doch schon lange kein Thema mehr. Mann/Frau-Stereotype halten sich deshalb so hartnäckig, weil es gelernte Verhaltensmuster aus der Kindheit sind. Sie werden gebraucht, um Entscheidungen schneller treffen zu können. Wenn ein Kind schreit, haben Mutter und Vater schlicht nicht die Zeit, erst einmal die Zuständigkeiten zu klären. Manche Forscherinnen berichten schockiert darüber, dass sie selbst die unbewussten Vorurteile gegenüber erfolgreichen Frauen während ihrer Forschung bei sich bemerken, obwohl sie ihr ganzes Leben dagegen angeforscht haben. Stereotype sind sehr schwer zu durchbrechen, denn sie entsprechen in der Regel der Konvention. Ein Abweichen von der Norm dagegen ist meist mit Risiken verbunden.

Die unbewussten Verhaltensmuster bei Machtspielen im Berufsleben sind Folgen eines sehr viel größeren Machtspiels, das in allen vormodernen westlichen Gesellschaften bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts gespielt wurde und das es in einigen Ländern bis heute gibt. Es nimmt seinen Anfang im Privaten, treffend von der Autorin Eva Illouz in ihrem Buch Warum Liebe weh tut beschrieben: "Die Liebe versprach den Frauen den moralischen Status und die Achtung, die ihnen sonst in der Gesellschaft versagt blieben und sie verklärte ihr soziales Los: als Mütter, Frauen und Geliebte andere zu umsorgen und zu lieben". Die Moderne hat diese klassische Rollenverteilung zwar infrage gestellt, sie ist aber längst nicht überholt.

Selbst bei exzellent ausgebildeten Universitätsabsolventen setzen sich altmodische Rollen früher oder später durch - sogar dann, wenn Frau und Mann eigentlich gleichberechtigt zusammenleben wollten. Eine Studie unter Harvard-Absolventinnen und -Absolventen zeigte, dass diese die zukünftige Rollenverteilung in ihrer Beziehung bereits während ihres Abschlusses vorhersahen: 25 Prozent der Absolventinnen sagten, ihre Karriere würde später einmal weniger wichtig sein als die ihres Mannes. Tatsächlich fanden sich später sogar 39 Prozent der Absolventinnen in Beziehungen wieder, in der die Karriere des Mannes wichtiger war. Viele Frauen waren also sogar noch zu optimistisch gewesen.