Frankreich: Professoren-Streik Schreibe bekloppt und du wirst zitiert!

Kampf dem Ranking-Wahn: In Frankreich streiken die Professoren. Mit passivem Widerstand wollen sie das System ad absurdum führen.

Von A. Rühle

Im vergangenen Sommer beschlossen Präsident Sarkozy und seine Forschungsministerin Valérie Pécresse eine Universitätsreform, die den Universitäten mehr Freiheit in Budget- und Personalfragen übertragen sollte. Die 60.000 Universitätsangestellten fürchten seither, dass sich der Staat am Ende aus der finanziellen Verantwortung stehlen wolle und dass sie alle in Folge des neuen Gesetzes mehr unterrichten müssten und weniger forschen könnten als bisher.

Proteste in Frankreich: Am Anfang dieses Monats sind landesweit die Professoren in Streik getreten.

(Foto: Foto: afp)

Mit seinem großen Talent für Brachialprovokationen brachte Sarkozy die ohnehin besorgte Zunft weiter gegen sich auf, als er Ende Januar in einer Grundsatzrede einen Kübel Hohn über die französischen Gelehrten ausleerte: "Ich möchte hier nicht unangenehm werden, aber trotz vergleichbarem Budget veröffentlicht ein französischer Forscher im Durchschnitt 30 bis 50 Prozent weniger als sein britischer Kollege" (was nicht stimmt).

Mit dem Traktor durch die Rabatten

Sarkozy sprach von "infantilisierenden und lähmenden Strukturen" und lieferte eine dermaßen rüpelhaft-arrogante Suada ab, dass sich sogar Nature der Sache annahm und schrieb, Sarkozy tue ja gut daran, wenn er den Universitäten mehr Unabhängigkeit von der zentralistischen Verwaltung geben wolle, er könne aber nicht quasi mit dem Traktor durch die Rabatten fahren und alles plattmachen, was ihm in den Weg komme.

Am Anfang dieses Monats sind nun landesweit die Professoren in Streik getreten. Sie fordern die Rücknahme des Gesetzes, "das nur von Technokraten und Ideologen ersonnen worden ist", wie die französischen Universitätspräsidenten in einem furiosen gemeinsamen Appell schrieben. Es gibt Demonstrationen, Sitzstreiks und die wohl größte Bildungsdebatte seit langem.

Quantitativer Primitivismus

Einer der schönsten Beiträge dazu ist in der Internetzeitung Rue 89 zu lesen: Die Philosophie-Professorin Barbara Cassin vergleicht darin die zur Erlangung von Forschungsgeldern immer zentraler werdende Technik der Evaluation in ihrem quantitativen Primitivismus mit dem Ranking von Google: "Bei Google steht der Treffer oben, auf den die meisten anderen Seiten verweisen - genauso funktioniert die Zitationspraxis bei uns Forschern: Je mehr Texte, desto öfter werden sie zitiert, desto weiter wandern sie im Ranking nach oben."

Cassin fordert ihre Kollegen auf, in einer Mischung aus Faschingsscherz und passivem Widerstand das System ad absurdum zu führen: "Fangen Sie an, schmutziges Zeug zu veröffentlichen: Schnell geschriebene Artikel, am besten aufgeteilt in viele kleine Unterartikel, es ist egal, wenn die sich ähneln, Hauptsache, Sie schreiben Sie auf Englisch. Und veröffentlichen Sie einen 'kontroversen', also widersprüchlichen, bekloppten Text, so dass all Ihre Kollegen sich gezwungen sehen, Sie zu zitieren, um sich von Ihrem Mist abzusetzen." Bleibt die Frage, wer einem solchen selbstzerstörerischen Aufruf Folge leisten wird.

Die Bildungsministerin hat übrigens gestern den Protesten nachgegeben, das Gesetz wird vorerst ausgesetzt.