Frage an den SZ-Karrierecoach:Wie finde ich den passenden Job?

Inga H. hält sich für eine gut qualifizierte Akademikerin mit Herz. Leider hat das bisher nicht zu einer Festanstellung geführt. Der SZ-Jobcoach gibt Tipps, wie sie ihr Potenzial ausschöpft - und welche Jobs für sie infrage kommen.

SZ-Leserin Inga H. fragt:

Ich bin 29 Jahre alt, habe einen Master in "European Culture and Economy" und war nach dem Studium ein Jahr als Deutschlehrerin in Barcelona. Ich kann akademisch arbeiten, drei Sprachen fließend und zwei weitere gut sprechen, Projekte organisieren, Menschen führen, vor einer Gruppe auftreten und mich schnell in themenfremde Gebiete einarbeiten.

Ich halte mich für eine gut qualifizierte Akademikerin mit Herz und hohem kulturellen Einfühlungsvermögen. Leider hat das bisher nicht zu einer Festanstellung geführt. Haben Sie eine Idee, wie ich mein Potenzial besser ausschöpfen kann? Und eventuell auch eine Idee für einen Berufszweig, der momentan gefragt ist und den ich übersehen habe?

Madeleine Leitner antwortet:

Liebe Frau H., Seiteneinsteiger haben die größten Chancen, wenn es bei den Aufgaben mehr auf die Persönlichkeit als auf das spezifische Fachwissen ankommt. Wie ich Ihrem beigefügten Lebenslauf entnehme, haben Sie schon viel Erfahrung mit unterschiedlichsten Aufgaben gesammelt. Eigentlich müssen Sie daher das Rad gar nicht neu erfinden, sondern können darauf aufsetzen. Die folgenden Vorschläge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und persönliche Passung:

1. Vorstandsassistentin oder Assistentin der Geschäftsführung: Solche Stellen sind oft sehr anspruchsvoll und - in der passenden Branche - auch gut bezahlt. Hier zählen eine gute Auffassungsgabe, Organisationstalent sowie Geschick im Umgang mit unterschiedlichsten Personen und Situationen. Oft ist diese Tätigkeit allerdings mit einem weit überdurchschnittlichen Einsatz verbunden. Bitte beachten Sie, dass sich hinter dem Titel auch ganz unterschiedliche Aufgaben verbergen können. Manche Assistenten kochen Kaffee, andere verantworten ganze Strategieprojekte!

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2. Trainerin: Die meisten Trainer sind freiberuflich tätig. Oft bilden sie Netzwerke mit anderen Kollegen. Die Tätigkeit kann mit Geschick bei der Akquise oder passenden Kontakten durchaus lukrativ sein. Als Nachteil gilt für viele die mit der Tätigkeit verbundene starke Reisetätigkeit. Sie haben bereits ein Jahr als Dozentin gearbeitet. Durch eine gute Trainer-Ausbildung können Sie sich zusätzlich didaktisches Know-how aneignen. Inhaltlich können Sie sich, statt bisher auf Deutsch, auf andere Themen fokussieren, die am Markt gefragt sind. Das geht von interkultureller Kommunikation über Teamentwicklung, Zeit- und Selbstmanagement bis zu Verhandlungstechniken und vielem mehr.

3. Projektmanagement: Die Aufgaben bestehen aus der Planung, Steuerung und Organisation von zeitlich befristeten Projekten. Dafür müssen Sie über eine gute Analyse- und Planungsfähigkeit verfügen. Das klingt zunächst sehr formal und technisch. Für den Erfolg von Projekten ist es allerdings von entscheidender Bedeutung, die unterschiedlichen Beteiligten zur Zusammenarbeit zu bewegen. Das gilt besonders für internationale Projekte, bei denen die Teams häufig nur virtuell miteinander kommunizieren. Projektmanager arbeiten oft fachfremd in ganz unterschiedlichen Branchen. Wenn Sie nach einigen Stationen als Projektassistentin jetzt verstärkt in diesen Bereich hinein wollen, sollten Sie sich unbedingt formal qualifizieren.

4. Vertrieb/Verkauf: Auch hier spielt die Persönlichkeit die entscheidende Rolle. Die Tätigkeit wird oft automatisch mit Klinkenputzen oder Kaltakquise gleichgesetzt, obwohl es auch andere Facetten gibt, zum Beispiel den Vertriebsinnendienst oder Key Account Manager. Manchen Menschen fällt es von Natur aus leicht, Kontakte aufzubauen. Ihre Abschlüsse machen sie eher beiläufig. Diese Menschen sind im Vertrieb gut aufgehoben. Es hängt allerdings stark von der Branche, der Firmenkultur und vom Vorgesetzten ab, ob der Job der Himmel oder die Hölle ist.

5. Teamleiterin/Führungskraft: Die Hauptaufgabe besteht darin, das Beste aus der kostbaren Ressource Mensch herauszuholen. Das bedeutet einen ständigen Spagat zwischen Einfühlung und Durchsetzung. Für diese anspruchsvolle Aufgabe sollte man eine Begabung mitbringen. Führungsseminare können allenfalls mehr Sicherheit vermitteln. Beachten Sie, dass nicht alle Firmen der gleichen Meinung sind, was eine gute Führungskraft ausmacht. Manche sehen Führungskräfte als Coach ihrer Mitarbeiter, andere wünschen sich eher Einpeitscher von Galeerensklaven.

Bevor Sie loslegen, noch ein wichtiger Hinweis: Bevor Sie sich auf einen Bereich festlegen, sollten Sie wissen, auf was Sie sich einlassen. Nehmen Sie Ihren Favoriten unbedingt noch einmal genau unter die Lupe! Die Realität kann ganz anders sein als Ihre Vorstellung davon!

Am besten unterhalten Sie sich dazu mit Praktikern, die das tun, was Sie interessiert. Die haben naturgemäß den besten Einblick. Vermeiden Sie es, Mitarbeiter von Ausbildungsinstituten zu befragen, die naturgemäß nicht unbedingt neutral sind. Am besten ist es, mehrere Meinungen zu hören. Beim Vergleich der Informationen haben Sie eine gute Entscheidungsgrundlage. Gleichzeitig erfahren Sie bei Ihrer Recherche, wie andere in diesen Bereich hineingekommen sind und welche Aus- oder Weiterbildung für Sie sinnvoll sein könnte.

Madeleine Leitner ist Diplom-Psychologin und hat als Therapeutin in Kliniken, als Gerichtsgutachterin und Personalberaterin für große Konzerne gearbeitet. Heute ist sie selbständige Karriereberaterin in München.

Haben Sie auch eine Frage zu Bewerbung, Berufswahl, Etikette, Arbeitsrecht, Karriereplanung oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten beantworten ausgewählte Fragen im Wechsel. Ihr Brief wird selbstverständlich anonymisiert.

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