Frage an den SZ-Jobcoach Wie bewerbe ich mich ohne Zeugnisse?

Sandra Z. hat sechs Jahre in den USA gearbeitet. Jetzt will sie in Deutschland in ihren gelernten Job einsteigen. Doch ihr fehlen Zeugnisse - wie soll sie bei der Bewerbung am besten vorgehen?

SZ-Leserin Sandra Z. fragt:

Nach sechs Jahren in den USA bin ich kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt. Ich hatte in Amerika unterschiedliche Jobs, die teilweise nichts mit meiner Ausbildung zur Betriebswirtin (FH) zu tun hatten. Zuletzt war ich Fitnesstrainerin in einem Fünf-Sterne-Hotel.

Leider habe ich keine Arbeitszeugnisse, da diese in den USA unüblich sind, lediglich Referenzschreiben von zwei Arbeitgebern. In Deutschland möchte ich nun wieder in mein Berufsfeld BWL/Vertrieb/Marketing einsteigen und wüsste gerne, wie ich das in meiner Bewerbung plausibel mache.

Christine Demmer antwortet:

Liebe Frau Z., es ist einfach, Ihren Wunsch plausibel zu machen: Nennen Sie im Anschreiben zu Ihrer Bewerbung ganz ehrlich die Gründe, die Sie zur Rückkehr an den Schreibtisch bewegen. Zum Beispiel, dass Sie von sechs Jahren schweißtreibender Arbeit genug haben. Dass Sie gerne wieder einen Job mit normalen Arbeitszeiten hätten. Dass Ihnen gelangweilte Hotelgäste bis obenhin stehen. Dass Sie sich nach einem längeren Auslandsaufenthalt wieder auf Ihre ursprüngliche Ausbildung besinnen und sich damit eine Karriere aufbauen möchten. Jeder einzelne dieser Gründe wird jedem Personaler sofort einleuchten. "Selbstverständlich", wird er denken und Ihre Bewerbung auf den ganz großen Stapel legen.

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Wie muss ein Bewerbungsschreiben aussehen? | Darf ich im Lebenslauf schummeln? | Was gilt es im Vorstellungsgespräch zu beachten? | Wie läuft ein Assessmentcenter ab? Der Bewerbungs-Ratgeber von SZ.de gibt Tipps.

Nur macht Verständnis allein weder satt noch können Sie damit die Miete bezahlen. Ihre Chancen, nach sechs Jahren (!) atypischer Tätigkeit (!) im Ausland (!) ohne Zeugnisse (!) auf Anhieb eine Stelle als Betriebswirtin in Marketing oder Vertrieb zu bekommen, sind nicht berauschend, und das ist noch positiv formuliert. Die gute Nachricht: Sie brauchen nur eine einzige Stelle, die Ihnen gefällt und die zu hundert Prozent zu dem passt, was Sie können. Wenn Ihr Profil mit dem eines gesuchten Mitarbeiters übereinstimmt, sind Ihre Erfolgsaussichten ganz vorzüglich.

Was also können Sie jetzt besser als vor sechs Jahren? Ziemlich gut Englisch sprechen, vermutlich. Wahrscheinlich kennen Sie sich darüber hinaus mit Fitnessübungen und -geräten aus und sind in der Lage, eine anspruchsvolle Klientel bei Laune zu halten. All diese Fähigkeiten können Sie in kurzer Zeit praktisch unter Beweis stellen, was für denjenigen Arbeitgeber, der danach sucht, noch mehr zählt als ein Zeugnis. Wenn er dazu am liebsten eine betriebswirtschaftlich ausgebildete Frau mit erwiesenem Mut zum Sprung ins kalte Wasser sucht, dann haben Sie den Job.

Den müssen Sie jetzt nur noch finden - oder ein Unternehmen dazu bringen, Ihnen eine Stelle zu backen. Überlegen Sie: Welches Unternehmen würde sich nach einer Mitarbeiterin wie Ihnen alle Finger lecken?

Ein Hersteller von Fitnessgeräten, der gerne mehr davon verkaufen möchte? Ein Fitnessraumgestalter, dessen Innen- und Außendienst Sie optimieren könnten? Ein Hotel, das seinen Wellness-Bereich optimieren will? Ein überregional tätiger Pflegedienst, der mit Gesundheitseinrichtungen, Fitnessstudios und Physiotherapeuten kooperieren will und dafür jemanden braucht, und sei es anfangs in freier Mitarbeit? Ein Spaßbad mit internationaler Kundschaft und Not an betriebswirtschaftlichem Basiswissen?

Viel mehr als Basiswissen bringen Sie vermutlich momentan nicht mit. Aber dafür haben Sie eine Menge anderes im Gepäck. Packen Sie aus!

Christine Demmer arbeitet als Journalistin in Deutschland und Schweden. Sie ist Managementberaterin, Coach und Autorin zahlreicher Bücher zu Kommunikations- und Personalthemen.

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