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Frage an den SZ-Jobcoach:Wann sage ich einer Mitarbeiterin, dass sie keine Chance hat?

Rat vom Jobcoach: Spezialisieren Sie sich.

Uta K. braucht Hilfe vom SZ-Jobcoach.

(Foto: Jessy Asmus)

Eine befristet Angestellte spekuliert auf eine feste Stelle. Doch Uta K. will ihr keine Hoffnungen machen und bittet den Jobcoach um Rat.

SZ-Leser Lukas T. fragt:

In unserem Unternehmen leite ich einen gefahrenkritischen Bereich, in dem Fehler sofort eine kritische Medienberichterstattung und aufwendige juristische Verfahren nach sich ziehen. Nächstes Jahr steht uns ein Technologiewechsel bevor. In einem Pilotprojekt haben erfahrene Mitarbeiter die neue Technologie erfolgreich eingesetzt, dabei jedoch in den ersten Monaten eine Gratwanderung mit vielen unerwarteten kritischen Situationen durchlaufen. Ähnliches steht meinen Mitarbeitern bevor, die aber deutlich ängstlicher und vorsichtiger sind und die Innovation mit Vorbehalten betrachten. Sie erwarten eine sicher funktionierenden Verfahrensanweisung. Keiner will für folgenschwere Fehler verantwortlich gemacht werden. Wie bringe ich sie dazu, sich aktiv an der Ausarbeitung reibungslos funktionierender Prozesse zu beteiligen?

Georg Kaiser antwortet:

Sorgen Sie während der Implementierung für Rahmenbedingungen, die eine gewisse Fehlertoleranz zulassen - etwa durch nachgeschaltete Sicherungsprozesse. Sorgen Sie darüber hinaus für ein anderes Umgehen mit Fehlern. Erklären Sie Ihren Mitarbeitern, dass es nicht nur um die Einführung einer neuen Technologie geht, sondern - zumindest für den Zeitraum der Implementierung - auch um einen anderen Umgang mit Fehlern.

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Ihre Mitarbeiter bewegen sich in einem Setting, in dem Experten fehlerfreie Prozesse definieren und Verfahrensanweisungen befolg werden müssen. Wenn Fehler auftreten, werden sie als individuelles Versagen einzelner Mitarbeiter aufgefasst. Diese sind bestrebt, alles richtig und nach Vorschrift zu machen. In einem solchen Mindset ist Absicherung wichtiger als Experimentierfreude.

Der Angst vor dem Scheitern können Sie entgegenwirken, indem Sie die Mitarbeiter des Pilotprojekts über Stolpersteine, Lernschritte und Erfolgsfaktoren berichten lassen. Eine Exkursion samt Erfahrungsaustausch bei einem Unternehmen Ihrer Branche, das einen offenen Umgang mit Fehlern praktiziert, macht eine solche Kultur erfahrbar.

Bei der Anpassung einer neuen Technologie an die Erfordernisse der Praxis stehen die richtigen Ergebnisse zu Beginn noch nicht fest. Sie müssen gemeinsam erarbeitet werden. Die Feinabstimmung der Prozesse erfolgt durch Versuch und Irrtum. Irrtümer müssen schnell erkannt und korrigiert werden. Ein solches Vorgehen verläuft erfolgreicher, wenn die Beteiligten offen über Fehleinschätzungen sprechen. So lernen alle aus den Fehlern und Beinahe-Fehlern der anderen. Es kann sich eine Kultur von Vertrauen, Experimentierfreude und gegenseitiger Unterstützung entwickeln.

Ein solch offener Austausch unter Kollegen entsteht nicht von selbst. Vor allem dann nicht, wenn zuvor Fehler das Schlimmste waren, was einem unterlaufen konnte. Ein solcher kultureller Wandel muss angeleitet, vorgelebt und in festen Gesprächsformaten verankert werden. Etwa in Form eines wöchentlichen Erfahrungsaustauschs über kritische Situationen mit dem Ziel, den Kollegen zu helfen, nicht in ähnliche Fallen zu tappen, wie es einem selbst passiert ist.

Auf dem Pfad der Implementierung einer neuen Technologie ist ein offenes und konstruktives Umgehen mit Fehlern wichtig . Vielleicht kommen Ihre Mitarbeiter auf den Geschmack und halten es bei. Für den Fall, dass Prozessgenauigkeit und definierte Vorgehensweisen nach gelungener Implementierung das mehr Erfolg versprechende Vorgehen sein wird, denken Sie darüber nach, wie Sie Ihre Mitarbeiter dazu bringen, mitzudenken, mitzuentscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Angesichts des Tempos des technologischen Fortschritts wird dies nicht die letzte Implementierung gewesen sein.

Ihre Frage an den SZ-Jobcoach

Haben Sie auch eine Frage zu Berufswahl, Bewerbung, Etikette oder Arbeitsrecht? Dann schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere Experten beantworten ausgewählte Fragen. Ihr Brief wird anonymisiert.

Georg Kaiser arbeitet als Personalreferent in Bremen mit den Arbeitsschwerpunkten Team-, Führungskräfte- und Organisationsentwicklung.

SZ-Leser Rainer K. fragt:

Ich bin im besten Alter (zumindest aus meiner Sicht) und müsste formal in einigen Jahren in Ruhestand gehen. Eigentlich habe ich darauf aber gar keine Lust. Ich habe schon immer gerne gearbeitet, der "wohlverdiente Ruhestand" ist für mich eine wenig verlockende Perspektive, im Gegenteil. Außerdem sieht es auch finanziell nicht gerade rosig aus, da ich mich bei meiner Rente deutlich einschränken müsste. Bin ich verrückt, wenn ich einfach nicht aufhören möchte?

Madeleine Leitner antwortet:

Lieber Herr K., das Thema Ruhestand ist ein ständiger Zankapfel in der Politik. Man denke nur an den viel zitierten Dachdecker, der aus gesundheitlichen Gründen das Rentenalter erst gar nicht erreicht. Lange Zeit ging es darum, einen früheren Ruhestand zu ermöglichen, dann wieder wurde das Renteneinstiegsalter heraufgesetzt.

Was oft unterschätzt wird: Arbeit hat aus psychologischer Sicht zwei wichtige Funktionen: Sie bringt Struktur in den Alltag und ist ein automatischer Beziehungsgenerator. Ein durchgetakteter Tag und soziale Kontakte sind zwei wesentliche Bedingungen für die psychische Gesundheit. Entfallen diese, drohen Depressionen. Das ist einer der Gründe, warum viele Menschen mit dem Eintritt den Ruhestand in ein tiefes Loch fallen, statt das vermeintlich süße Nichtstun zu genießen.

Immer mehr Menschen betrachten ihren Beruf nicht mehr als reinen Broterwerb oder gar notwendiges Übel, sondern als Quelle von persönlicher Erfüllung und Sinn. Viele beruflich erfolgreiche Menschen jenseits der Fünfzig oder sogar Sechzig suchen Rat und möchten sich noch einmal verstärkt mit ihren beruflichen Zukunftsplänen und Lebensträumen beschäftigen. Andere überlegen, ob sie in einer Selbständigkeit endlich nach ihren eigenen Vorstellungen arbeiten könnten. Wieder andere möchten herausfinden, wie sie aus der Routine ihrer langjährigen Tätigkeit ausbrechen und sie noch besser auf ihre Bedürfnisse zuschneiden können, damit ihnen die Arbeit wieder mehr Freude macht.

Generell lohnt es sich auf jeden Fall, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob das klassische Modell des Ruhestands für einen persönlich geeignet ist. Für manche Menschen ist es besser, so lange wie möglich beruflich aktiv zu bleiben. Sie fühlen sich nicht gebunden an eine traditionelle Altersgrenze, die historische Wurzeln hat und aus einer Zeit stammt, wo die Rente eine Art Gnadenbrot nach einem Leben voller schwerer Arbeit war. Und in der Regel auch nur wenige Jahre bezogen wurde und nicht wie heute angesichts der gestiegenen Lebenserwartung jahrzehntelang.

Objektiv hindert Sie also nichts daran, weiter zu arbeiten. Könnte Ihre Firma weiter Interesse an Ihrer Expertise haben? Der vielbeklagte Fachkräftemangel könnte Ihnen dabei in die Hände spielen. Fragen Sie nach! Zudem gibt es auch auf Seiten der Rentenkasse mit der Flexi-Rente neue Möglichkeiten, den Renteneintritt schrittweise oder ganz herauszuschieben und die Rentenbezüge dadurch sogar noch zu erhöhen.

Oder könnten Sie sich auch anderswo als freier Mitarbeiter oder Berater verdingen? Haben Sie besondere Interessen, die Sie in einer Selbständigkeit verfolgen könnten? Falls Sie dann schon Rente beziehen, haben sie sogar finanziell den Rücken frei oder ein Zubrot. Und am wichtigsten: Lassen Sie sich nicht aufgrund Ihres Lebensalters abstempeln! Seniorität und Lebenserfahrung klingen anders als "alt". Und die klassischen Tugenden, die einst den Standort Deutschland ausgezeichnet haben, sind heute alles andere als selbstverständlich.

Madeleine Leitner ist Diplom-Psychologin und lebt als Karriereberaterin in München.