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Frage an den SZ-Jobcoach:Muss ich einen Mitarbeiter vor Burn-out schützen?

SZ-Leser Ludger D. macht sich Sorgen, weil einer seiner Mitarbeiter oft nach 23 Uhr noch E-Mails verschickt. Soll er ihm sein individuelles Zeitmanagement lassen - oder muss er ihn vor einem möglichen Zusammenbruch schützen? Der SZ-Jobcoach weiß Rat.

SZ- Leser Ludger D. fragt:

Einer meiner Mitarbeiter arbeitet regelmäßig weit über die vereinbarte Arbeitszeit hinaus. Es ist keine Seltenheit, dass er nach 23 Uhr noch Mails verschickt. Ich habe ihn bereits darauf angesprochen, doch er hat mir versichert, dass er nach der Hektik des Tages die Ruhe im Büro schätzt und dann effizienter arbeiten kann. Da ich weiß, dass dieser Mitarbeiter ein eher schlechtes Zeitmanagement hat und die Kollegen häufig aufhält, zögere ich, ihm die Nachtarbeit zu verbieten. Andererseits mache ich mir Sorgen, ob sein Verhalten nicht langfristig zu einem Burn-out führen muss.

Georg Kaiser antwortet:

Lieber Herr D., ein Burn-out kommt nicht urplötzlich, sondern baut sich über einen längeren Zeitraum hinweg auf. Kurz- und mittelfristig sind die meisten stark belastbar, zumindest dann, wenn sie - wie Ihr Mitarbeiter - diese Belastung bewusst und aus freien Stücken auf sich nehmen. Allerdings muss sich Ihr Mitarbeiter nach Zeiten starker Beanspruchung eine Phase der Regeneration und Erholung nehmen. Ansonsten werden Anspannung und Anstrengung chronisch - und führen über kurz oder lang zu einem Zusammenbruch.

Die Gefahr beim Burn-out besteht für den Betroffenen darin, dass er in einem fortgeschrittenen Stadium der Überanstrengung kein Gespür mehr für sich selbst hat und deshalb nicht mehr merkt, dass er Erholung braucht. Ganz im Gegenteil meidet er Ruhepausen und Phasen der persönlichen Besinnung und gerät dadurch in einen negativen Sog, aus dem er alleine nicht mehr herausfindet.

Über längere Zeit sollten Sie deshalb die ausufernden Arbeitszeiten Ihres Mitarbeiters nicht hinnehmen. Wenn der Angestellte tendenziell überfordert ist und bis in den späten Abend hinein arbeitet, weil er sein Pensum in der dafür vorgesehenen Zeit nicht schafft, müssen Sie handeln. Ein ernst zu nehmendes Alarmzeichen einer chronischen Überforderung liegt vor, wenn die Leistungen des Mitarbeiters trotz höheren zeitlichen Engagements nicht besser oder sogar schlechter werden. Wenn ihm gleichzeitig die Anerkennung fehlt, etwa weil kein Platz mehr für soziale Kontakte bleibt, und die Kollegen genervt sind, weil er sie aufhält, wirkt dies wie ein Brandbeschleuniger.

Treffen Sie Vorsorge, dass er nicht plötzlich für längere Zeit ausfällt. Sie entlasten damit letztlich auch seine Kollegen, die sonst seine Aufgaben mit übernehmen müssten. Vielleicht braucht er eine umfangreichere Einarbeitungszeit oder eine Reduzierung der in seiner Verantwortung liegenden Bereiche. Oder Sie betrauen ihn mit weniger anspruchsvollen Tätigkeiten.

Wenn Ihr Mitarbeiter die Abende im Büro nutzt, um sich bestimmte neue Aufgabengebiete zu erschließen und Routinen zu entwickeln, die ihm mittelfristig kürzere Anwesenheitszeiten ermöglichen, kann eine zeitlich befristete, umfangreiche Arbeitsbelastung sinnvoll sein. Art und Dauer dieser Mehranstrengung sollten aber mit Ihnen abgestimmt sein.

Gerade weil ihr Mitarbeiter kein Ass im Zeitmanagement ist, sorgen Sie dafür, dass er sich an die mit Ihnen abgestimmten Vorgaben hält. Ein Training in "Selbst- und Zeitmanagement" könnte ihm helfen, sich besser zu strukturieren. Besprechen Sie mit ihm nach einem solchen Training, welche Erkenntnisse er für sich gewonnen hat, und vereinbaren Sie mit ihm, in welchen konkreten Schritten er diese Erkenntnisse in die Tat umsetzen will. Damit Ihr Mitarbeiter nicht in seinen alten Trott zurückfällt, kontrollieren Sie ein paar Wochen lang in regelmäßigen Besprechungen den Erfolg der Vereinbarungen.

Georg Kaiser unterstützt Führungskräfte bei Konflikten im Arbeitsalltag und der Entwicklung ihres Personals. Er arbeitet als Wirtschaftsmediator, Managementtrainer, Coach, Supervisor und Gestalttherapeut in Bremen.

Haben Sie auch eine Frage zu Bewerbung, Berufswahl, Etikette, Arbeitsrecht, Karriereplanung oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten beantworten ausgewählte Fragen im Wechsel. Ihr Brief wird selbstverständlich anonymisiert.

© SZ vom 13./14.04.2013/jobr
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