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Frage an den SZ-Jobcoach:Gehören Uni-Projekte in meine Bewerbung?

Maximilian B. wird bald mit seinem Studium fertig und schickt die ersten Bewerbungen an Unternehmen. Soll er die Ausarbeitungen zu Uni-Projekten beilegen oder diese zum Gespräch mitbringen? Der SZ-Jobcoach hat die Antwort.

SZ-Leser Maximilian B. fragt:

Ich werde in wenigen Monaten mein Master-Studium in Chemie beenden und strebe eine Stelle in der chemischen Industrie an. Da es nun an die Bewerbungen geht, habe ich eine Frage: Während des Studiums habe ich drei kleinere Projekte selbständig durchgeführt und die Ergebnisse im Stil einer Fachpublikation ausgewertet. Ich finde, dass diese Arbeiten deutlich meine Fähigkeiten zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur selbständigen Durchführung von Projekten zeigen. Kann ich sie nun einer Bewerbung beilegen? Oder soll ich sie zu einem Vorstellungsgespräch mitbringen?

Vincent Zelymans antwortet:

Lieber Herr B., häufig stecken Hochschulabgänger in dem Dilemma, dass sie noch keine beachtliche Berufserfahrung gesammelt haben und aus ihren Praktika kaum verwertbare Resultate vorweisen können. Sie haben während Ihres Studiums einige Projekte an der Uni selbständig durchgeführt und die Ergebnisse dokumentiert. Damit haben Sie wertvolles Material in der Hand.

Natürlich ist es schön, wenn Sie im Vorstellungsgespräch noch eine Überraschung in petto haben und sichtbare Leistungen vorzeigen können. Dazu muss es aber erst einmal kommen. Daher rate ich Ihnen, Ihre Trümpfe bereits im Vorfeld auszuspielen und alles daranzusetzen, zunächst einmal eine Einladung zum Bewerbungsgespräch zu erhalten.

Eine Umfrage hat ergeben, dass der durchschnittliche Personaler den Bewerbungsunterlagen bei der Erstdurchsicht weniger als zwei Minuten widmet. Überprüfen Sie also noch einmal kritisch, ob Sie den Personalleiter mit Ihrer Projektauswertung nicht überfordern. Vielleicht ist es sinnvoll, dass Sie die Aufgabenstellung der Projektarbeit, Ihre Herangehensweise und die Ergebnisse auf einer Seite komprimieren, damit der Personaler sich einen ersten Überblick verschaffen kann. Sie können dann Ihre Fachpublikation beilegen und auf die detaillierte Anlage verweisen.

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Auch wenn Sie in der glücklichen Lage sind, dass Sie bereits eine Kostprobe Ihrer Fachkompetenz beilegen können, sollten Sie die Bedeutung der persönlichen Kompetenz nicht unterschätzen. Gehen Sie davon aus, dass eine Einstellung in etwa zu 50 Prozent auf der fachlichen Eignung und zur anderen Hälfte auf der Persönlichkeit basiert. Es nützt nichts, wenn Sie über die erforderliche fachliche Qualifikation verfügen, die Unternehmenskultur, das Team oder die vorgesetzte Stelle aber nicht zu Ihnen passen.

Natürlich sind diese weichen Faktoren schwierig aus einer schriftlichen Bewerbung abzuleiten. Der Arbeitgeber muss aber dennoch eine Auswahl unter den Kandidaten treffen und entscheiden, wen er zu einem Vorstellungsgespräch einladen soll. Bevor er auf gut Glück einen Bewerber einlädt, der wenig über die eigene Person preisgibt, wird er sich eher für solche Kandidaten entscheiden, die sich transparenter aufstellen.

Das sind dann in der Regel solche Kandidaten, die in ihrer Bewerbung über besondere Talente, persönliche Motivation oder individuelle Werte sprechen. Aber auch Formen der Freizeitgestaltung, prägende Ereignisse, Mitgliedschaften, aussagefähige Funktionen und Auszeichnungen können erwähnt werden. Möglicherweise wird das Bild noch von der Leitung eines Jugendcamps oder eines soziales Engagements in einer gemeinnützigen Organisation abgerundet.

Ihre Bewerbung soll also bei der Erstbetrachtung Aufmerksamkeit erzeugen, Interesse wecken und den Wunsch hervorrufen, sich näher mit Ihnen zu befassen. Und damit schließlich die Aktion auslösen, Sie zum Vorstellungsgespräch einzuladen. Bei dieser persönlichen Begegnung stehen dann allerdings weniger Ihre Studienergebnisse im Vordergrund, auch weil der äußere Rahmen für die Erstbetrachtung einer Fachpublikation eher ungeeignet ist. Von der Qualifikation haben Sie bereits soweit überzeugt, dass Sie eingeladen wurden; nun gilt es auf der menschlichen Ebene zu überzeugen.

Haben Sie auch eine Frage zu Bewerbung, Berufswahl, Etikette, Arbeitsrecht, Karriereplanung oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten beantworten ausgewählte Fragen im Wechsel. Ihr Brief wird selbstverständlich anonymisiert.

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