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Frage an den SZ-Jobcoach:Der Job nervt - soll ich zurück an die Uni?

Antonia R. hat ein Volontariat angefangen, weil sie fürchtete, mit ihrem Bachelor nichts anderes zu finden. Doch der Job macht sie unglücklich. Ist der Schritt zurück an die Uni die richtige Alternative?

SZ-Leserin Antonia R. fragt:

Vor einem halben Jahr habe ich ein Volontariat in einer Kommunikationsagentur begonnen. Ich habe mich dafür entschieden, weil es mir nach einem Praktikum angeboten wurde und ich Angst hatte, mit meinem geisteswissenschaftlichen Bachelor nichts anderes zu finden. Jetzt merke ich, dass ich in dem Job unglücklich werde. Die Arbeit stresst und nervt mich nur noch. Ich würde mich gerne neu orientieren und meinen Traum verwirklichen, Journalistin zu werden. Aber ich habe Angst, es in der harten und schlecht bezahlten Medienbranche nicht zu schaffen.

Soll ich es wagen und zurück an die Uni gehen, um Journalistin zu werden?

Christine Demmer antwortet:

Liebe Frau R., ich könnte es mir jetzt leicht machen und Ihnen eine längliche Predigt über Selbstvertrauen und Mut zum Risiko halten. "No risk, no fun", so in etwa. Das erhöht mein Zeilenhonorar als Journalistin, hilft also wenigstens einer von uns. Mache ich aber nicht. Stattdessen heiße ich Sie willkommen im Kreis der werktätigen Bevölkerung und verrate Ihnen, dass sich die Mehrheit aller Hochschulabgänger in den ersten Monaten im Job hundsmiserabel fühlt.

Weil sich die Praxis oft ganz anders darstellt, als es die Hochschulen vermitteln. Weil die wirklich spannenden Projekte den erfahreneren Kollegen vorbehalten sind und den Neuen langweilige und doofe Aufgaben zugeteilt werden. Weil, und das gilt speziell für Ihre Branche, Sie unter Zeitdruck Nullbotschaften für Medien, Händler oder Endverbraucher möglichst spritzig formulieren, geniale Bildunterschriften texten und Fotos bearbeiten sollen, die dann doch kaum jemand druckt.

Klar nervt das. Klar sind Sie unglücklich. Klar regt sich da der Fluchtreflex: Bloß weg hier! Liebe Kollegin in spe, ich muss Sie vorwarnen: Das wird Ihnen in den ersten Tagen als Redakteurin, freiberufliche Journalistin oder als Bundeskanzlerin nicht anders gehen.

Sie leiden am Praxisschock-Syndrom, und dagegen hilft nur eines: Augen auf und durch. In spätestens einem halben Jahr haben Sie es überstanden und sind ein für alle Mal immun. Aber wenn Sie jetzt davor ausreißen und mit einem halben Volontariat an die Uni zurückgehen, wird es Sie nach dem Master erneut treffen - schon allein deshalb, weil Sie sich davor fürchten.

Die SZ-Expertin

Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin in Deutschland und Schweden. Sie ist Managementberaterin, Coach und Autorin.

Der Angst können Sie gar nicht entwischen. Sie können sich nur aussuchen, wovor Sie sich bangen wollen. Legen Sie Stress und Genervtsein in die eine Waagschale und den "harten und schlecht bezahlten Journalistenberuf" in die andere. Und schauen Sie genau hin, welche Seite sich neigt.

Haben Sie auch eine Frage zu Berufswahl, Bewerbung, Arbeitsrecht, Etikette oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten wählen einzelne Fragen aus und beantworten sie im Wechsel. Ihr Brief wird komplett anonymisiert.