Süddeutsche Zeitung

Frage an den Jobcoach:Was spricht gegen kurze Hosen im Büro?

Milan S. würde an heißen Sommertagen gern luftig gekleidet zur Arbeit gehen - seine Chefin sieht das jedoch nicht gern. Nun fragt er den SZ-Jobcoach um Rat.

SZ-Leser Milan S. fragt:

Ich arbeite in einer Softwarefirma im Support und habe nur telefonischen Kundenkontakt. Unsere Firma ist in einem alten Fabrikgebäude untergebracht, ohne Klimaanlage, was im Sommer zu extremen Temperaturen führt. Ich finde es angemessen, dann in Shorts, T-Shirt und Sandalen zur Arbeit zu geben. Meine Chefin hat nun wiederholt spitze Bemerkungen zu meinem "Freizeitdress" gemacht, und auch ein Kollege meinte, Sandalen seien im Job tabu. Welche Kleiderregeln gelten im Sommer in einem Unternehmen, das zwar kein hippes Start-up, aber auch nicht besonders konservativ ist?

Jan Schaumann antwortet:

Lieber Herr S., tempora mutantur - die Zeiten ändern sich. Und wir ändern uns mit ihnen. Das gilt auch für die Jahreszeiten, denen wir Menschen uns mit unserer Kleidung anpassen. In der kälteren Jahreszeit sind wir üblicherweise doppelt abgesichert. Zum einen ziehen wir uns dann schlicht einen Pulli über oder schlüpfen in die dickere Jacke, bevor wir das Haus verlassen. Zum anderen sind hierzulande die meisten Wohn- und Arbeitsstätten mit einer Heizung ausgestattet, die auch im tiefsten Winter eine Temperatur von 20 bis 21 Grad gewährleistet. Gegen Kälte können wir uns also mehr oder weniger problemlos schützen. Wie verhält es sich aber mit der Anpassung, wenn die Quecksilbersäule auf Schwitzniveau steigt?

Der SZ-Jobcoach

Jan Schaumann war in verschiedenen Führungspositionen in international operierenden Unternehmen in Europa, Asien und den USA tätig.

In der Freizeit können Sie Ihre Kleidung im Rahmen geltender Gesetze, des guten Geschmacks und der Selbstachtung frei wählen. Sie sind niemandem Rechenschaft schuldig, und es hängt einzig von Ihnen als Individuum ab, wie Sie von Ihren Mitmenschen wahrgenommen werden möchten.

Während der Arbeitszeit kommt jedoch ein entscheidender Faktor hinzu: Ihr Arbeitgeber. Der hat nämlich ein Mitbestimmungsrecht daran, was Sie am Arbeitsplatz tragen dürfen und was nicht. In Grenzen, versteht sich. In einigen Unternehmen existieren Bekleidungsrichtlinien, die für bestimmte Aufgabenbereiche eine Orientierung geben, welche Kleidung als angemessen gilt. Oft sind diese Outfitfibeln allerdings eher wischiwaschi gehalten, und man ist nach der Lektüre so schlau als wie zuvor.

Ich gehe davon aus, dass eine solche Kleiderordnung in Ihrem Unternehmen fehlt. Den spitzen, aber offensichtlich bislang wohlmeinenden Bemerkungen Ihrer Chefin zufolge erreicht Ihre Wahl der Sommerbekleidung nicht die maximale Punktzahl auf der Werteskala der Firma. Sobald Sie während Ihres Arbeitstages auf andere Menschen treffen - ganz gleich, ob es sich um Kunden oder Kollegen handelt - geht es nicht mehr allein um Ihr persönliches Wohlbefinden. "Mir doch egal, was die anderen denken, Hauptsache, ich fühle mich wohl" - eine solche Einstellung ist egoistisch und kurzsichtig.

Sie beschreiben Ihr Unternehmen als nicht besonders konservativ. Bezogen auf die Kleidung lässt das im Sommer schon mal einen gewissen Spielraum. Ob luftiges Hemd, Polo- oder T-Shirt, darüber werden sich wahrscheinlich die wenigsten Gemüter erhitzen. Bei der kurzen Hose schon eher. Die hat im Büroalltag erwachsener Männer nichts verloren. Schon aus Gründen der Selbstachtung.

Offen Schuhe sind tabu

Womit wir auch gleich bei den Sandalen wären. In Bekleidungsrichtlinien der verschiedensten Unternehmen (und die habe nicht alle ich verzapft) findet sich meist ein unmissverständlicher Punkt: keine offenen Schuhe. Auch wenn bei Damenschuhen in den letzten Jahren immer häufiger auch sogenannte Sling-Pumps akzeptiert werden, haben die Schuhe von Männern vollständig geschlossen zu sein. Erlauben Sie mir bitte die persönliche Anmerkung, dass ich Sandalen mit Socken bei Menschen jenseits des Grundschulalters für entwürdigend halte. Und ohne Socken für geschmacklos. Zumindest in der Öffentlichkeit.

Lassen Sie uns das Bild vom sommerlich gekleideten Mann doch einmal grob skizzieren. Obenrum ein luftiges Hemd aus reiner Baumwolle (Kunstfaser beginnt im Sommer binnen Stundenfrist zu müffeln), je nach Branche, Unternehmen und Aufgabenbereich Polo- oder T-Shirt. Unterhalb der Gürtellinie (der Gürtel ist unabhängig von der Jahreszeit unverzichtbar) geht es dann mit einer langen Hose weiter. Wenn Sie sich bei 30 Grad gegen schwere Jeans und für die leichte Baumwollhose oder Chinos entscheiden, werden Sie auch nicht mehr schwitzen als in Shorts. Socken oder Strümpfe aus leichter Wolle oder Baumwolle verhindern den Schweißausbruch am Fuß, der in ringsum geschlossenen Schuhen stecken sollte.

Natürlich werden Sie nach einem heißen Sommertag im unklimatisierten Büro auch mal verschwitzt nach Hause kommen, egal ob in kurzer oder langer Hose. Dafür aber mit dem guten Gefühl, vollständig angezogen gewesen zu sein und sich nicht wegen Ihrer Kleidung lächerlich gemacht oder die Unbill Ihrer Chefin zugezogen zu haben.

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Quelle:
SZ vom 24.06.2017/mkoh
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