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Frage an den Jobcoach:Darf ich der Firmenweihnachtsfeier fernbleiben?

Martin T. hat keine Lust auf die Veranstaltung, will aber auch nicht taktlos sein. Deshalb bittet er den SZ-Jobcoach um Rat.

SZ-Leser Martin T. fragt:

Für die diesjährige Weihnachtsfeier hat unser Chef ein Restaurant ausgewählt, das ich privat niemals besuchen würde. Es liegt in einem Vorort, weshalb wir mindestens eine halbe Stunde dorthin unterwegs sein werden. Aber vor allem ist es ein schicker Edel-Italiener, den ich unangemessen teuer finde. Auch andere Kollegen aus der Abteilung haben schon gemault, aber keiner will den Chef düpieren, der von dem Lokal schwärmt. Da mir die Weihnachtsfeier ohnehin nur wenig Spaß macht, denke ich diesmal über ein Fernbleiben nach. Halten Sie das für taktlos?

Jan Schaumann antwortet:

Lieber Herr T., ein Bekannter berichtete mir neulich Ähnliches wie Sie. Mit einer unerwarteten Wendung im Verlauf der Geschichte. Bei ihm wurde die betriebliche Jahresendveranstaltung traditionell von der Ehefrau des Geschäftsführers organisiert. Jahr für Jahr das gleiche, staubtrockene Programm beim Italiener ihres Vertrauens. Jahr für Jahr mit weniger Begeisterung unter den Teilnehmern. Irgendwann entwickelte sich eine Art Parallelgesellschaft in einer nahe gelegenen Kneipe. Immer mehr Kollegen trafen sich am besagten Abend lieber in "Rudis Kracherecke" als bei "Luigi".

Der SZ-Jobcoach

Jan Schaumann war in verschiedenen Führungspositionen in international operierenden Unternehmen in Europa, Asien und den USA tätig. Heute lebt er als Managementtrainer, Seminarleiter und Buchautor in Berlin.

Vor zwei Jahren reservierte die Chefin vom Chef ein letztes Mal den obligatorischen Nebenraum bei Luigi, schnappte sich kurz vor dem Event jedoch die Schlüssel zum Ferienhaus nebst dem Englischlehrer der Kinder und verabschiedete sich in ein neues Leben. Die bald darauf stattfindende Weihnachtsfeier fand ein frühes Ende. Nicht nur wegen der niedergeschlagenen Stimmung des Chefs, sondern auch weil noch weniger Mitarbeiter als sonst Luigis Weihnachtsmenü und die tragende Ansprache des Häuptlings ertragen wollten.

Da zu Hause niemand auf ihn wartete, bog der Chef auf dem Heimweg kurzerhand noch auf einen Absacker bei Rudi ab. Und jetzt raten Sie mal, was ihn erwartete, als er die "Kracherecke" betrat - der Großteil seiner Mitarbeiter. In ausgelassener Stimmung, johlend und den Takt der grandiosen Karaoke-Darbietung des Hausmeisters mitklatschend. Nachdem das unerwartete Erscheinen des Chefs einen kurzen Stimmungsknick auslöste, stieg die Laune sofort wieder, als er Sakko und Schlips ablegte und bekannt gab, dass die nächsten Runden auf seinen Deckel gingen.

Erstmals in der Firmengeschichte endete die Weihnachtsfeier kurz vor dem Morgengrauen. Vor dem emotionalen Abschied versicherte der Chef seinen Mitarbeitern, dass sie von nun an bei der Organisation der Weihnachtsfeier freie Hand und ein großzügiges Budget hätten und dass er sich schon sehr aufs nächste Jahr freue. Wenn er denn eingeladen würde.

Was halten Sie davon? Meckern kann schließlich jeder. Selber und besser machen ist hingegen nicht leicht. Wenn wirklich so viele Kollegen unzufrieden mit der Planung des Chefs sind, sollten Sie dringend das Gespräch mit ihm suchen und Alternativvorschläge im Gepäck haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er an seinem kostenintensiven Plan (üblicherweise geht das Essen ja auf Firmenrechnung) des suburbanen Schickimicki-Italieners festhält, wenn seine Schäfchen nur in geringer Zahl erscheinen, um dann nach dem Espresso schnellstmöglich wieder das Weite zu suchen.

Allerdings hilft es vielleicht auch, sich einmal Sinn und Zweck der Firmen-Weihnachtsfeier vor Augen zu halten. Diese betrieblich veranlasste und hierarchieübergreifende Zusammenkunft kann einerseits als Anerkennung für die Leistungen des zurückliegenden Jahres angesehen werden. Andererseits ist es eine der seltenen Gelegenheiten, dass das Team einmal möglichst vollständig zusammenkommt und zwanglos miteinander feiert. Teambuilding mit Gans und Knödeln quasi. Wenn Sie sich dann noch die Nähe von Kollegen setzen, mit denen Sie unterjährig nicht so viel zu tun haben, ergeben sich (ob mit oder ohne Alkohol) vielleicht auch interessante Gespräche und neue Kontakte. Um mit den Worten des oben genannten Bekannten zu sprechen - Erfolg hat drei Buchstaben: T U N. Also nur Mut!

Entweder Sie bringen sich in die Planung ein oder Sie machen das Beste aus der unverrückbaren Veranstaltung. Einfach nicht hinzugehen, ist dagegen keine gute Option. Zum einen sollten Sie dafür eine verdammt gute Ausrede in petto haben, und zum anderen hat das nicht besonders viel mit Team- und Gemeinschaftssinn zu tun.

Ihre Frage an den SZ-Jobcoach

Haben Sie auch eine Frage zu Berufswahl, Bewerbung, Etikette oder Arbeitsrecht? Dann schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere Experten beantworten ausgewählte Fragen. Ihr Brief wird anonymisiert.

© SZ vom 02.12.2017/mkoh
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