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Fortbildungen für Handwerker:Alle Hände voll zu tun

Fachkräfte für Lehmbau wirken bei der Sanierung älterer Häuser, aber auch bei Neubauten mit.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Maurer oder Tischler können sich zu Lehmbau-Fachleuten weiterbilden. Deren Expertise ist zunehmend gefragt.

Armin Titze wollte einst Architekt werden. Doch das Studium war ihm zu trocken, er brach es ab und begann, sich intensiv mit Lehm als Baustoff zu beschäftigen. "1993 habe ich meinen Lehmbaufachbetrieb gegründet, seitdem steigt die Nachfrage kontinuierlich", sagt Titze, der seit 2017 in und um Leipzig seine Dienste anbietet. Dazu gehören der Anstrich mit Lehmfarben, das Aufbringen von Lehmputz, das Gestalten von Mauerwerk aus Lehmsteinen oder Wänden aus Leichtlehm. Bei 80 Prozent der Aufträge geht es um Sanierungen von Fachwerkhäusern, Bauernhöfen oder auch mal um Burgen. "Bei Neubauten entscheiden sich Interessenten wegen des schönen Aussehens oder des guten Raumklimas für Lehm", sagt Titze. Er bietet auch denjenigen seine Dienste an, die aufs Geld achten müssen und deswegen viel selbst machen wollen - Titze besorgt die Materialien und berät Kunden bei der Verarbeitung.

Meister wie Gesellen können an den Kursen zum "Restaurator im Handwerk" teilnehmen

Lehm ist ein vielseitig einsetzbarer Baustoff, bei dem die Erfahrung bei der Verarbeitung eine große Rolle spielt. Da Lehmbauer kein eigener Ausbildungsberuf ist, haben sich die meisten Spezialisten ihre Kenntnisse selbst beigebracht. Um diese auch nachweisen zu können, hat Titze vor einigen Jahren einen Weiterbildungskurs in der Nähe von Koblenz erfolgreich absolviert und kann sich nun Fachkraft für Lehmbau nennen. "Ich bin vom Dachverband Lehm zertifiziert", wirbt Titze auf seiner Homepage mit seiner Qualifikation.

Die von der Handwerkskammer Koblenz angebotene, 120-stündige Fortbildung vermittelt Kenntnisse über Bauphysik und -chemie; man lernt die für Lehm gültigen DIN-Normen kennen. Die Teilnehmer werden mit verschiedenen Lehmsorten vertraut gemacht und wenden ihre theoretischen Kenntnisse zum Beispiel bei der Fertigstellung eines Mauerwerks aus Lehmstein praktisch an. Am Ende steht eine vierstündige theoretische und eine achtstündige praktische Prüfung. Wer Erfahrung mit Lehm hat, ist dabei im Vorteil. So lassen sich die Eigenschaften des Lehms durch Zugabe von Stroh, Hobelspänen, Holzhäckseln oder Hanffasern beeinflussen. Erfolgreiche Absolventen können die Fortbildung in die Handwerksrolle eintragen lassen und sich so als Gesellen selbständig machen. "Vor allem Zimmerer, Maurer, Stuckateure und Tischler gehören zu den Absolventen. In den vergangenen Jahren hat die Anzahl der Architekten zugenommen", sagt Constanze Küsel von der Handwerkskammer Koblenz und ergänzt: "Auch Quereinsteiger sind wichtig, denn dem Handwerk fehlen Fachkräfte."

Die HWK Koblenz bietet auch eine Qualifizierung zum Restaurator im Handwerk an. Sie gehört zu einem von neun Bildungszentren, die sich zur Arbeitsgemeinschaft der Fortbildungszentren für handwerkliche Denkmalpflege zusammengeschlossen haben (www.arge-handwerkdenkmalpflege.de). Im Zentrum für Restaurierung und Denkmalpflege der HWK Koblenz in Herrstein findet der bundesweit einzige Fortbildungslehrgang für Gold- und Silberschmiedemeister statt - mit dem Umfang von 440 Unterrichtsstunden. So werden die Teilnehmer auf das Restaurieren von historischen Objekten vorbereitet.

Die Propstei Johannesberg, eine gemeinnützige GmbH in Fulda, bietet fünfmonatige Fortbildungen in Denkmalpflege und Altbauerneuerung für gelernte Tischler, Zimmerer, Maurer sowie Maler und Lackierer an. Die Zertifikatslehrgänge für Handwerksmeister, in denen es unter anderem um Bauphysik, Schadensanalysen und Sanierungskonzepte geht, enden mit der Prüfung zum Restaurator im Handwerk. Auch Gesellen können an den Kursen teilnehmen. "Die Nachfrage nach handwerklichen Restauratoren ist gut, sie können für diese Arbeiten auch mehr Geld verlangen als für Meisteraufträge", sagt Propstei-Geschäftsführer Dieter Gärtner und fügt hinzu: "Trotzdem haben wir von Maurern und Zimmerern derzeit kaum Anfragen, immer mehr Kurse fallen aus. Handwerker haben viel zu tun. Es fehlt die Notwendigkeit zur Qualifizierung, die ja zudem Geld und Zeit kostet."

Die Akademie Schloss Raesfeld im Münsterland bietet auch für Metallbauer, Stuckateure, Raumausstatter, Steinmetze und Steinbildhauer Fortbildungen im Umfang von 450 Stunden zum Restaurator im Handwerk an. Entsprechende Kurse können ausgebildete Buchbinder, Holzbildhauer, Orgelbauer, Parkettleger und Vergolder an weiteren Arge-Standorten besuchen. "Es gibt immer weniger Auszubildende, die etwa den Beruf des Stuckateurs erlernen. Folglich gehen die Anzahl der Meister und die Nachfrage nach Fortbildungen zurück", nennt Gärtner einen weiteren Grund für sinkende Teilnehmerzahlen.

Für potenzielle Kunden hat der Mangel an spezialisierten Handwerkern Folgen. Wer zum Beispiel einen Lehmbaufachbetrieb sucht, sollte frühzeitig Kontakt aufnehmen. Wartezeiten für die Ausführung eines Auftrags von einem halben Jahr sind durchaus üblich.