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Forschungsgeld für Hochschulen:Fälschen und Forschen

Im Kampf ums Geld greifen Wissenschaftler zum Betrug: Göttinger Forscher stehen im Verdacht, beim Antrag auf Förderung geschwindelt zu haben. Jetzt steht der Elite-Status der Uni auf dem Spiel.

Den Druck, so viel wie möglich zu publizieren, empfinden viele Wissenschaftler als sehr belastend. Weil der Wettbewerb um freie Stellen, um Forschungsmittel und Exzellenz-Titel immer schärfer wird, steigt außerdem die Gefahr schludriger oder sogar gefälschter Veröffentlichungen. "Wir haben keine Zeit mehr, durchdachte Aufsätze zu schreiben, wir haben keine Ressourcen und Kriterien mehr, fundierte Gutachten zu verfassen", klagt Hartmut Rosa, Soziologie-Professor an der Universität Jena.

Zum Forschen bleibt den Lehrenden an den Hochschulen oft kaum Zeit.

(Foto: Foto: AP)

Rosa hat ein Schreibmoratorium vorgeschlagen: Jeder solle höchstens nur noch drei Aufsätze im Jahr schreiben, diese sollten dafür von höchster Qualität sein. "Haltet ein, Kollegen!", lautet sein Appell, den er gemeinsam mit dem Nachwuchswissenschaftler Christian Dries verfasste. An der Universität Göttingen könnte man den Aufruf allzu wörtlich genommen haben. Dort wird Forschern vorgeworfen, Aufsätze (noch) gar nicht geschrieben, sie aber gleichwohl auf ihren Publikationslisten vermerkt zu haben, um sich Drittmittel zu erschleichen.

Imageschaden für Elite-Uni

Teilweise sollen Arbeiten auch falsch datiert worden sein. Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass Forschungsgeld in sechsstelliger Höhe falsch verbucht oder veruntreut wurde. Die Vorwürfe betreffen mehr als ein Dutzend Mitarbeiter eines Sonderforschungsbereichs (SFB), den die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit mehreren Millionen Euro gefördert hat. Seit neun Jahren erforschen Landschaftsökologen im SFB 552 den tropischen Regenwald in Indonesien. Einen Antrag auf Verlängerung hat die Uni nun lieber zurückgezogen.

Einen so weitreichenden Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten habe die DFG seit Jahren nicht gehabt, sagte die DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek der Süddeutschen Zeitung. Normalerweise ist ein SFB der ganze Stolz einer Hochschule, die groß angelegten Projekte gelten als Beleg international herausragender Forschung. Entsprechend schockiert ist die Uni-Leitung in Göttingen, der die DFG bescheinigt, "akribisch und rigoros" zu ermitteln. Die mit dem Exzellenz-Titel ausgezeichnete Hochschule muss einen erheblichen Imageschaden befürchten, auch wenn nicht die gesamte Uni, sondern einzelne Wissenschaftler verwickelt sind.

Im Visier der akademischen Ermittler

Allerdings ist außer dem SFB auch ein thematisch verwandtes Graduiertenkolleg, in dem Doktoranden ausgebildet werden, ins Visier der akademischen Ermittler geraten. Die Untersuchung der DFG läuft gerade erst an, bis zu ihrem Abschluss gilt die Unschuldsvermutung. Der Fall dürfte aber in jedem Falle die Debatte über die Ethik wissenschaftlichen Arbeitens neu entfachen. Erst vor wenigen Wochen war die Medizin von einem Skandal erschüttert worden. Ein amerikanischer Anästhesist hatte offenbar jahrelang gefälschte Studien publiziert. Der Fall rief Erinnerungen wach an den südkoreanischen Stammzellenforscher Hwang Woo Suk, der seine Arbeiten in großem Stil manipuliert hatte.

Wer in der Spitzenforschung mitmischen will, muss viel publizieren und auf den impact factor achten. Dieser gibt an, wie einflussreich bestimmte Fachzeitschriften sind. Für Forscher hängt, vor allem in den Naturwissenschaften, die Karriere zunehmend von diesen Faktoren und Kennziffern ab. Weil Gutachter und Rektoren oft zu wenig Zeit oder Kenntnisse haben, um all die Studien selbst zu bewerten, begnügen sie sich meist mit einem Blick auf die Publikationslisten. Der Fall in Göttingen zeigt: Sie sollten genauer hinschauen.