Forschung mit Herz:Zeichen der Liebe

Lesezeit: 4 min

Vieles sei allerdings sehr stereotyp. Dem Versuch, einen einmaligen Text zu schreiben stehe die unvermeidliche Wiederholung entgehen. "Der Liebesbrief wird zu einem großen Zitat, Wörter und Wendungen wiederholen sich, sattsam bekannte Liebesschwüre und Kosenamen tauchen auf. Ganze Textpassagen scheinen sich zu gleichen", schreibt Wyss im Vorwort zu ihrer Veröffentlichung ausgewählter Briefe.

Die gesellschaftlichen Vorstellungen, was männlich und was weiblich ist, spiegeln sich in der Liebessprache wider. Beide Partner halten sich stark an Rollen-Schemata: "Die Briefe der Frauen sind sehr viel zurückhaltender. Für sie ist es offenbar schwierig, Leidenschaft zu zeigen. Männer dagegen sind sehr in den Wolken. Sie schreiben mit sehr viel Pathos über ihre Liebesgefühle", sagt Wyss. Das schlägt bis zur Anrede durch. Ein "Mein liebstes Muckelchen" etwa war auch im 20. Jahrhundert Frauen vorbehalten. Männer dagegen wurden bis zu den 70er Jahren immer mit ihrem Vornamen angeschrieben.

Wyss Liebesarchiv gibt schöne Einblicke, wie sich Liebes- und Sehnsuchtsformeln über die Zeit ändern. So war Anfang des 20. Jahrhunderts die Formulierung "Ich habe so großes Heimweh nach dir" völlig üblich. Für die heutige Zeit ist typisch, dass sich die Möglichkeiten, seine Liebe zu bekennen, vervielfältigt haben. "Es gibt eine Poylphonie von Liebes- und Sehnsuchtsformeln, die abhängig von Milieu und Alter sind."

Junge Menschen schreiben ein "Ich liebe dich" höchstes als PS. Und in akademischen Kreisen gibt man sich offenbar gerne realistisch. Die Romantik wird mit einem Schuss Pragmatismus gewürzt. Da heißt es dann: "Ich sehne mich sehr nach dir. Aber ich fühle mich auch wohl hier allein".

Wyss glaubt, dass mit den Kommunikationsmöglichkeiten über E-Mail und Handy, Liebensnachrichten einen Aufschwung erleben. Durch die Geschwindigkeit der Kommunikation sei gar eine "Flirtschriftlichkeit" entstanden.

Annette Simonis von der Uni Gießen untersucht, wie Liebende über neue Medien wie E-Mail und Handy kommunizieren. Die Wissenschaftlerin hat in der SMS-Kommunikation Elemente zärtlicher Liebessprache entdeckt. "Es ist natürlich ein Verlust an Ausführlichkeit im sprachlichen Ausdruck, aber SMS lassen Raum für spontanen Gefühlsausdruck. Sie können auf frühere Zärtlichkeiten anspielen und Assoziationen wecken."

Wie Wyss Liebes-Archiv zeigt, gibt es vor allem von älteren Handynutzern sehr romantische Kurzmitteilungen. "Erwachsene werden mit SMS poetischer. Sie haben den Anspruch und auch den Spaß daran, auf 160 Zeichen etwas Ansehnliches hinzuschreiben."

Annette Simonis vergleich die SMS mit den "billetti" aus dem 18. Jahrhundert, kleinen Kärtchen mit Grüßen oder Verabredungen, die Kavaliere damals ihren Damen zukommen ließen. "Die SMS bleibt ergänzungsbedürftig. Sie setzt voraus, dass die Partner auch anderweitig kommunizieren oder sich sehen." Die kurzen Nachrichten reichen nicht aus, um eine dauerhafte Verbindung entstehen zu lassen.

Die Kürze und die Schnelligkeit der Kommunikation per SMS sei typisch für unsere moderne Lebensform, sagt Simonis. "Es fehlt die Zeit, lange Briefe zu schreiben. Daher bleibt auch die Liebeskommunikation punktuell."

Eva Lia Wyss, Leidenschaftlich eingeschrieben. Schweizer Liebesbriefe, Nagel&Kimche 2006

Zur SZ-Startseite