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Förderung von Jungen in der Schule:Geschlechterkampf, nächste Runde

"Eindeutig ein Bildungsnachteil": Jungen schneiden in der Schule schlechter ab als Mädchen. Ein paar Männer wollen diesen Trend stoppen.

E. Dostert

Der Geschlechterkampf begann für André Ponndorf, 34, an einem schlichten Gartenzaun in Schrobenhausen, das ist rund eine Autostunde von München entfernt. Der Ort mit seinen rund 17.000 Einwohnern gilt im Jargon der Wirtschaftsgeografen als Mittelzentrum, mit allem, was man so in der Mitte haben muss: Notare, Fachärzte, Krankenhaus, weiterführende Schulen und so fort. Neun Kindergärten hat Schrobenhausen auch. St. Maximilian, den Kindergarten im Ortsteil Sandizell hat Ponndorfs Sohn besucht.

Von der Politik darf man Antworten erwarten

Eine Mutter stellte ihm vor zwei Jahren am Gartenzaun die scheinbar schlichte Frage: Warum denn Jungen in der Schule schlechter abschneiden als Mädchen? Ponndorf schien ihr der richtige Adressat, denn erstens hat der Mann selbst zwei Kinder - "ein Bub und ein Mädel" - und zweitens ist er einfaches Mitglied der CSU-Ortsgruppe. Und von der Politik dürfe man doch Antworten auf solche Fragen erwarten! "Ich habe erst gar nicht geglaubt, dass an dieser Behauptung was dran ist", erinnert sich Ponndorf. Aber er ist ein akribischer Mensch, und so hat er unverzüglich angefangen, Informationen zu sammeln, um rauszufinden, ob das wirklich so ist mit Jungs und Mädels. Es ist wohl so.

Auch die offiziellen Zahlen stützen die Behauptung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verließen im Jahr 2008, jüngere Zahlen liegen noch nicht vor, knapp eine Million Jugendliche und junge Erwachsene die deutschen Schulen (Grafik). Während deutlich mehr Jungen als Mädchen die Hauptschule abschlossen, wächst deren Vorsprung je höher der Schulabschluss wird.

Jungen leiden

"Mädchen werden häufiger früher eingeschult. Sie lesen lieber, schneller und besser", sagt Heidrun Stöger, Inhaberin des Lehrstuhls für Schulpädagogik der Universität Regensburg. Mädchen seien in ihrer Lesekompetenz Jungen um etwa ein Schuljahr voraus, verweist die Professorin auf Ergebnisse der Pisa-Studie. Es gebe aber immer noch, betont Stöger, Disziplinen, in denen Jungen überlegen sind, etwa in Mathematik oder in Naturwissenschaften, auch wenn die Unterschiede in den vergangenen Jahren geringer geworden sind.

Ponndorf ist sich schon sicher: "Jungen leiden in Deutschland unter einem Bildungsnachteil." Er verweist auf die Jahresgutachten der Aktion Bildung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zur Bildungsgerechtigkeit. Im Vorwort für 2009 kommt vbw-Präsident Randolf Rodenstock zu dem Schluss: An "weichenstellenden Punkten auf dem Bildungsweg entstehen unerwartet Differenzen zu Lasten der Jungen".

Raufereien werden unterdrückt

Das sieht auch Ponndorf so. Das Verhalten von Jungen, zum Beispiel Raufereien im Sandkasten, "um spielerisch herauszufinden, wer der Stärkere ist", ist gesellschaftlich weniger akzeptiert als das von Mädchen, "die eher ruhiger und besonnener handeln". "Im Zweifelsfall wird die Rauferei unverzüglich unterbunden und in einem Stuhlkreis der Grund für die Aggression diskutiert", sagt Ponndorf. Die Ursache dieser Bildungsnachteile sieht er auch darin, dass Kinder in den ersten Jahren, heißt in Kindergarten und Grundschule, vornehmlich Frauen als Bezugspersonen haben. "Wie viel Kindergärtner gibt es schon. Jeder Kindergarten ist üppig mit Malstiften ausgestattet, aber wo steht schon eine Werkbank?"

Die Annahme, dass das Übermaß an weiblichen Bezugspersonen in Hort und Grundschule die Bildungsnachteile verursacht, ist weitverbreitet. Einen empirisch unstrittigen Beweis, dass - wie es im Fachjargon heißt - "die feminine schulische Subkultur" Mädchen bevorteilt, gibt es nicht, sagt Wissenschaftlerin Heidrun Stöger. Besser belegt ist, dass die Art der Sozialisierung eine Rolle spielt: Wie verhalten sich Jungen? Womit spielen Mädchen? "Jungen experimentieren gerne, toben sich aus. Mädchen bekommen mehr zum Basteln geschenkt und arbeiten still, ordentlich und ruhig vor sich hin. Kompetenzen, die später auch beim Lernen in der Grundschule von Vorteile sind", sagt die Professorin.

Heikler als er dachte

Manchmal wirkt Ponndorf etwas desillusioniert. Das Thema ist wohl heikler als er anfänglich dachte und er fühlte sich in den vergangenen Monaten häufiger mal falsch verstanden. Das lag unter anderem daran, dass man ihm, dem CSU-Mann unterstellte, sein Vorstoß zur Förderung von Buben sei nur ein schlecht verpackter, also verkappter Kampf gegen die Emanzipation der Frau. Dem sei nicht so, versichert Ponndorf. "Es geht mir darum, die Jungen zu fördern, ohne die Mädchen zu bremsen."

"Die Mädels werden nicht weggejagt"

Weil er Lokalpolitiker ist, hat er lokal nach Lösungen gesucht und landete wieder im Kindergarten. St. Maximilian hat seit November 2008 eine Werkbank. Es ist ein ordentliches Gerät - mit Sägen, Hämmern und was so dazu gehört, Kosten knapp 1000 Euro. Ihre Schützlinge, sagt Rosmarie Kratzer, Leiterin des Kindergartens, arbeiten fast jeden Tag an der Werkbank. 24 Kinder im Alter von zweieinhalb bis sieben Jahren besuchen derzeit die Einrichtung.

Nicht nur wirtschaftliche Gründe

"Die Jungs sind genauso dran wie die Mädchen. Wir haben auch ein paar Mädchen, die sehr gerne an der Werkbank stehen", so Kratzer. Es sei wie bei den anderen Spielsachen auch. "Sie sind für alle da, die Kinder entscheiden, womit sie spielen wollen." Sie zählt auch nicht nach, wie viele Jungs gerade mit Puppen spielen oder wie viele Mädchen an der Werkbank stehen. "Für uns sind sie alle Kinder", sagt Kratzer. "Es ist ja nicht so, dass die Mädels weggejagt werden, wenn sie an der Werkbank arbeiten", sagt Ponndorf.

Finanziert hat das Ding die Bauer-Stiftung. Ponndorf arbeitet für den Bau- und Maschinenbau-Konzern Bauer, die Eigentümer des Familienunternehmens haben auch die Stiftung gegründet. Sie gab auch Geld für die neue Orgel von St. Jakob und sponserte unter anderem die neue IT- und Telefonanlage der Volkshochschule in Schrobenhausen. "Aber nicht alles, was jemand tut, der aus der Wirtschaft kommt, muss wirtschaftliche Gründe haben", sagt Firmenchef Thomas Bauer, Vater von zwei Söhnen.

Gewaltige Unterschiede

Schon vor Jahren seien ihm die "gewaltigen Unterschiede" zwischen Jungen und Mädchen beim Abitur aufgefallen. Und die Mädchen, die bei Bauer in die Lehre gehen, bringen eine "bessere Ausgangsbasis mit als die Jungen". Auch dem CSU-Mann Bauer geht es nach eigenem Bekunden nicht darum, die Mädchen "wieder zu benachteiligen, es geht nur darum, beide Geschlechter gleich zu behandeln. Wir müssen gerecht sein".

Noch vor 50 Jahren seien Jungen die Bildungsgewinner gewesen. Mittlerweile seien sie "eindeutig die Bildungsverlierer". Das oft gehörte Argument, dass sei ausgleichende Gerechtigkeit hält er für idiotisch. Auch glaubt Bauer nicht, dass die Mädchen vor 50 Jahren dümmer waren und es nun die Buben seien. "Ich bin überzeugt, das hat nicht das Geringste mit angeborenen Fähigkeiten zu tun, sondern allein mit Förderung."

Die Partnersuche für Frauen wird schwieriger

Das Thema kann Bauer, einen für gewöhnlich ruhigen Mann, in Rage bringen. Die Entwicklung dieser Ungerechtigkeit habe erhebliche gesellschaftliche Folgen, "die niemand wollen kann - auch nicht die Frauen", sagt er. Wenn etwa, wie bei Ärzten schon deutlich, es viel mehr Frauen gebe als Männer, sei der "ganz natürliche Konflikt zwischen Beruf und Familie immer schwerer zu organisieren". Und Frauen, führt Ponndorf an, "heiraten deutlich seltener Männer mit niedrigerer Ausbildung als umgekehrt". Die Partnersuche werde also für Frauen und Männer schwerer, je stärker die Bildungsunterschiede zunehmen.

Wirtschaftlich spielt das Thema für Bauer noch keine Rolle. Die wird es aber bekommen, sagt Wissenschaftlerin Stöger. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, gibt es in den Disziplinen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik bereits jetzt eine Fachkräftelücke von etwa 140.000 Personen. Diese werde in den nächsten Jahren noch größer, wenn nicht ausreichend Männer und Frauen höhere Bildungsabschlüsse absolvieren.

Die Werkbank ist erst der Anfang

Ponndorf hat nicht mit der Werkbank aufgehört. Im Frühjahr 2009 organisierte er bei der Firma Science Lab ein paar Forscherkisten für zwei Kindergärten, um den Kindern Naturwissenschaften spielerisch beizubringen. Eine Einweisung gab es auch. Und für zwölf Monate hat der Kindergärtner Eric ein Praktikum im Kindergarten Maria Ward gemacht. Die Grundschule wurde mit 30 Notebooks ausgerüstet, die haben Bauer und das IT-Unternehmen K&L Electronics aus Weidenberg mitfinanziert. "Es ist dringend geboten, mit der Trendumkehr zu beginnen", sagt Firmenchef Bauer. Denn die Entwicklung lasse sich nur mit einem Zeithorizont von 20 Jahren wieder ändern.

© SZ vom 18.03.2010/holz
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