Förderung "Der schönste Tag meines Lebens"

Teilnehmer der Vorbilder-Akademie mit Teamer Simmuz Doymaz (links im Bild) bei der Gruppenarbeit.

(Foto: Bildung & Begabung)

Die Vorbilder-Akademie hilft Schülern mit ausländischen Wurzeln bei der Orientierung über mögliche Bildungswege.

Von Juliane von Wedemeyer

Sara Alsulaiman Alnaser hat mit 14 Jahren ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um zur Schule zu gehen. Mit ihrem Vater, einem Autohändler, und drei ihrer Geschwister verließ sie 2015 ihre Heimat Syrien. Die Mutter, eine Englischlehrerin, blieb mit drei weiteren Geschwistern zurück. Zu Fuß querte Vater Alnaser mit den Kindern erst Libanon, dann die Türkei, um dort in ein Schlauchboot zu steigen. Sie erreichten die griechische Küste und schlugen sich über Mazedonien und Ungarn nach Deutschland durch.

Nach 18 Tagen landeten sie in einem Erstaufnahmeheim in Norddeutschland. "Das war ein leer geräumter Supermarkt, in dem 700 Menschen lebten", sagt Sara Alsulaiman Alnaser. Ein Jahr mussten sie dortbleiben. Das Schlimmste: Alnaser, die wusste, was ihre Familie geopfert und riskiert hatte, damit sie eine Zukunft hat, damit sie zur Schule gehen kann, durfte keine besuchen. "Es hieß, dass wir jeden Moment in eine andere Unterkunft kommen könnten, in eine andere Stadt."

Heute ist sie 17, geht in die elfte Klasse eines Gymnasiums, besucht nebenbei einen Wirtschaftskurs der Industrie- und Handelskammer und hat im vergangenen Jahr erstmals an der Vorbilder-Akademie teilgenommen. Die Initiative des Bonner Zentrums für Begabungsförderung "Bildung und Begabung" unterstützt seit 2011 Jugendliche mit Migrationshintergrund dabei, herauszufinden, welche Möglichkeiten ihnen in Deutschland offenstehen. "Oft haben sie einfach eine schlechtere Startposition, und die wollen wir etwas ausgleichen", sagt Ulrike Leikhof, die Leiterin der Vorbilder-Akademie. Vor allem, weil die Eltern oft gar nicht wissen, welche Bildungswege es in Deutschland gibt. "Was ihnen fehlt, sind Bildungsvorbilder in der näheren Umgebung." Diese lernen die Jugendlichen an der Akademie kennen.

Eines dieser Vorbilder ist Simmuz Doymaz, dessen Eltern in Pforzheim einen Döner-Imbiss betreiben. Er war elf, als er aus der Türkei nach Deutschland kam. "Ich wusste schon immer, dass ich studieren möchte", sagt er. Auch als er noch auf die Hauptschule ging. Einige seiner Mitschüler und Lehrer belächelten ihn oder versuchten, ihm eine Lehre schmackhaft zu machen. "Ich bin da schon irgendwie an eine Wand gestoßen", sagt Doymaz, der mittlerweile am Karlsruher Institut für Technologie Elektrotechnik studiert.

Damals sei es wichtig gewesen, jemanden zu haben, der Mut macht. Jemanden wie die Vorbilder der Vorbilder-Akademie. Die hat inzwischen vier Standorte und bietet einmal im Jahr eine Woche lang verschiedene Kurse an: Rechts-, Neuro- und Kulturwissenschaften zum Beispiel oder eben Elektro- und Informationstechnik. Das ist der Kurs, den Doymaz in diesem Jahr als Vorbild geleitet hat. Spielerisch hat er den Teilnehmern gezeigt, worum es in seinem Studienfach geht. Und er hat ihnen erzählt, wie er es bis an die Hochschule geschafft hat.

2012 hatte er selbst an einer Akademie teilgenommen. "Es war gut, mal wegzukommen vom Alltag, in einer sicheren Umgebung zu sein, in der jede Frage mit Respekt beantwortet wird", sagt Doymaz. "Vielen Teilnehmern ist gar nicht klar, welche Möglichkeiten wir haben - etwa, dass es Stipendien gibt." Er wird beispielsweise heute von der Hans-Böckler-Stiftung unterstützt. Mit seinem Vorbild von damals hat er immer noch Kontakt.

Leikhofs Team sendet regelmäßig Infomaterialien über die Akademie an alle Schulen mit neunten und zehnten Klassen, aber auch an Jugendmigrationsdienste und andere Einrichtungen, die mit der Zielgruppe zu tun haben. "Natürlich nutzen wir auch die sozialen Medien", sagt Akademieleiterin Leikhof. Die Jugendlichen müssen sich dann bewerben. 750 durften bisher teilnehmen.

"Für mich war das die schönste Woche meines Lebens", sagt Sara Alsulaiman Alnaser. "Ich bin das erste Mal allein verreist und habe viele nette Menschen kennengelernt." Eine Lehrerin hatte sie auf die Akademie aufmerksam gemacht. In diesem Jahr ist Alnaser wieder zur Vorbilder-Akademie gefahren. Dieses Mal als "Teamer". Sie hat den Erstteilnehmern gezeigt, wie das Ganze funktioniert.

Wer mit Alnaser spricht, hört die Zuversicht in ihrer Stimme. Die fehlte der Familie im ersten Jahr in Deutschland noch. "Wir saßen da und verloren unsere Zeit." Weil Alnaser nicht zur Schule gehen durfte, ging sie in die Stadtbibliothek und lieh sich Deutschbücher aus. "Im Heim gab es sonst nur Essen und Schlafen. Mir war furchtbar langweilig", erzählt sie. Also meldete sie sich freiwillig als Dolmetscherin. "Dabei habe ich nur ein paar Brocken Deutsch gesprochen." Kaum mehr als die Neuankömmlinge. Ein halbes Jahr später sprach sie es fließend. Nach ihrem Abitur möchte sie Neurowissenschaftlerin werden.