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Flexibles Arbeiten:Schreibtisch mit Anschluss

In einem Kreuzberger Industriegebäude können sich Freischaffende stundenweise Arbeitsplätze mieten: Die Kreativen bilden eine lose Gemeinschaft - die sich sogar gegenseitig Aufträge verschafft.

Einmal habe einer im Betahaus einen Spitzer für seinen Bleistift gebraucht, sagt Florian Wichelmann. Derjenige sei durchs Haus gelaufen und habe hier und da jemanden nach einem Spitzer gefragt, aber niemand konnte ihm weiterhelfen. Da schrieb er im Internet auf seiner Facebook-Seite: "Bin im Betahaus, suche Bleistiftspitzer." Ein paar Sekunden später habe sich drei Tische weiter jemand gemeldet, der die Meldung gelesen und einen Spitzer dabeigehabt habe, erzählt Wichelmann. Sein Fazit: "Die Leute im Betahaus sind eher digital als analog unterwegs."

Das Betahaus in Berlin: Die Arbeitsplätze für Freiberufler oder Studenten werden nach Bedarf für wenige Stunden oder einen längeren Zeitraum vermietet.

(Foto: Foto: Daniel Seiffert)

Tatsächlich ist das große Gebäude in Berlin-Kreuzberg für eine arbeitende Generation eingerichtet, die sich weder hierarchischen Zwängen unterwerfen will, noch zu klassischen Arbeitszeiten im Büro erscheinen möchte. Und deren Projekte oft genug im realen Leben geplant, aber im digitalen Netz umgesetzt werden.

Flatrate-Tarif mit eigenem Schlüssel

Das Netz kennt keine Öffnungszeiten. Im Betahaus kann deshalb jeder kommen und gehen, wann er will. Die Arbeitsplätze für Freiberufler oder Studenten werden nach Bedarf für wenige Stunden oder einen längeren Zeitraum vermietet. Die Tarife beginnen mit der stundenweisen Nutzung eines Teilzeit-Schreibtisches ab zwölf Euro pro Tag und enden beim Flatrate-Tarif mit eigenem Schlüssel für 229 Euro pro Monat. Derzeit haben sich 70 Mieter im Betahaus eingemietet, die meisten zahlen einmalig 79 Euro und bekommen dafür zwölf Tage lang einen Teilzeit-Schreibtisch. Drahtloses Internet ist stets im Preis enthalten.

"Bei uns mieten sich Menschen ein, die selbstbestimmt arbeiten wollen", sagt Tonia Welter, eine von sechs Gründerinnen des Betahauses. Welter arbeitete in einem Züricher Designbüro, bevor sie zurück in ihre Studienstadt Berlin zog. Als Angestellte verdiente sie gut, musste aber von neun bis 17 Uhr arbeiten, durfte keine Überstunden machen. "Aber Kreativität kann man nicht auf Knopfdruck an- oder abstellen", sagt Welter. "Ich werde erst um 17 Uhr richtig aktiv." Eine Erkenntnis, die mit dem Betahaus zum Geschäftsmodell wurde. "Und das Modell funktioniert", sagt Welter.

Filialen in Lissabon und Zürich

Genau wie ihre fünf Mitgründer arbeitet sie heute als Gesellschafterin. Sie haben einen Geschäftsführer in Vollzeit angestellt, sowie Personal zur Unterstützung. Die Angestellten, die zum Beispiel im Café des Hauses arbeiten, werden vom Geschäftsführer gerne aus Mietern rekrutiert, die sich was dazuverdienen möchten. Sich selber können die Gründer derzeit kaum mehr als eine kleine Entschädigung auszahlen.

"Das Kreuzberger Betahaus ist ein Testlauf", sagt Welter. Richtige Erlöse seien erst zu erwarten, wenn das Konzept ausgeweitet sei. In der näheren Auswahl für neue Betahäuser sind bei den Gründern die Städte Lissabon und Zürich. Sie denken auch über Kooperationen mit Arbeitsplatz-Vermietern rund um den Globus nach. Wer im einen Haus ein Zeit-Kontingent gemietet habe, könne so bei einer Geschäftsreise ohne großen Aufwand einen Arbeitsplatz bekommen, erklärt Welter.

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