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Digitalisierung:Braucht es noch Finanzberater?

Beraten und verkauft - Die richtige Anlagetaktik für Senioren

Früher führte kaum ein Weg am persönlichen Besuch beim einem Profi vorbei. Das ist heute anders.

(Foto: Mascha Brichta/dpa)

Viele Tätigkeiten von Vermögensverwaltern und anderen Experten in der Branche können automatisiert werden. Was bleibt für sie zu tun, wenn sich die Computer um Portfolios kümmern?

Ein Virus breitet sich in China aus - und sofort geraten die Aktienkurse auf der ganzen Welt unter Druck. Wie das zusammenhängt, müssen Finanzberater und Vermögensverwalter verstehen. Denn sie müssen es den privaten Anlegern erklären, die um ihre Altersvorsorge oder die Finanzierung ihres Eigenheims bangen und deren Finanzplan sie häufig entwickelt haben. Wer dabei die globalen Zusammenhänge nicht durchschaut, steht als Finanzberater oder Vermögensverwalter auf verlorenem Posten.

Doch damit nicht genug an neuen Herausforderungen. Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt, weil sich ganze Branchen im Umbruch befinden und mit ihnen die Berufsprofile und Aufgabenbereiche. Der aktuelle "Job Report" des World Economic Forum prophezeit für den Zeitraum von 2018 bis 2022, dass 54 Prozent aller Beschäftigten weltweit einen "signifikanten" Umschulungs- und Weiterbildungsbedarf haben. "Die technologischen Durchbrüche verlagern schnell die Grenzen zwischen den Aufgaben, die von Menschen, und jenen, die von Maschinen und Algorithmen erledigt werden", heißt es in der Studie. Jochen Werne ist Mitglied der Plattform "Lernende Systeme" für künstliche Intelligenz, die das Bundesforschungsministerium ins Leben gerufen hat. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Transformation des Finanzsektors. "Die klassischen Branchen werden von Grund auf verändert", sagt Werne.

In der Finanzbranche trägt diese Entwicklung den Namen Fintech, kurz für Finanztechnologie, und bezeichnet automatisierte Prozesse bei Banken, Finanzdienstleistern oder Vermögensberatern. Von Kreditvermittlung über die Geldanlage bis zum Zahlungsverkehr - alles kann online abgewickelt werden, ohne dass der Kunde ein Gesicht zu sehen bekommt oder eine menschliche Stimme hört. In den vergangenen zehn Jahren flossen nach einer Studie des Technik-Dienstleisters Accenture 100 Milliarden US-Dollar als Investitionen in die Branche. Allein 2017 betrug das globale Investitionsvolumen 27,5 Milliarden US-Dollar. Zwei Drittel entfielen davon auf Zahlungstechnologien oder Plattformen zur Kreditvergabe.

Vermögensverwaltung ist längst kein Nine-to-five-Job mehr

Doch was bedeutet das für Finanzberater und Vermögensverwalter, die selbständig oder bei Banken ihrem Beruf nachgehen? Sie spüren den wachsenden Konkurrenzdruck durch sogenannte Robo Advisors, die privaten Anlegern auf bequeme Weise ermöglichen, ihr Kapital zu investieren. Der Weg eines Kunden führt über den eigenen Laptop, das Tablet oder Mobiltelefon zum Anlageportfolio.

Wo früher nahezu exklusiv der Berater seine Hände im Spiel hatte, da schnürt nun ein Algorithmus das Paket. Der Vorteil dabei: Computer entscheiden völlig rational und nicht nach Gefühl. Die Kunden müssen vorab lediglich einige Fragen über ihre Vermögenssituation oder Risikobereitschaft beantworten, und der Robo Advisor spuckt einen Vorschlag aus, der diesen persönlichen Umständen entsprechen soll. Manchen Robos gelingt das gut, anderen weniger gut, wie Verbraucherschützer in ihren Tests herausgefunden haben.

Diesen Automatisierungsprozess sieht Fintech-Experte Werne auch als Chance für den Berufszweig: "Es muss auch in Zukunft Menschen geben, die den Leuten erklären, was dort eigentlich passiert. Der Berater kann sich also auf das Wesentliche konzentrieren, statt in mühsamer Kleinarbeit die besten Portfolios zusammenzustellen." Doch Werne sagt auch, dass dafür künftig weniger Personal benötigt wird. Dennoch öffnen sich neue Türen.

Keine Bank, keine Vermögensverwaltung, kein Wertpapierhandel kommt heute noch ohne Innovationsabteilung aus. Es werden Leute benötigt, die große Datenmengen analysieren, die durch den Einsatz künstlicher Intelligenz gesammelt werden, und diese Erkenntnisse in neue Produkte und interne Prozesse gießen. Die Entwicklung neuer Geschäftsfelder wird wichtiger. Die nötige Software muss von Experten entworfen und das Serviceangebot für Kunden erweitert werden.

Auch nach Feierabend müssen die Anbieter von Finanzdienstleistungen ihren Kunden schon heute häufig zur Verfügung stehen, um der Globalisierung von Kapitalanlagen gerecht zu werden. Bei den Hotlines werden Leute benötigt, die vertraut sind mit den Prozessen an den internationalen Finanzmärkten. Dadurch werden Arbeitszeiten flexibilisiert. Vermögensverwaltung ist längst kein Nine-to-five-Job mehr. Akquise, Anlage, Umschichtung geschehen rund um die Uhr.

Die neue Dynamik im Finanzsektor sollte Berufseinsteiger nicht abschrecken

Arnaud Misset, Chief Digital Officer bei der französischen Caceis-Bank in Paris, ist verantwortlich dafür, eine Fintech-Kultur in der Bank zu etablieren. "Wie in allen Industrien, in denen Technologie den Takt vorgibt, wird sich auch der Bankensektor anpassen müssen. Es geht nicht um die Frage, ob wir das tun, sondern ob es uns mit der nötigen Geschwindigkeit gelingt", sagt Misset.

Mitarbeiter der Caceis-Bank sollen in Workshops lernen, die Auswirkungen neuer Technologien möglichst früh vorhersagen zu können. Statt in Rückstand zu geraten, sollen sie Trends und innovative Geschäftsfelder rechtzeitig erkennen. Auch deswegen steigen Banken verstärkt in die digitale Kapitalanlage über Robo Advisors ein. Statt nur zuzuschauen, wie der neue Zweig immer mehr Blüten treibt, werden sie selbst zum Akteur. Sie kaufen Start-ups auf oder entwickeln eigene Modelle.

Während andere Branchen unter den Konsequenzen der Digitalisierung leiden, weil taugliche Geschäftsmodelle nur mühsam entwickelt werden, ist um die Finanzbranche herum durch strenge behördliche Regulierungen ein Schutzwall gezogen. Fintech-Neuerungen müssen hohe Hürden bis zur Zulassung überwinden. So sollen die Verbraucher besser geschützt werden. Solche Hürden kommen den traditionellen Anbietern zugute, weil die Konkurrenz sich ihren regulatorischen Rahmenbedingungen anpassen muss.

Die neue Dynamik im Finanzsektor sollte Berufseinsteiger nicht abschrecken, findet Fintech-Experte Jochen Werne. Niemand müsse alles können. Es gehe eher darum, für einen Bereich leidenschaftliches Interesse zu entwickeln, sei es für die IT, das Marketing, den Vertrieb, die Analyse oder die Kapitalanlage. Auch älteren Arbeitnehmern will er die Angst nehmen. Digitalisierung fände schließlich nicht nur im Berufsleben statt. Privat seien die Menschen heute ständig mobil und online. Wie selbstverständlich nutzten sie neue Kommunikationsmittel. Und auch ihr Verhalten als Verbraucher hätten sie komplett umgestellt, seit neue Technologien das Leben bequemer machen könnten. "Wenn man sich das einmal vor Augen führt, dann tut das Loslassen alter, vertrauter Arbeitsprozesse gar nicht mehr so weh", sagt Werne.

© SZ vom 07.03.2020
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