Süddeutsche Zeitung

Fernsehautoren:"In einer Folge 'Ein Fall für zwei' stecken mehrere Monate Arbeit"

In Hollywood streiken die Drehbuchschreiber. Auch die deutschen Autoren beklagen sich - ein Kreativer über die schlechten Arbeitsbedingungen.

Seit Montag streiken Hollywoods Drehbuchschreiber - sie verlangen mehr Geld für die Weiterverwertung ihrer Arbeiten im Internet und auf DVDs; die Film- und Fernsehproduzenten lehnen das ab. Über die Situation der deutschen Autoren sprach die SZ mit Arne Sommer, 37. Er ist seit elf Jahren freiberuflich im Geschäft und hat unter anderem Drehbücher für TV-Spielfilme und die Serie "Polizeiruf 110" verfasst.

SZ: Herr Sommer, Hollywoods Drehbuchautoren streiken für mehr Geld. Haben die Kollegen Ihre Sympathie?

Arne Sommer: Meine vollste Sympathie! Weil sie letztlich für eine Selbstverständlichkeit streiken, nämlich dass der Autor am Erfolg des Produkts, das er mit hergestellt hat, beteiligt wird. Ich wünschte, in Deutschland könnten wir etwas Ähnliches auf die Beine stellen.

SZ: Gibt es denn Anlass dafür?

Sommer: Und ob. Den Hollywood-Autoren geht es ja darum, ihre Tantiemen an der Weiterverwertung anzuheben. In Deutschland gibt es eine solche Beteiligung in vielen Fällen erst gar nicht. Die Rechte an der TV-Ausstrahlung eines Kinofilms, an der DVD- oder Online-Vermarktung werden meist einfach mit dem Grundhonorar eingekauft. Eine Beteiligung des Autors am Umsatz eines Kinofilms findet nur ganz selten statt.

SZ: Sind die Gehälter für Drehbuchautoren tariflich festgelegt oder hängt es vom Verhandlungsglück ab?

Sommer: Bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern gibt es eine Art Tarifvertrag, der so etwas wie ein Mindesthonorar vorsieht. Bei Wiederholungen wird dann nochmal ein Zweithonorar fällig - davon versuchen die Sender aber gerade wegzukommen. Eine Kollegin von mir hat einen sehr bekannten Film geschrieben, der seit acht Jahren immer zu Weihnachten in der ARD wiederholt wird. Trotzdem hat sie nur ein einziges Mal dafür Geld bekommen. Bei den Privaten wiederum gibt es fast ausschließlich Buy-out-Verträge: Der Sender erhält durch eine einmalige Zahlung für alle Zeiten alle Rechte. Die Höhe dieser Summe ist stark abhängig von dem Produzenten, mit dem man arbeitet.

SZ: Man muss also gut verhandeln?

Sommer: Ja. Nun hat der Drehbuchautor das Image, ein in sich gekehrter Sonderling zu sein, der zu Hause vor seinem Computer sitzt und kaum in die Öffentlichkeit tritt. Leider trifft dieses Klischee zum Teil auch zu. Manche Kollegen haben in Verhandlungen also nicht den besten Stand. Dabei ist es doch so: Der Sender oder der Produzent verdienen mit der Zweit- und Drittverwertung eines Filmes Geld. Also warum nicht der Autor? Das dürfte nicht vom Verhandlungsgeschick abhängen.

SZ: Hat sich die Situation der hiesigen Autoren eher verschlechtert?

Sommer: Die Summen, die gezahlt werden, sind weniger geworden beziehungsweise haben mit der Inflation nicht Schritt gehalten. Der Autoren-Tarifvertrag des WDR ist bestimmt schon 15 Jahre alt. Seit ich Drehbücher schreibe, haben die öffentlich-rechtlichen Sender die Gehälter nicht mehr angehoben.

SZ: Ein Hollywood-Autor verdient im Schnitt 200.000 Dollar im Jahr. Kriegen Sie bei der Summe feuchte Augen?

"In einer Folge 'Ein Fall für zwei' stecken mehrere Monate Arbeit"

Sommer: Nein, denn das Leben in Los Angeles ist ungeheuer teuer, dazu muss die Krankenversicherung über die Honorare mitfinanziert werden. Und eine US-Produktion kostet mehr Geld, das heißt der Anteil des Autors ist dadurch automatisch höher. Man kann dieses System also nicht wirklich mit unserem vergleichen.

SZ: Wie gut kommt ein deutscher Drehbuchschreiber über die Runden?

Sommer: Viele machen, wenn's hoch kommt, ein bis zwei Produktionen im Jahr - und brauchen deshalb noch einen Nebenjob oder einen gutverdienenden Partner. Wer im Jahr drei bis vier Folgen einer Fernsehserie schreibt, kann schon ganz gut davon leben, ist aber längst kein Spitzenverdiener. Für eine Folge von "Ein Fall für zwei" etwa gibt es 12.000 bis 15.000 Euro - da stecken dann aber auch mehrere Monate Arbeit drin.

SZ: Wäre ein Streik wie der in Hollywood in Deutschland denkbar?

Sommer: Kaum, weil es bei uns keine vergleichbare Gewerkschaft gibt. Es gibt einen Berufsverband, in dem allerdings nur etwa die Hälfte der Autoren organisiert sind. Ein Streik hätte also längst nicht die Hebelwirkung wie in den USA.

SZ: Den Hollywood-Autoren geht es nicht nur um mehr Geld, sondern auch um Anerkennung. Sie beklagen, dass ihre Drehbücher umgeschrieben werden, dass sie im Abspann nicht genannt und oft nicht mal zur Premiere eingeladen werden. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Sommer: Ein Kollege von mir hat eine bekannte ZDF-Krimiserie geschrieben, die für den deutschen Fernsehpreis nominiert wurde. Dieser Autor fragte seinen Produzenten, ob er nicht mitreisen dürfte zum Fernsehpreis, denn er hätte ja auch ein bisschen was zu tun mit der Geschichte. Der Produzent sagte: "Klar kannst du fahren, aber die Reisekosten übernehm' ich natürlich nicht." Das spiegelt ziemlich genau wieder, wie hoch das Ansehen eigentlich ist.

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Quelle:
SZ vom 6.11.2007/bön
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