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Familienunternehmen:"Sie stellen ihr Licht viel zu sehr unter den Scheffel"

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Nachdem all die für kleine und mittelgroße Unternehmen so wichtigen Karriere-Events ausgefallen sind, kommt es auf digitale Formate an.

(Foto: Rainer Berg via www.imago-images.de/imago images/Westend61)

Familienunternehmen finden als potenzielle Arbeitgeber zu wenig Beachtung. Umso wichtiger sind Jobmessen für sie. Doch in der aktuellen Krise müssen sie andere Wege gehen.

Von Christine Demmer

Der Frühling ist eine Zeit des Werbens - auch um den passenden beruflichen Lebensabschnittspartner: Uni-Absolventin oder -Absolvent sucht Einstiegsunternehmen, Arbeitgeber sucht Nachwuchstalent mit abgeschlossener Schul- oder Hochschulausbildung. Nur ist in dieser Saison die Chance geringer, dass zwei, die zueinanderpassen, auch zueinanderfinden. Denn die Hörsäle sind leer, Studentinnen und Studenten sieht man nur in den Bibliotheken und auf den Fluren der Hochschulverwaltung.

Wie sollen die Unternehmen sie da von den Vorteilen einer Anstellung bei ihnen überzeugen können? Denn die Corona-Krise bedeutet auch, dass Karrieremessen, Präsentationen an Hochschulen oder Dating Events im Audimax dem Distanzgebot zum Opfer fallen. Das waren bislang wichtige Gelegenheiten für Personalchefs und Geschäftsführer, sich und ihre Unternehmen zu präsentieren.

Inzwischen gibt es immerhin ein paar Online-Veranstaltungen, bei denen sich Berufseinsteiger und Familienunternehmer kennenlernen können. Was ihnen und den Absolventen sonst noch bleibt, sind persönliche Kontakte aus zurückliegenden Praktika und Arbeitgeber-Rankings, in denen die suchenden Unternehmen mehr oder weniger objektiv bewertet werden - von A wie Arbeitszufriedenheit bis Z wie Zielgehalt. Und hier schneiden, neben dem öffentlichen Dienst, die bekannten Großunternehmen am besten ab. "Da machst du nichts verkehrt", raten Eltern und Freunde, selbst wenn sie niemanden kennen, der dort beschäftigt ist. Aber von Google und SAP, von BMW, Audi oder Siemens hat jeder schon mal gehört.

Selbst manche Weltmarktführer unter den Familienunternehmen sind unbekannt

Das Nachsehen haben insbesondere jene 90 Prozent der Unternehmen, die fast 60 Prozent der Arbeitsplätze stellen. Und die zwischen 2007 und 2016 nach Angaben der Stiftung Familienunternehmen weit mehr Mitarbeiter eingestellt haben (plus 23 Prozent) als die Dax-Konzerne (plus vier Prozent) und die trotzdem nicht so bekannt sind, dass die Absolventen bei Erwähnung ihrer Namen aufhorchen würden. Die Rede ist von Familienunternehmen, deren Geschäftsanteile zu mindestens 50 Prozent im Besitz einer Familie sind und bei denen wenigstens eines ihrer Mitglieder im Management tätig ist. "Für sie ist der Fachkräftemangel kein Sommergewitter, das schnell wieder vorbeizieht", sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. "Es ist eine andauernde Schlechtwetterlage."

Familienunternehmen haben gleich zwei Handicaps. Viele Schul- und Hochschulabsolventen haben selbst Weltmarktführer in technologischen Nischen nicht auf dem Radar. Hinzu kommt: Die Hidden Champions sitzen oft auf dem Land, weitab der Großstadt. Um ihren Bedarf an Nachwuchskräften zu decken, müssen die Familienunternehmen also aktiv auf die jungen Leute zugehen. Etliche tun das auch. Die großen Familienunternehmen mit mehr als 200 Millionen Euro Jahresumsatz sind Stammkunden der Karrieremessen in den Hochschulstädten. Und der "Karrieretag Familienunternehmen", auf dem sie sich und ihre Jobangebote normalerweise zweimal im Jahr mit Vorträgen präsentieren, sei auf lange Sicht ausgebucht, versichert Heidbreder.

"Der Entrepreneurs Club" wirbt online um Berufseinsteiger

Das auf Initiative von "Der Entrepreneurs Club" mit Sitz in München und großen Familienunternehmen neu aufgesetzte Jobportal "Karriere im Familienunternehmen" rückt jetzt die Attraktivität der familiengeführten Arbeitgeber online in den Fokus. "Der Entrepreneurs Club" versteht sich als Dienstleister für Familienunternehmen und als ihr Botschafter. Stefan Klemm, Gründer und Inhaber des Klubs, wendet sich an Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, die ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben oder demnächst abschließen werden: "Aus einer gemeinsamen Studie der Stiftung Familienunternehmen mit der TU München geht hervor, dass das Arbeitsumfeld in Familienunternehmen heutigen Talenten viel näherkommt als im anonymen Großkonzern." Die Studie "Familienunternehmen als Arbeitgeber" zeige, dass fast alle Befragten "überdurchschnittlichen Teamgeist" und "gute Arbeitsatmosphäre" mit einer Karriere im Familienunternehmen assoziieren. Gelobt werde auch der kooperative Führungsstil in eigentümergeführten Unternehmen.

Ein anderes Bild gewonnen haben die Wirtschaftswissenschaftler Michael Graffius von der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Berlin und Christopher Hansen von der Universität Trier. Sie verglichen für das Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu die Urteile von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in großen Familienunternehmen mit den Urteilen derer, die in anderen Arten von Unternehmen tätig sind. Nach dieser Analyse erzielten die Familienunternehmen einen geringfügig schlechteren Mittelwert als die sogenannten Nicht-Familienunternehmen. Bei ausnahmslos allen Qualitätskriterien schnitten Familienunternehmen etwas schlechter ab. Die geringste Zufriedenheit ließ sich in den Kategorien Kommunikation, Karriere und Vorgesetztenverhalten feststellen.

Hierarchien spielen in Familienunternehmen eine geringere Rolle als in Konzernen

Bernhard Schelenz, Spezialist für Recruiting und Employer Branding in pfälzischen Großkarlbach, macht sich trotzdem für Familienunternehmen stark. "In diesen Zeiten, in denen alle über Agilität und Transformation schwadronieren, legen Familienunternehmen einen erfrischenden Pragmatismus an den Tag. Da geht es tatsächlich wie in der Familie zu: Wenn es ein Problem gibt, setzt man sich zusammen an einen Tisch und spricht so lange darüber, bis man es gelöst hat." Familienunternehmen würden außerdem dem Sicherheitsbedürfnis junger Menschen eher nachkommen als börsennotierte Unternehmen: "Sicherheit hat man eher in kleinen Einheiten. Im Konzern sitzen die wenigsten Mitarbeiter mit einem Vorstand am selben Tisch. Im familiengeführten Unternehmen kommt es durchaus vor, dass Geschäftsführer oder Vorstände im Aufzug oder in der Halle einen Praktikanten mit Namen ansprechen. Die gewollte Nähe entspricht der Personalpolitik, und die meisten Mitarbeitenden finden das gut."

Eines allerdings wirft der Human-Resources-Experte den Familienunternehmen vor: "Sie stellen ihr Licht viel zu sehr unter den Scheffel. Und wenn der Nachwuchs das fehlende Selbstbewusstsein spürt, dann wird er unsicher und wendet sich sicherheitshalber dorthin, wo nach außen hin nie an der eigenen Überlegenheit gezweifelt wird." Wer sich sorge, das später zu bereuen, dem könne er seine Befürchtungen nehmen: "Der Wechsel vom Konzern zum Familienunternehmen", betont Schelenz, "ist wesentlich einfacher als umgekehrt."

© SZ/ssc/mai
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