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Fallstricke im Anti-Diskriminierungs-Gesetz:Weniger Fragen, mehr Lügen

Bewerber und Unternehmen müssen umdenken. Das neue Gleichbehandlungsgesetz ändert vieles - von der Stellenanzeige bis zum Schutz vor Mobbing.

Sandra Meister schwant Schlimmes. "Wenn wir eine Fahrerin einstellen, dann ist die Hölle los - und schuld sind die Männer", sagt sie. Meister arbeitet seit vielen Jahren als Personalchefin eines mittelständischen Speditionsunternehmens. Frauen dürfen bei der bayerischen Firma nicht ans Steuer eines Lkws, so will es ausdrücklich die Geschäftsführung. Meister, die ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen will, erklärt die Praxis mit ihrer Erfahrung: Vor einigen Jahren stellte sie eine Kraftfahrerin ein, die tadellos arbeitete. Die Fernfahrer der Firma aber stiegen der gutaussehenden Kollegin hinterher, sogar die Angestellten der Firma starrten aus dem Fenster, wenn die Kollegin aus der Zugmaschine stieg, erzählt Meister. Die Folge: Wütende Ehefrauen standen bei ihr im Büro und beschwerten sich über die neu Eingestellte.

(Foto: Foto: Vera Thiessat)

Nun sitzt Meister zusammen mit sechs Kollegen aus anderen Unternehmen in einem Münchner Hotel und lässt sich einen Tag lang über den Umgang mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) informieren. Besser gesagt: Sie und ihre Kollegen wollen vor allem Ärger vermeiden. Das Vorgehen in Meisters Firma etwa ist nach dem AGG eindeutig verboten. Dieses untersagt seit vier Monaten eine Benachteiligung vieler Gruppen im Berufs- und Geschäftsleben. Der Schutz erstreckt sich von der Bewerbung über das gesamte Arbeitsleben bis hin zur Altersversorgung. Reichlich Stoff also, Fehler zu machen, die ein Unternehmen leicht mehrere Monatslöhne Schadensersatz kosten können.

Rechtlich ist das Beispiel Meisters für Frank Walk klar. "Dann müssen Sie Ihre Fahrer disziplinieren", sagt der Referent und Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der internationalen Kanzlei Taylor Wessing. Eine Forderung, die Meister wegen der Regeln in der raubeinigen Fernfahrer-Szene für "illusorisch" hält.

Die Unsicherheit ist groß bei den Personalern aus den mittelständischen Unternehmen. Zahlreiche Paragraphen des AGG sind schwammig formuliert, klagt Referent Walk. "Wir müssen erst Urteile zu dem Gesetz abwarten", sagt auch der Arbeitsrechtler Martin Nebeling von der Anwaltskanzlei Bird & Bird, der in Düsseldorf Kurse zum AGG gibt. Und so muss Walk an einigen Stellen spekulieren, wie sich die Führungskräfte wohl zu verhalten haben.

Beim Thema Bewerbungen ist immerhin klar: Alle Stellenausschreibungen müssen geschlechtsneutral gehalten sein, etwa durch ein "männlich/weiblich" hinter der Berufsbezeichnung. Auch Mitarbeiter für ein "junges Team" oder Bewerberinnen "bis 40 Jahre" dürfen nicht mehr offen gesucht werden. Ältere Kandidaten könnten sonst wegen Altersdiskriminierung klagen.

Selbst von der Forderung nach "Bewerbungsunterlagen mit Lichtbild" rät Walk ab: Das Foto kann Auskunft geben über Rasse oder Herkunft, das Unternehmen müsste sich möglicherweise vor Gericht rechtfertigen, warum es ein Bild verlangt habe.