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Bergbauingenieure sind gefragt. Sie befassen sich nicht nur mit Kohle, sondern auch mit Baustoffen wie Kalkstein und Ton oder mit Metallen. Der technologische Fortschritt verringert mit diesem Beruf verbundene Strapazen und Gefahren.

Von Verena Wolff

Als Elisabeth Clausen ihr Studium als Bergbau-Ingenieurin vor circa 15 Jahren begann, da waren Frauen in dieser Ausbildung noch die Ausnahme. Die heute 35-Jährige war aber so interessiert an Bergbau-Technologien, dass es sie nicht abschreckte, einen Männerberuf zu erlernen. Sie begann da, wo viele Bergbau-Fachleute anfangen: unter Tage. Ein Praktikum musste sein, sie fuhr im Saarland in den Berg ein und lernte, was die Kumpel unter der Erde machen.

Clausen stammt von der norddeutschen Küste - mit dem Bergbau hatte sie dort nie etwas zu tun. Dennoch oder gerade deshalb faszinierte sie das vielseitige Studium, das zu großen Teilen aus Natur- und Ingenieurwissenschaften besteht, aber auch Umwelt- und Wirtschaftswissenschaften sowie rechtliche Aspekte beinhaltet. "Und über Geologie und den Aufbau der Erde lernt man auch noch eine ganze Menge", sagt sie. Auch im Job fasziniert sie die Vielfalt: "Es ist sehr komplex unter Tage, das sind ja kleine Städte unter der Erde." Jedes Bergwerk sei anders, man müsse sich immer wieder auf neue Bedingungen und Situationen einstellen. "Und genau das macht die Arbeit so spannend."

Die generalistische Ausbildung liegt auch Carsten Drebenstedt am Herzen. Er hat an der TU Bergakademie in Freiberg die Professur für Bergbau-Tagebau seit fast 20 Jahren inne. "Der Bergbau-Ingenieur benötigt die Fähigkeit, kreativ zu sein, denn Ingenieure schaffen Lösungen, und es ist zunächst alles möglich, was man sich vorstellen kann", sagt er. Um das Machbare zu realisieren, seien breite Kenntnisse gefragt. "Jede Lagerstätte ist einzigartig und erfordert für den Abbau eine spezifische Lösung." Darum müssen Fachleute für den Bergbau das Wissen aus verschiedensten Disziplinen haben.

Die sächsische Hochschule, die TU Clausthal und die RWTH Aachen sind die einzigen Universitäten, an denen man sich in Deutschland heute noch zum Bergbau-Ingenieur ausbilden lassen kann. Nur in Freiberg, der ältesten montanwissenschaftlichen Hochschule der Welt, gibt es noch den Diplom-Ingenieur, die beiden anderen Hochschulen haben auf Bachelor und Master umgestellt. Fünf Jahre muss man jeweils studieren, um entweder den Ingenieurstitel oder den Master zu haben. "Die vermittelten Kompetenzen sind weitestgehend identisch", sagt Drebenstedt. In Clausthal hat Elisabeth Clausen geforscht und gelehrt. Dort heißt der Master-Studiengang inzwischen "Mining Engineering" und wird komplett auf Englisch gelehrt. "Dadurch hat die Hochschule viele internationale Studierende gewinnen können", sagt sie. Clausen selbst ist noch zur Diplom-Ingenieurin ausgebildet worden. Sie hat in verschiedenen Bereichen des Bergbaus gearbeitet - in der Stein- und Braunkohle, im Salz. Und ging ein halbes Jahr in die Schweiz, um beim Bau des Gotthardtunnels mitzuarbeiten.

Anstatt im Anschluss an das Studium in die Industrie zu gehen, entschied sie sich für einen ganz anderen Werdegang: Direkt nach dem Diplom schloss sie eine Promotion in Clausthal an. Nun ist sie als Professorin an der RWTH in Aachen gelandet, wo sie das Fach "Advanced Mining Technologies" in Forschung und Lehre vertritt. Dort ist sie auch Inhaberin des gleichnamigen Lehrstuhls. Sie und ihr Team entwickeln robuste, vernetzte und autonome Maschinen und Prozesse für das Gewinnen von Rohstoffen. Sie erforscht, wie man mittels Sensortechnik auf Informationen zur Prozess-, Umfeld- und Maschinenüberwachung zugreifen und von ihnen profitieren kann. "Das ist Bergbau 4.0", sagt sie.

Durch die Vielseitigkeit des Studiums stehen den Absolventen sehr viele Berufswege offen, sowohl in Deutschland als auch im Ausland. "Bergbau-Ingenieure haben keine Probleme, einen adäquaten Arbeitsplatz zu bekommen", sagt Professor Drebenstedt. "Es gibt eine Vielzahl von Unternehmen, die mehr als 2000 Abbaustellen für Rohstoffe in Deutschland betreiben." Dazu gehören neben Kohle Baurohstoffe wie Kalkstein, Gips, Ton, Kiessand sowie Industrieminerale wie Kali und Steinsalz oder Flussspat. "Im sächsischen Erzgebirge wurden zudem Erkundungs- und Abbaulizenzen für wertvolle Metalle wie Zinn, Wolfram oder Lithium vergeben; in der Lausitz lagert Kupfer, bei Leipzig lagern Seltene Erden." Neben dem Einsatz im sogenannten Gewinnungsbergbau gibt es weitere Arbeitsfelder, zum Beispiel den Entsorgungsbergbau, etwa für die notwendigen Endlager für nukleare Rückstände.

Clausen berichtet, dass ein Großteil der Studierenden bereits mindestens ein Jobangebot in der Tasche hat, während sie noch an der Abschlussarbeit schreiben. Arbeitsfelder gibt es dabei neben dem Bereich der eigentlichen Rohstoffgewinnung und der zugehörigen Zulieferindustrie viele: in der Finanzbranche, in Beratungsunternehmen, Versicherungen, im Maschinenbau. Auch in Bergbehörden, Ministerien, Hochschulen, Banken oder im Bauwesen, etwa im Tunnelbau, können Bergbau-Ingenieure nach Drebenstedts Auskunft ihre Expertise einbringen.

Drebenstedt betont, dass der Bergbau ein Teil der Daseinsvorsorge ist. Täglich induziere jeder Deutsche einen Rohstoffeinsatz von etwa 40 Kilogramm. "Diese Menge, vor allem Energie- und Baurohstoffe, aber auch seltene 'Tuning-Minerale', benötigen wir für unseren gewohnten Alltag und für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft." So werden etwa für die Fertigung eines Autos Stahl, Kupfer, Zink, Blei und andere Rohstoffe benötigt, für einen Computer 60 chemische Elemente, die bereitgestellt werden müssen.

Der Job des Bergbau-Ingenieurs hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht grundlegend geändert, sagt Drebenstedt. "Die Aufgaben sind geblieben: Ein Bergwerk planen, errichten und betreiben." Doch die Arbeit der Bergleute am jeweiligen Ort verändere sich immer mehr durch Digitalisierung, Automation und Robotik. Dadurch würden Gefahren für die Bergleute und schwere körperliche Arbeit deutlich reduziert.

Spannend sei der Beruf, modern und innovativ - da sind sich die Experten einig. Und darin, dass er mehr Frauen vertragen könnte. Während im Bachelor-Studiengang in Clausthal der Anteil bei 20 bis 30 Prozent liegt, sind es in Freiberg zehn bis 15 Prozent. "Das moderne Berufsbild ist offen für Frauen", sagt Drebenstedt. "Allerdings gibt noch immer viele Klischees und Vorurteile."