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Fachkräftemangel: Realität oder Fiktion?:Unpassende These

Maulkorb für den Arbeitsmarktexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: Er stellt den Fachkräftemangel in Frage - und wird prompt zu Stillschweigen verdammt.

München - Es wäre schön gewesen, mit Klaus Brenke zu sprechen. Der Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat eine Studie mit einer brisanten These verfasst: Einen grundlegenden Mangel an Fachkräften gebe es in Deutschland nicht, lautet sie.

Fachkräftemangel kostet mehr als 20 Milliarden Euro

Gibt es ihn nun, oder gibt es ihn nicht, den Fachkräftemangel in Deutschland? Die Experten sind sich uneinig.

(Foto: dpa)

Ursprünglich sollte die Untersuchung am Dienstag erscheinen. Noch am Morgen hatte die Pressestelle des Instituts das angekündigt. Am Mittag hieß es dann aber, die Studie werde erst am Donnerstag vorgelegt. Es müssten einige redaktionelle Änderungen vorgenommen werden. Autor Brenke war bis zum Nachmittag nicht erreichbar. Später sagte er am Telefon, er dürfe heute nicht reden. Eine hausinterne Vereinbarung stehe dem entgegen.

Dafür gibt es einen triftigen Grund: Die Studienergebnisse widersprechen nicht nur allem, was die Spitzenverbände der Wirtschaft und Ökonomen unablässig fordern. Sie konterkarieren auch frühere Äußerungen seines Chefs. Noch im Spätsommer hatte DIW-Präsident Klaus Zimmermann von der Bundesregierung gefordert, den Zuzug von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland zu erleichtern. "Wir sind dringend auf qualifizierte Einwanderer angewiesen, denn ohne Zuwanderung könnte der Wirtschaftsaufschwung schon bald wieder vorbei sein", lässt sich Zimmermann in einer Pressemitteilung des Instituts vom 27. August 2010 zitieren. Nun soll die Zuwanderung in den nächsten Wochenbericht mit aufgenommen werden, hieß es beim DIW.

Die hausinterne Unstimmigkeit wäre vielleicht auch gar nicht hochgeschwappt, wäre nicht der Entwurf an die Öffentlichkeit gelangt. Der Spiegel berichtete in seiner Online-Ausgabe über die Studie: Für ein generell knappes Arbeitskräfteangebot ließen sich keine Belege finden. So seien die Löhne der Fachkräfte kaum gestiegen, auch sei die Zahl qualifizierter Arbeitsloser größer als die Zahl der offenen Stellen. Zudem sei angesichts der vielen Ingenieurstudenten nicht mit einem Mangel zu rechnen.

Arbeitsmarktexperten zeigten sich am Dienstag überrascht. Bei Ingenieuren, aber auch in den Gesundheits- und Pflegeberufen sowie bei Erziehern gebe es bereits heute zu wenig Fachkräfte, sagt Anja Kettner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Und der Bedarf werde weiter steigen. Auch könne man an der Lohnentwicklung von Erziehern und Altenpflegern nicht ablesen, ob es einen Fachkräftemangel gebe oder nicht. "Deren Gehälter sind durch Tarifverträge festgesetzt", sagt Kettner. Eine einzelne Kindertagesstätte könne zudem im Alleingang die Löhne gar nicht erhöhen, weil die Branche staatlich reguliert und der finanzielle Spielraum eingeschränkt sei.

Ähnlich äußerte sich die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). "Wir haben einen sich vergrößernden strukturellen Mangel an Fachkräften", sagt BDA-Experte Jürgen Wuttke. Es fehlten nicht nur Ingenieure und Mitarbeiter in Pflegeberufen, sondern auch Schlosser, Elektriker und Schweißer. Gut jedes dritte Unternehmen hat nach einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden.

Bei IT-Firmen klagen die Personalverantwortlichen darüber schon lange. 45.000 offene Stellen für IT-Experten gab es laut Umfrage des Branchenverbandes Bitkom vor zwei Jahren. Bedingt durch die Wirtschaftskrise sank diese Zahl deutlich. Der jüngste Aufschwung belebte den Arbeitsmarkt für Computerfachleute wieder. Derzeit werden 28.000 Fachkräfte gesucht. Beim Verband will man diese Zahl allerdings mehr als einen "Indikator" verstanden wissen, weniger als real existierende Jobs.

Selbst in den Boomjahren um den Jahrtausendwechsel hätte es laut Statistik 30.000 offene Stellen für IT-Fachleute gegeben, erklärt Stefan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte des Bitkom. "Im Moment haben wir in unserer Branche Vollbeschäftigung." Allein von den Gehaltsentwicklungen auf den Mangel an Fachkräften zu schließen, hält auch er für zu kurz gegriffen. "Wir haben im IT-Bereich einen sehr harten Preiswettbewerb", sagt Pfisterer. "Lohnsteigerungen nur in Deutschland sind kaum durchzusetzen, sonst wird die Arbeit verlagert."

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