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Fachkräftemangel:Profis für die Nische

Wohnmobile sind gefragt wie nie. Die Hersteller würden gerne eine Ausbildung zum Caravan-Techniker etablieren. Doch die Schaffung eines neuen Lehrberufs ist kompliziert.

Auf den ersten Blick erinnert vieles in der großen Fertigungshalle eher an eine Möbelfabrik als an ein Fahrzeugwerk. In einer Ecke montieren Arbeiter Seitenteile und Türen zu einem kleinen Schränkchen, in einer anderen Ecke stapeln sich Lattenroste und Bettmatratzen. Beim genaueren Hinsehen allerdings zeigen sich dann doch Unterschiede: Weiter hinten in der Halle stehen unzählige Kisten mit Rohren und Steckverbindungen, und ganz am Ende reiht sich dann ein Wohnmobil ans nächste.

Stück für Stück rücken die Fahrzeuge auf dem Fertigungsband immer einen Produktionsschritt weiter. Einige Arbeiter verlegen den Fußboden, andere werkeln an der Nasszelle. Das Ganze, sagt Johannes Haidn, Leiter Aus- und Weiterbildung beim Wohnmobil- und Caravanhersteller Knaus Tabbert im niederbayerischen Jandelsbrunn, sei in etwa vergleichbar mit einem Hausbau. "Wir haben hier auch verschiedene Gewerke am Start." Von der Sanitäreinrichtung über den Möbelbau bis zur Elektrik und der Küchengestaltung - am Ende fügt sich alles zu einem Wohnmobil oder -anhänger.

Ähnlich vielfältig ausgebildet sind die fast 3000 Mitarbeiter, die Knaus Tabbert an seinen europaweit vier Standorten beschäftigt. Schreiner sind hier in der Produktion tätig, aber auch Elektriker, Mechatroniker und Sanitärfachkräfte. Viele davon bildet Knaus Tabbert, ähnlich wie andere Hersteller auch, bereits selbst aus, die meisten zum Holzmechaniker.

Der Fachkräftemangel ist noch kein Grund für einen neuen Ausbildungsberuf

"Das ist traditionell bedingt", sagt Tim Rüttgers vom Branchenverband CIVD. "Früher wurde einfach viel Holz in den Fahrzeugen verbaut"; mittlerweile hat sich das geändert. Der Trend zum Leichtbau, neue Materialien - heutzutage wird viel mehr mit Kunststoffen als mit Holz gearbeitet. Lieber wäre es Ausbildungsleiter Haidn von Knaus Tabbert daher, wenn er künftig junge Leute in einem speziell für die Caravanbranche entwickelten Beruf ausbilden könnte, nämlich zur "Fachkraft für Caravan- und Reisemobilbau" - oder quasi als Arbeitstitel kürzer gefasst: zum "Caravan-Techniker" beziehungsweise zur "Caravan-Technikerin".

Hausbau en miniature: Caravan-Fachkräfte müssen alles sein - Schreiner, Mechatroniker, Elektriker, Kunststofftechniker und Installateure.

(Foto: Monty Rakusen/mauritius images)

Noch aber ist es nicht soweit. Haidn und seine Mitstreiter, die sich in einem CIVD-Arbeitskreis zusammengetan haben, starteten ihre Initiative vor eineinhalb Jahren. Aus ihrer Sicht müssten Fachkräfte gezielter auf den Bedarf hin ausgebildet werden. "Wir brauchen Leute, die alle Gewerke im Griff haben", sagt Haidn. Ein Holzmechaniker in der Produktion müsse, nachdem er eine Küche in ein Wohnmobil oder einen Caravan installiert hat, diese mit der Gasanlage verklemmen.

Der Ausbildungsplan für diesen Beruf sehe so etwas aber nicht vor, eine Gasprüfung am Ende der Ausbildung erst recht nicht, sagt Haidn. Auch spezielle Kenntnisse beispielsweise zu Kunststoff-Klebetechniken würden einem Holzmechaniker in der Ausbildung kaum vermittelt. Solche Arbeiten übernähmen bei Knaus in der Regel Kunststofftechniker. Gäbe es hingegen Leute, die all das beherrschten, wären sie für die Firma flexibler einsetzbar.

Hinzu kommt: "Auch der Handel sucht dringend nach Fachkräften", sagt CIVD-Mann Rüttgers. Caravanhändler und -werkstätten würden derzeit oftmals Schreiner, Elektriker oder Kfz-Mechatroniker einstellen und diese dann erst mal fortbilden, beispielsweise in einer Bildungsstätte in Schweinfurt. Mit einer speziell für die Branche entwickelten Berufsausbildung wäre den Unternehmen in Zeiten des allgemeinen Fachkräftemangels sehr geholfen, finden Haidn und Rüttgers. Zumal die Branche seit Jahren boomt. Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich beim Absatz waren zuletzt keine Seltenheit, allein der Bestand an Freizeitfahrzeugen sei mittlerweile auf 1,2 Millionen gestiegen, sagt CIVD-Mann Rüttgers. "Die müssen alle in die Wartung und den Service", müssten auch mal nachgerüstet werden, wenn sie in die Jahren gekommen sind. Auf dem Caravansalon in Düsseldorf, der Leitmesse, die an diesem Samstag beginnt und eine Woche lang läuft, will der CIVD daher um Nachwuchs werben. Vor einem Jahr bereits hatte er im Internet unter sonnigekarriere.de eine Kampagne gestartet, um Fachkräfte zu gewinnen.

"Die Abgrenzung zu anderen, bereits bestehenden Berufen könnte schwierig werden"

Ob es allerdings künftig die offizielle Ausbildung zum Caravantechniker geben wird, steht in den Sternen. Denn einen neuen Ausbildungsberuf zu etablieren, ist alles andere als trivial. "Wir haben da ein dickes Brett zu bohren", räumt Rüttgers ein. So müssen sich in der Regel zunächst einmal die Sozialpartner, also die Arbeitgeber und die für die Branche zuständigen Gewerkschaften, darauf einigen, dass es überhaupt einen nennenswerten Bedarf für einen solch neuen Lehrberuf gibt.

Im Falle des Camping-Technikers reagiert die zuständige Gewerkschaft, die IG Metall, bislang eher verhalten. Man habe erst vor drei oder vier Jahren die Berufe im Karosserie- und Fahrzeugbau neu geordnet, erklärt IG-Metall-Sekretär Jörg Ferrando. "Und dabei haben wir auch an die Caravanbranche gedacht." Die Sachverständigen jedenfalls, die die Neuordnung der Berufe damals begleitet hatten, seien "der Ansicht gewesen, dass die Campingindustrie gut abgedeckt ist". Es sei nun an den Vertretern der Campingbranche, sagt Ferrando, aufzuzeigen, inwieweit die Ausbildungspläne beispielsweise für Berufe wie den Kfz-Mechatroniker oder den Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker nicht passgenau seien für die Anforderungen der Campingindustrie.

61000 Fahrzeuge

hat die deutsche Caravan-Industrie in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres abgesetzt - das waren laut Branchenverband CIVD 13 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die Branche boomt schon seit einigen Jahren, unter anderem profitiert sie vom niedrigen Zinsniveau. Wer kaum Zinsen für sein Erspartes kriegt, sucht sich teure Konsumgüter, also zum Beispiel ein Wohnmobil, heißt es beim CIVD. Zudem gibt es einen Trend zum Urlaub in Deutschland - auch davon profitieren die Hersteller. SZ

Ähnlich sehen es Christiane Reuter und Gert Zinke vom Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb). "Die Abgrenzung zu anderen, bereits bestehenden Berufen könnte schwierig werden", sagt Zinke, wenngleich seine Kollegin Reuter hinzufügt, dass das Bibb vom Wunsch der Caravanbranche nach einem neuen Lehrberuf bislang noch überhaupt keine Kenntnis hatte. Auch CIVD-Mann Rüttgers sagt, man stehe noch am Anfang und habe daher das Bibb noch gar nicht eingebunden. Haben sich die Sozialpartner geeinigt, werden unter Federführung des Bonner Instituts zusammen mit Sachverständigen der Sozialpartner die Ausbildungsordnungen erarbeitet.

Kürzlich wurde der Beruf des Speiseeisherstellers eingeführt - und bald wieder eingestellt

Erlassen wird ein neuer Ausbildungsberuf am Ende vom zuständigen Ministerium, das ist in aller Regel das Bundeswirtschaftsministerium. Für manche Branchen ist das Gesundheits-, das Landwirtschafts- oder das Innenministerium zuständig. Eingebunden sind zudem die Bundesländer, die für die Rahmenlehrpläne und den Unterricht an den Berufsschulen verantwortlich sind. Man sieht: Das Ganze ist ein komplizierter Prozess.

Zumal man nicht unendlich viele neue Berufe entwickeln sollte, warnt Bibb-Experte Zinke. So müsse beispielsweise gewährleistet sein, dass Absolventen nach einer Ausbildung "auch in anderen, nahen Branchen unterkommen können". Ist ein Beruf zu eng auf eine zu kleine Branche zugeschnitten, ist das mitunter nicht mehr möglich - und für die Beschäftigten besteht ein zu hohes Risiko, auf eine kleine Branche festgelegt zu sein, findet auch Gewerkschafter Ferrando. Geht es dieser mal schlecht, haben die Mitarbeiter kaum eine Chance, anderswo unterzukommen.

Hinzu kommt die Sache mit der Berufsschule, ergänzt Zinke. Besteht eine Branche nur aus wenigen Betrieben, wird es für die Bundesländer schwer, ein flächendeckendes Berufsschulangebot aufzuziehen - sowohl räumlich als auch personell, weil unter Umständen nicht genügend spezialisierte Berufsschullehrer verfügbar sind. "Da hängt eine ganze Kette an Fragestellungen dran", sagt Zinke. Zumal das Bibb zusammen mit den Verbänden und Gewerkschaften gerade dabei ist, den Beruf des Fahrzeuginnenausstatters neu zu ordnen. Der muss nicht mehr nur - wie früher - Bezugsstoffe verarbeiten oder Polster instandsetzen, sondern auch Aufgaben bei der Qualitätssicherung übernehmen, ganze Baugruppen in Fahrzeugen montieren oder elektrische sowie hydraulische Leitungen verlegen. Unter Umständen, sagt Bibb-Mitarbeiterin Christiane Reuter, könnte dieser Beruf nach der Neuordnung auch die speziellen Bedürfnisse der Caravanbranche bedienen. Nach derzeitigem Stand ist geplant, dass die Neuordnung für den Fahrzeuginnenausstatter im Sommer 2021 in Kraft treten soll.

Wichtig sei ohnehin, betonen die Bibb-Leute, nicht nur die gesetzgeberischen und organisatorischen Hürden zu nehmen. "Genauso wichtig ist es, dass es einer Branche gelingt, einen neu geschaffenen Ausbildungsberuf auch zu etablieren." Vor einigen Jahren hatten sich unter anderem die Betreiber von Eisdielen dafür stark gemacht, den Beruf des Speiseeisherstellers neu zu schaffen, genauer: die Fachkraft für Speiseeis. Eckpunkte wurden festgelegt, eine Ausbildungsordnung erlassen, Berufsschulklassen eingerichtet. Am Ende mangelte es aber an Bewerbern und an Ausbildungsbetrieben. Zum 1. August 2019 wurde der Beruf wieder außer Kraft gesetzt.