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Fachkräftemangel in Ostdeutschland:Liebesgrüße aus Schwerin

Eine Postkarte als Rettung: Politik und Wirtschaft in Ostdeutschland versuchen mit allen Mitteln, Schüler für den heimischen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Im Weg steht das eigene Image.

Die Postkarte sollte wie ein Liebesgruß aus der Heimat aussehen. Man konnte sie in Hamburger Kneipen auf den Fluren finden. "Sehnsucht?" stand fragend vor dem Bildmotiv aus Mecklenburg-Vorpommern mit dem blauen Himmel, dem Strand, der romantischen Seebrücke in Ahlbeck und der Ostsee.

Finanziert hatte das Ministerium für Wirtschaft aus Schwerin die Postkarte, und erreichen sollte sie, so stand es auf der anderen Seite der Karte: Menschen, die aus Mecklenburg-Vorpommern weggegangen sind und Heimweh hatten. Mit solchen Aktionen wollte schon vor einigen Jahren die staatlich finanzierte Agentur mv4you im Westen junge Leute ansprechen, die ihre Heimat wegen der Perspektivlosigkeit verlassen haben. Sie versprach Betreuung bei der Jobsuche und unerwartete Perspektiven.

Beim Start belächelt

Beim Start 2001, so räumt Projektleiterin Solveig Streuer ein, sei die Idee belächelt worden. Es wirkte wie verzweifelter Trotz angesichts der Realität in Ostdeutschland. Inzwischen gibt es ähnliche Kampagnen anderer Ländern im Osten, alle haben einen sehr realen Hintergrund. Es geht weniger um Heimatliebe als um Fachkräfte.

Die Agentur betreue 6000 Fach- und Führungskräfte und habe zudem 150 offene Stellen auf ihrer Webseite, sagt Streuer. Sie schätzt, dass die Agentur seit dem Start 700 Rückkehrern das Leben leichter gemacht hat. Immer mehr Unternehmen bieten Jobs an. Seit kurzem will die Agentur sogar Gebühren von Arbeitgebern nehmen. "Wir werden nicht mehr belächelt", sagt Streuer über die Kampagne.

Es fehlen die Rezepte

Wie schwer es ist, den Arbeitsmarkt zu steuern, wissen Politiker und Verbände im Osten seit der Wende. Damals waren sie machtlos im Kampf gegen Firmensterben und Arbeitslosigkeit; jetzt suchen sie mühsam Rezepte gegen den Fachkräftemangel. Dabei war er seit Jahren absehbar, letztlich fehlten die Rezepte. Die hart an der Grenze kalkulierenden Betriebe konnten kaum auf Vorrat ausbilden.

Viel wird versucht: Da schicken Unternehmerverbände Experten in die Betriebe, damit Personalleiter künftige Probleme früher erkennen. Sie hatten jahrelang eine große Auswahl, für einige ist der Mangel jetzt ein Kulturschock. "Wenn Jugendliche ohne Ende vor der Tür stehen, ist schwer bewusst zu machen, was in der Zukunft droht", sagt der Ausbildungsexperte Hans-Jürgen Trepte vom Unternehmerverband. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt: Wer heute einen Schulabgänger überzeugt hat, muss sich sorgen, dass der nie die Arbeit antritt, weil noch ein besseres Angebot kommt.

Das eigene Image steht im Weg

Selbst bei den Einheimischen steht dem Land das eigene Image im Weg. Zwar ist die wirtschaftliche Basis tatsächlich relativ dünn, aber es gibt einige aufstrebende Branchen. Doch das wissen gerade jene nicht, die dort gebraucht werden. Fast 700 Schüler, dazu Lehrer und Eltern wurden zu ihrer Einschätzung der Perspektiven in Mecklenburg-Vorpommern befragt. Und es zeigte sich, dass die Erfahrungen der letzten Generation die Einstellung prägen. Die Schüler und vor allem die Lehrer schätzen die Berufsaussichten außerhalb weitaus besser ein als im Land. Gerade die Abiturienten sehen für sich überregional mehr Chancen. Viele Gymnasiasten - rund ein Drittel - wissen schon jetzt, dass sie fortziehen wollen. Rund sechzig Prozent erwägen einen Umzug.

"Es ist nicht schlimm, wenn talentierte junge Menschen ihre Zukunft in der Welt suchen", sagt Wirtschaftsminister Seidel. Schlimm ist, dass die Schüler nicht um Erfolge innovativer Branchen wie der Bio- oder der Umwelttechnologie wissen. So werden die Chancen auf einen Ausbildungsplatz im eigenen Land von ihnen "als kritisch eingestuft, obwohl die Chancen so gut sind wie nie zuvor", sagt Rolf Paarmann von der IHK Rostock.

"Niemand muss hier bleiben"

Die Regierung will mit einer weiteren Kampagne namens "Durchstarten in MV - Dein Land, deine Chance", Unentschlossene über das eigene Land und die Zukunftsbranchen informieren. Der Wirtschaftsminister ahnt, dass er nicht viele der Begabten erreichen dürfte. "Niemand muss hier bleiben. Aber es ist nicht gut, wenn der falsche Eindruck entsteht, dass sie hier keine Entwicklungschancen haben."