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Fachkräftemangel:"Mathe an der Berufsschule ist für sie der reine Kindergarten!"

Bisher kamen ungefähr 10 000 junge EU-Ausländer zur Ausbildung nach Deutschland, fast 70 Spanier gingen nach Heidelberg. Die meist gut qualifizierten Bewerber werden in Mangelberufen gebraucht: als Altenpfleger, Kellner, Hotelfachleute, Dachdecker, Installateure oder eben Gebäudereiniger. Das städtische Unternehmen "Heidelberger Dienste" koordiniert die regionalen Projektpartner, darunter Ausbildungsfirmen, Kammern und die Arbeitsagentur.

511 300 Lehrstellen

haben deutsche Betriebe zwischen Oktober 2015 und Juli 2016 angeboten. Im selben Zeitraum meldeten sich 509 600 Schulabgänger für eine Berufsausbildung. Ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz hängen stark vom Berufswunsch ab. Mehr Lehrstellen als Bewerber gibt es derzeit im Hotel- und Gaststättengewerbe, am Bau, in einigen Handwerksberufen und bei Berufskraftfahrern. Anders verhält es sich bei Büro- und Verwaltungsberufen, in der Tierpflege, in der Medienbranche und in künstlerisch-kreativen Berufen. Hier übersteigt die Zahl der Bewerber die der Stellen.

"Damit es ein Erfolg wird, muss man eine Vertrauensbasis schaffen, bevor die jungen Leute überhaupt in Deutschland angekommen sind", erklärt Lars Stüber von den Heidelberger Diensten. "Wir halten von Anfang an regelmäßig Kontakt über Skype und veranstalten während des Intensivkurses einen Infotag in Madrid, um auch die Familien zu überzeugen."

Nach einem Betriebspraktikum in Heidelberg beginnt die reguläre Ausbildung. "Das schulische Niveau unserer spanischen Azubis liegt weit über dem, was in der gewerblichen Ausbildung üblich ist", hat Karl Breer festgestellt. "Mathe an der Berufsschule ist für sie der reine Kindergarten!" Die Chemikantin Leticia war auch in Werkstoffkunde unterfordert. Schwer fand sie dagegen die Sprache. "Aber die Lehrer und die Mitschüler in der Berufsschule haben uns viel geholfen", sagt die 26-Jährige. Die Schulleitung änderte den Stundenplan der Spanier, strich großzügig ein paar Mathematikstunden und ersetzte sie durch zusätzlichen Deutschunterricht.

Spanisch-deutsche Mischung

Dass Leticia und Mario ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben, liegt wohl auch daran, dass in ihrem Jahrgang bei Breer neben zwei anderen Spaniern auch zwei deutsche Azubis waren. Dadurch kamen sie leichter in Kontakt zu anderen Mitschülern an der Berufsschule. Der nächste Azubi-Jahrgang bestand dagegen ausschließlich aus Spaniern. "Das war ein Fehler", sagt der Unternehmer. Alle brachen die Ausbildung wieder ab. Der dritte Jahrgang, der im vergangenen Herbst anfing, ist wieder spanisch-deutsch gemischt. Um die jungen Leute stärker an den Betrieb zu binden, gibt es öfter gemeinsame Ausflüge. Und einmal pro Woche treffen sich die Azubis und andere Mitarbeiter zum Fußballspielen.

Intensiver Deutschunterricht, gemeinsame Freizeit mit Kollegen, Unterstützung zum Beispiel bei Behördengängen - diese Kombination sei wesentlich für den Erfolg, meint Karl Breer. Diese Erfahrungen ließen sich nach Einschätzung von Experten auf ein Programm zur Ausbildungsförderung für Flüchtlinge übertragen, über das derzeit in der Bundesregierung und der Bundesagentur für Arbeit nachgedacht wird. Das Programm für junge EU-Ausländer endet hingegen mit dem Jahrgang, der in diesem Herbst die Ausbildung beginnt. Breer will trotzdem weiter Nachwuchskräfte aus Spanien anwerben. Die Projektpartner in Heidelberg versuchen derzeit, dafür neue Fördergelder zu gewinnen.

Die Spanier, die ihre Ausbildung bei Breer abbrachen, suchten sich übrigens Aushilfsjobs in der Region. Jetzt verdienen sie mehr als Azubis, aber weniger als Fachkräfte. Leticias und Marios Aufstieg in der Firma sei ein wichtiges Vorbild für andere Azubis aus dem Ausland, meint Karl Breer: "Man muss die beruflichen Perspektiven stark betonen, um den Lockruf des schnellen Geldes zu parieren."

© SZ vom 27.08.2016/mkoh
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