bedeckt München

Fachkräfte:Überzeugungsarbeit

Business Commuters As Financial Vacancies Rise 7% On European Job Seekers

Lange Arbeitstage, viele Reisen, kaum Privatleben: Beratungsfirmen bemühen sich um eine Imagekorrektur.

(Foto: Chris Ratcliffe/Bloomberg)

Unternehmensberatungen buhlen um Techniker und Naturwissenschaftler - doch die zieren sich.

Von Kevin Schrein

Probleme zu lösen - das ist der Job von Stefanie to Baben. Die 32-jährige Mathematikerin aus Düsseldorf hat gelernt, komplexe Sachverhalte in Formeln zu gießen, an deren Ende die Lösung steht. Doch für ihr eigenes Problem fand sie zunächst keine Lösung.

Es ist das Jahr 2008. Stefanie to Baben hat gerade ihr Studium abgeschlossen und weiß noch nicht, wie es weitergehen soll. Finanzindustrie, Versicherung oder doch Unternehmensberatung - wo soll ihre Karriere starten? Es ist ein Problem, das sich vielen Mathematikern nach dem Abschluss stellt. Nur wenige schaffen es, Studium mit Erfolg zu beenden, und denen, die durchkommen, steht die Welt offen. Ein Luxusproblem also. Aber eines, das Stefanie to Baben eine Zeit lang beschäftigt. Sie besucht Workshops, spricht mit Freunden und Bekannten, wägt ab. Am Ende entscheidet sie sich für die Beratung und schickt eine Bewerbung an die internationale Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). Dort arbeitet sie bis heute.

Ob es an ihrem Anschreiben, ihrer Persönlichkeit oder doch eher am Studienfach lag, weiß sie nicht. Der Mathematikabschluss war jedoch bestimmt kein Nachteil. Denn große wie kleine Beratungsfirmen fahnden nach Absolventen wie Stefanie to Baben. Wer ein Studium der Mathematik, Informatik, einer Naturwissenschaft oder einem technischen Fach, kurz Mint, vorweisen kann, hat gute Chancen auf eine Anstellung. Alleine die großen Beratungsfirmen wie BCG, McKinsey & Company oder Accenture wollen in diesem Jahr mehrere Hundert Mitarbeiter einstellen, gerne, so betonen sie, Mint-Fachkräfte. Denn die Zeiten, in denen Beratungen das Revier von Betriebswirten waren, sind vorbei.

Die Aufgaben von Unternehmensberatungen sind komplex geworden. Eine Bilanz zu lesen, reicht längst nicht mehr aus. Die Technik schreitet voran - und die Digitalisierung. Um den Kunden auch in der digitalen Welt beraten zu können, hat McKinsey jüngst sein weltweit neuntes Digital Lab in Berlin eröffnet. Dort programmieren Experten unter anderem Apps und analysieren Daten.

Naturwissenschaftler und Techniker sind längst fester Bestandteil der Beratungsteams, die den Kunden unterstützen. "Wir sind der Überzeugung, dass Teams mit Experten aus verschiedenen Fachrichtungen einen besseren Blick auf das Problem haben und den Klienten besser beraten", sagt Thomas Fritz, Recruiting Director bei McKinsey. Vor allem geht es darum, dem Kunden einen Berater zur Seite zu stellen, der seine Sprache spricht, der beispielsweise beim Wort Widerstand nicht an Mitarbeiterstreik, sondern an das technische Bauteil denkt.

Einer, der die Sprache versteht, ist Michael Hörner, 28 Jahre alt und seit einem knappen Jahr als Berater bei McKinsey in München. Hörner hat Maschinenbau mit Schwerpunkt Medizintechnik an der Technischen Universität München studiert. Während des Studiums stellte er fest, dass ihm die rein technischen Fragestellungen nicht reichen. Er wollte sehen, wie sich Technik am Markt etabliert. Er heuerte bei McKinsey an. Nun berät er Unternehmen aus der Medizintechnik. Sein Studium hilft ihm dabei. "Ich kann mich schnell in die Technik hineindenken, die Probleme verstehen", sagt er. Den Ingenieuren beim Klienten begegnet er auf Augenhöhe. "Ich verstehe, was sie meinen und muss nicht nachfragen."

Hörner ist für McKinsey ein Glücksfall, weil er sich schon während des Studiums für Beratung interessierte. Üblich ist das nicht. Unternehmensberatungen müssen viel Überzeugungsarbeit leisten, um bei Technikern zu punkten. "Wir hätten gerne mehr Mint-Fachkräfte", gibt Recruiting-Director Fritz zu. Doch die Anwerbung funktioniert nicht gerade reibungslos. Das hat Gründe - und an manchen sind die Beratungsfirmen selbst schuld.

Ein Ranking des Beratungsunternehmens Universum Communications zur Arbeitgeberattraktivität deutscher Unternehmen hat ergeben, dass die meisten Mint-Studenten später bei Audi, Siemens oder Google arbeiten wollen. Keine Beratung schafft es unter die Top Ten der beliebtesten Arbeitgeber. Ein Autobauer bietet eine 37,5 Stundenwoche bei gutem Gehalt. Ein Berater arbeitet auch mal das Doppelte, bei etwas mehr Geld. So mancher Ingenieur beginnt da zu rechnen und kommt zu dem Schluss, dass bei Audi der Stundenlohn höher und die Work-Life-Balance besser ist.

Und da ist auch noch der schlechte Ruf der Beratungen. Sie verheizen junge Talente, heißt es, verdonnern sie zum ständigen Aufstieg oder feuern sie, oder zwingen zu Heimatlosigkeit. Jungberater Hörner sagt, er habe in seinen Monaten als Berater noch kein Mal dazu raten müssen, Leute zu entlassen. Doch Kosten drücken gehört zum Job.

"Mint-Studenten müssen wir eher über Technikthemen ansprechen - erst danach geht es um die Beratung." Thomas Fritz, McKinsey

Die Beratungsbranche versucht, im Kampf um Talente dagegenzuhalten und ihr Image aufzubessern. Manche Firmen zeigen sich großzügig und verkünden: Wer nicht ins Ausland will, muss nicht. Wer eine Auszeit nehmen will, dem wird unbezahlter Urlaub gewährt. Wer sich um die Familie kümmern will, kann Teilzeit arbeiten. Wer einen weiteren Studienabschluss oder einen Doktortitel draufsatteln will, wird freigestellt und häufig sogar finanziell unterstützt. Und mit speziell zugeschnittenen Workshops wollen die Unternehmen Mint-Talente schon während des Studiums für ihr Metier begeistern. Keine leichte Aufgabe. "Wenn wir an eine Wirtschaftsfakultät kommen, haben sich die meisten Studenten schon mit dem Berufsbild Unternehmensberater auseinandergesetzt", sagt Fritz. Mint-Studenten ticken anders. Im Gegensatz zu einem BWL-Student wüssten sie nicht, dass freitags "office day" ist, geschweige denn, was ein Berater überhaupt macht. "Mint-Studenten müssen wir eher über Technikthemen ansprechen, erst danach geht es um die Beratung", sagt Fritz.

"Mitarbeiter werben Mitarbeiter - damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Etwa 40 Prozent der neuen Mitarbeiter finden auf diesem Weg zu uns." Christoph Weissthaner, Accenture

Bei der internationalen Unternehmensberatung Accenture reichen Workshops längst nicht mehr aus. Ungefähr tausend neue Mitarbeiter will die Firma in diesem Jahr einstellen, darunter viele Informatiker und Ingenieure. Die Firma setzt dabei auf das System "Mitarbeiter werben Mitarbeiter". "Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht", sagt Accenture-Sprecher Christoph Weissthaner. "Unsere Mitarbeiter wissen, wen wir suchen und welche Eigenschaften wir schätzen." Etwa 40 Prozent der neuen Mitarbeiter finden auf diesem Weg zu Accenture, sagt Weissthaner. In einzelnen Fällen kommen auch Headhunter zum Einsatz. Der Kampf um Talente sei hart, das gelte für die Beratungen genauso wie für die Industrie.

Hat der Mint-Absolvent erst einmal den Vertrag unterzeichnet, bedeutet dies noch nicht, dass er nun auf Jahre im Beratungsgeschäft bleibt. Ein Berater kommt mit unterschiedlichen Branchen in Kontakt. Viele nutzen die Chance und wechseln nach ein paar Jahren in ein Unternehmen. Auch die Mathematikerin Stefanie to Baben schließt nicht aus, dass sie eines Tages den Job wechselt. Doch bislang, sagt sie, sei sie glücklich. Versicherungen und Banken hat sie schon beraten, jene Branchen, mit denen sie nach dem Studium geliebäugelt hat. "Als Beraterin erlebe ich eine Vielfalt", sagt sie, "die ich in einem klassischen Unternehmen so nicht hätte".

© SZ vom 20.06.2015
Zur SZ-Startseite