Fachkräfte aus Südeuropa:Raus aus der Krise, rein nach Deutschland

Die Spanier und Griechen sollen es richten: Deutsche Firmen hoffen, dass Akademiker aus den krisengebeutelten Ländern Südeuropas ihr Glück in Deutschland suchen - und damit den drohenden Fachkräftemangel hierzulande abwenden. Doch die umworbenen Kandidaten finden andere Länder attraktiver.

Roland Preuß

Seit Jahren sind deutsche Politiker und Unternehmer weltweit auf der Suche nach Fachkräften. Kanzler Schröder setzte vor zehn Jahren auf Computer-Inder, die große Koalition öffnete die Türen für Polen, Balten und Tschechen, und als der arabische Frühling ausbrach, folgte alsbald die Debatte, ob jetzt nicht tunesische Ingenieure eine Chance in Deutschland verdient hätten.

Auslaendische Aerzte arbeiten in NRW

Ein Grieche in Gelsenkirchen: Der Arzt Eleftherios Perrakis arbeitet bereits am katholischen Marien-Hospital.

(Foto: ddp images/dapd/Volker Hartmann)

Mittlerweile ist die Karawane in Südeuropa angekommen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) wirbt nun verstärkt in mediterranen EU-Ländern, die besonders heftig von der Wirtschaftskrise geschüttelt werden. Nach Angaben der BA-eigenen Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) liegt der Schwerpunkt auf Spanien, Portugal und Griechenland.

"Es gibt ein großes Potential in Spanien, Tausende Ingenieure sind arbeitslos, auch IT-Spezialisten - das Interesse an Deutschland ist groß", sagte die Chefin der ZAV-Auslandsvermittlung, Monika Varnhagen, der Welt. Der Ansatz klingt elegant: Während in Deutschland die Wirtschaft boomt und der Fachkräftemangel immer lauter beklagt wird, wütet in diesen drei Ländern die Wirtschaftskrise und raubt jungen Menschen die Perspektiven.

Allein in Spanien sind etwa 40 Prozent der jungen Leute arbeitslos. Sie könnten ohne bürokratische Umschweife nach Deutschland kommen. Anders als Inder oder Araber genießen die EU-Bürger Freizügigkeit, können also ohne Genehmigungsverfahren jederzeit in Deutschland eine Arbeit aufnehmen.

Das ZAV meldet bereits erste Erfolge: Auf einer ersten "Rekrutierungsfahrt" nach Barcelona hätten deutsche Arbeitgeber 70 Bewerbungsgespräche geführt und erste Arbeitsverträge abgeschlossen. Im September wolle man sich vor Ort weitere Kandidaten ansehen. In Griechenland sollen bevorzugt Ärzte angeworben werden, in Spanien und Portugal Ingenieure.

Schwer vermittelbare Kandidaten

Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Suche in der EU ausgeweitet werden. Mitte Juni hatte das Bundeskabinett ein Konzept zur Linderung des Fachkräftemangels beschlossen, das genau dies vorsieht. Allerdings macht das Papier auch die Dimension des Problems deutlich: Bis zum Jahr 2025 wird erwartet, dass 6,5 Millionen weniger arbeitsfähige Menschen in Deutschland wohnen werden - das sind mehr als derzeit in ganz Baden-Württemberg beschäftigt sind. Aus den drei Ländern Spanien, Portugal und Griechenland kamen im vergangenen Jahr unter dem Strich gerade einmal gut 6500 Menschen nach Deutschland - einschließlich Kindern und Ehepartnern.

Nach Einschätzung des Migrationsforschers Herbert Brücker wird dieser Strom nach Deutschland nur "moderat" wachsen. Der Bamberger Professor rechnet mit "einigen zehntausend" zusätzlichen Migranten aus diesen Ländern. Ähnlich wie die Bundesagentur für Arbeit sieht er bei Spaniern, Griechen und Portugiesen ein Sprachproblem: In den Schulen dort werde Deutsch selten angeboten und noch seltener gewählt, in Portugal sprechen laut ZAV nicht einmal zwei Prozent der fertig studierten Ingenieure Deutsch.

Solche Kandidaten sind nach Erfahrung der ZAV schwer an deutsche Unternehmen zu vermitteln. Im Süden der EU lernen die Schüler eher Englisch und Französisch - und orientieren sich dementsprechend. So gehen laut Brücker gut 80 Prozent der portugiesischen Migranten nach Frankreich. Auch Spanier suchen ihr Glück selten in Deutschland.

Dazu kommen für viele Südländer offenbar Anpassungsprobleme. "Die Menschen aus diesen Ländern finden sich auch mit der Mentalität in Frankreich besser zurecht", sagt Brücker. Dies hänge auch mit der deutschen Unternehmenskultur zusammen, hier sei man seltener als in anderen Ländern bereit, die Arbeitssprache etwa auf Englisch umzustellen.

Migrationsexperten erwarten deshalb mehr neue Fachkräfte aus dem Osten als aus dem Süden: Die volle Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes soll etwa 100.000 zusätzliche Migranten im Jahr bringen. Doch auch hier hat die Werbetour deutscher Unternehmer bislang nur bedingt Erfolg gezeigt: Nach ersten Erhebungen ist die Zahl der Zuwanderer aus den acht östlichen EU-Staaten im Mai 2011 nur um 5500 gestiegen.

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