Extrovertierte Kollegen im Büroalltag Sagen Sie jetzt nichts!

Gesprächige Menschen werden für klüger gehalten, man hält sie für besser aussehend und insgesamt interessanter. Zumindest können sie sich besser verkaufen als die stilleren Zeitgenossen - das gilt vor allem für den Beruf. Extrovertierte, heißt es, sind erfolgreicher, kreativer und sozialkompatibler. Aber stimmt das?

Von Petra Steinberger

Vor ein paar Tagen saßen sie in der Werkstatt, um Mainz singt und lacht zu entkommen. Es waren ernsthafte Ingenieure, und was sie noch mehr störte als das bunte Getöse, war die Tatsache, dass "diese amerikanischen Ingenieure reden, als hätten sie die Welt erfunden. Und nix können". Da klang ein wenig Neid mit bei den braven deutschen Ingenieuren, bei denen eloquentes Reden weder populär ist noch ausgiebig praktiziert wird.

Benimm-Patzer im Büro

Warum dezent, wenn es auch laut geht?

Sollte es? Gruppendenken und Geselligkeit, das sollten wir eigentlich schätzen - wenigstens, wenn es nicht die zwangsverordnete Faschingsfröhlichkeit ist. Wird uns doch seit Jahrzehnten immer wieder erklärt, dass das Team, die Gruppe, die kommunikative Gemeinschaft der menschlichen Kreativität am ehesten entgegenkomme - und dass diese Zusammenarbeit auch noch Innovationen, neue Ideen und damit den menschlichen Fortschritt befördere.

Und wir kennen sie alle, die begnadeten Redner, denen der Witz in die Wiege gelegt wurde, die ihre Fans um sich scharen und begeistern können, bei denen jeder Satz eine Pointe hat und jede Idee tatsächlich die Welt neu zu erfinden scheint. Sie sind die geborenen Anführer. Sie sind erfolgreich, sozial wie professionell. Gesprächige Menschen werden für klüger gehalten, man hält sie für besser aussehend und insgesamt interessanter. Selbst die Sprechgeschwindigkeit spielt eine Rolle. Ein schneller Redner gilt uns als kompetenter und sympathischer.

Die Introvertierten passen nicht ins System

Wer hingegen die Einsamkeit vorzieht, wer leiser spricht und gern allein ist, der, glaubt man den meisten konventionellen Management-Lehrbüchern, passt nicht ins System. Denn da das Team zum Ideal erklärt worden ist, muss, wer im Team arbeiten will, auch teamfähig werden. Er muss nicht nur Ideen haben, sondern sie perfekt kommunizieren können. Er muss den Vertreter in sich entdecken. Man nennt es: das Ideal der Extraversion.

Das Ideal des gesprächigen Aus-sich-Herausgehens ist wesentlich im letzten Jahrhundert der Moderne und des Business entstanden. Doch spätestens im Gefolge des Aufstiegs der sozialen Medien muss sich wirklich jeder in einen genialen Selbstdarsteller wandeln, muss seinen inneren Einstein (auch der war ja ein berühmter Introvertierter) vergessen, um überhaupt sichtbar zu bleiben.

Doch ist bis heute nicht jeder Ingenieur zum geborenen Verkäufer seiner selbst mutiert. Und so verbringen Personal Trainer und Coaches viel Zeit und verdienen viel Geld damit, auch den letzten Stillen die Techniken des gewandten Auftretens vor Publikum beizubringen. Denn, hat einmal ein leitender US-Manager erklärt, es reiche nicht aus, "am Computer eine großartige statistische Regressionsanalyse durchführen zu können, wenn man zu zaghaft ist, die Ergebnisse vor einem Team von Führungskräften zu präsentieren."

Fehler in Präsentationen

Bloß keine Schnappatmung!