Sie ist in vielen Branchen und Positionen heutzutage unverzichtbar: interkulturelle Kompetenz. Denn viele Unternehmen haben Dependancen im Ausland und entsenden Fachkräfte für längere Zeit dorthin oder zu Konferenzen. Zwar verzögern sich internationale Projekte wegen der Pandemie, und persönliche Treffen wurden vorwiegend in den virtuellen Raum verlagert. Aber das wird auf längere Sicht nicht so bleiben. Vorerst wird der internationale Dialog vorwiegend digital weitergeführt - und der Bedarf an Fachleuten, die die Kunst der Diplomatie beherrschen, ist weiterhin groß.
Eine Tatsache, die sich im facettenreichen Angebot von Bachelor- und Masterstudiengängen zur internationalen Kommunikation an Deutschlands Hochschulen widerspiegelt. An der Universität Jena hat sie Tradition. Seit fast 30 Jahren existiert dort der Fachbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Im Bachelorstudium bietet sie das gleichnamige Ergänzungsfach an, außerdem kann man den Master in "Interkultureller Personalentwicklung und Kommunikationsmanagement" machen. "Viele Lebenszusammenhänge sind internationaler geworden. Es reicht nicht mehr aus, in der Schule Englisch oder Spanisch gelernt zu haben, um auf Begegnungen mit Menschen, die in anderen Kulturen groß geworden sind, vorbereitet zu sein", sagt Stefan Strohschneider, Professor für Interkulturelle Kommunikation in Jena. Es brauche dafür besondere Fähigkeiten, die junge Menschen im Studium erwerben könnten. Dazu zählten etwa kommunikative Kompetenzen, Teamkompetenzen oder kulturtheoretische Grundkenntnisse - vor allem darüber, inwiefern das, was der Mensch im Miteinander als normal erlebt, kulturell und kulturhistorisch geprägt ist. Dies, so Strohschneider, schütze vor kultureller Überheblichkeit.

Für die 90 Plätze im Bachelor und 33 im Master gibt es viel mehr Bewerber als Plätze. Von den Teilnehmern erwartet Studiengangleiter Strohschneider Offenheit gegenüber Fremdem, Zivilcourage, Neugierde sowie eine gewisse Risikobereitschaft und Abenteuerlust. Ausgewählt wird für den Master in einem aufwendigen Verfahren, in dem Noten, Motivationsschreiben und die "Passfähigkeit zum Studiengang", so Strohschneider, untersucht werden.
Was meint er damit? "Ein multikultureller Studiengang braucht auch eine gewisse Diversität der Studierenden", sagt er. So seien derzeit beispielsweise neben Ethnologen, Anthropologen oder Absolventen der internationalen Betriebswirtschaftslehre ein Denkmalschützer und ein nautischer Offizier eingeschrieben.
Einen mehr kulturtheoretischen Zugang hat die TU Chemnitz für die Studiengänge Bachelor "Interkulturelle Kommunikation" und den Master "Interkulturelle Kommunikation/Interkulturelle Kompetenz" gewählt. "Wir wollen uns mit dem Kulturbegriff eher kritisch auseinandersetzen: Was versteht man unter Kommunikation und Kultur? Was bedeutet eigentlich interkulturell? Wie werden Identitäten gebildet?", formuliert Heidrun Friese, Professorin für interkulturelle Kommunikation, Fragen, auf die Bachelorstudierende Antworten finden sollen. Sie wenden dafür Konzepte zu Kultur, Sprache, Diversität, Inklusion, Rassismus und Macht an. Im Master liegt der Fokus stärker auf Forschung. "Die Studierenden führen eigenständig kleinere Forschungsprojekte durch", sagt Friese. Dabei kann es zum Beispiel um Inklusion in Bezug auf die berufliche Zusammenarbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund gehen oder um Solidarität und Widerstand in Flüchtlingslagern. Schon während des letzten Semesters im Master hätten viele der Studierenden bereits einen Job in der Tasche, sie übernehmen etwa leitende Aufgaben in Erstaufnahmelagern für Geflüchtete, arbeiten in der Personalabteilung von Unternehmen oder bei internationalen NGOs.
Besondere Onlineformate können das Gespür für kulturelle Besonderheiten schärfen: An der ESCP Business School hat Marion Festing, am Berliner Standort Lehrstuhlinhaberin für Personalmanagement und Interkulturelle Führung, ein Computerspiel zum interkulturellen Management entwickelt. Es ist an der ESCP Bestandteil verschiedener Master-in-Management-Programme und des Executive MBA. "Wir bilden Nachwuchs für internationale Managementaufgaben aus und müssen Studierende da abholen, wo sie ihre Gewohnheiten haben, nämlich bei digitalen Medien wie etwa Online-Games", sagt sie. In dem Lernspiel "Moving Tomorrow - A Cultural Journey" arbeitet eine junge Französin bei einem Berliner Start-up und muss verschiedene Aufgaben lösen. So reist sie virtuell nach China und Russland, wo sie unter anderem einen Insiderhandel aufdeckt. "Im Spiel muss man sich dann zum Beispiel entscheiden, ob die Figur das bekannt macht. Oder verschweigt, um dafür als Belohnung Karriere zu machen", erklärt Festing. Jeder Teilnehmer des Spiels schlüpfe in die Rolle der Französin, die sich verschiedenen, landesspezifischen geprägten Führungskulturen anpassen müsse. Es solle Studierenden helfen, Sensibilität, Normen, Werte und Verhaltensweisen für das spätere Berufsleben zu entwickeln. Das Online-Spiel beleuchtet auch nationale Wertesysteme, die zu bestimmten Verhaltensweisen oder zur Wahl eines gewissen Karrierewegs führen können. Aber auch individuelle Werte. So ist der Protagonistin Nachhaltigkeit wichtig, was sich in ihren beruflichen Entscheidungen widerspiegelt. Nach Spielende diskutieren die künftigen Managerinnen und Manager das beobachtete Spielverhalten in Tutorien, zudem wird der Zuwachs an sogenannter kultureller Intelligenz bei den Akteuren über einen Fragebogen evaluiert. "Studierende verändern situationsspezifisch ihr verbales und non-verbales Verhalten und sind in der Lage, kulturelle Besonderheiten zu erkennen, etwa die Herausforderungen bei einer sehr demokratischen Unternehmenskultur oder einer stark hierarchisch orientierten Führungskraft", erläutert Festing.
Noch stärker fokussiert in Frankreich die private Wirtschaftshochschule IÉSEG auf die interkulturelle Kompetenz ihrer circa 5800 Studierenden, von denen fast 45 Prozent aus anderen Ländern als Frankreich stammen; auch Deutschland gehört dazu. Sie hat verpflichtend für alle Bachelorstudenten einen "Cultural Diversity Passport" eingeführt. Um diesen zu bekommen, müssen sie nicht nur das Modul "Understanding Cultural Diversity" belegen, sondern sich auch mindestens dreimal mit jemandem treffen, der einen anderen kulturellen Hintergrund hat - ein Franzose trifft sich also zum Beispiel mit einem Chinesen. Diese Treffen können real sein oder per Videokonferenz stattfinden, wie es der aktuellen Situation angemessen ist. "Nach jedem Treffen muss der Studierende ein Video machen, um das Gespräch zu reflektieren", sagt Grant Douglas, Vize-Direktor am IÉSEG-Center for Intercultural Engagement. Wer sich auf diese Weise fortgebildet hat, bekommt eine bestimmte Anzahl von Punkten - und wer genügend Punkte gesammelt hat, kann für ein Semester und Praktikum ins Ausland gehen.
Masterstudierende können ein "Cultural Diversity Certificate" erwerben. Das basiert auf einem 50 Fragen umfassenden Test, den die Wirtschaftshochschule zu Beginn und zum Abschluss der Masterkurse anbietet. "Zu Beginn überschätzen sich die meisten, aber anhand des Auswertungsprofils kann man sich gut überlegen, wie man die Defizite beheben kann", sagt Douglas. Dafür arbeiten Lernende und Lehrende gemeinsam einen Plan aus: Man kann mit anderen in einer Fremdsprache diskutieren, Filme anschauen, Bücher und ausländische Zeitungen lesen. Oder sich Beobachtungen zu anderen Kulturen in ein Tagebuch notieren. Im Idealfall dokumentiert das Ergebnis des zweiten Tests einen klaren Fortschritt.