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Experte für Personal:Spitzenleute

Verfasser von Doktorarbeiten mit besonderem Praxisbezug sind bei Arbeitgebern gefragt. Auch Unternehmensberatungen schätzen Promovierte.

Interview von Bärbel Brockmann

Sörge Drosten ist Partner in der Personalberatung Kienbaum. Dort ist der promovierte Diplomkaufmann und Psychologe als Geschäftsführer im Bereich Executive Search für die Suche nach Top-Führungskräften für die Wirtschaft zuständig.

SZ: Was sagt ein Doktortitel über einen Bewerber für eine herausragende Position aus?

Sörge Drosten: Man kann davon ausgehen, dass eine solche Person zu den Top fünf bis zehn Prozent des Abschlussjahrgangs im Studium gehört hat und dadurch seinerzeit überhaupt erst die Chance bekam, einen Doktorvater zu finden und eine Dissertation zu verfassen. Wenn jemand das geschafft hat, dann zeigt das auch, dass sie oder er in der Lage ist, ein komplexeres, theoretisches Thema zu erfassen und einen neuen Lösungsansatz zu entwickeln. Man geht im Verlauf einer Dissertation persönlich durch einige Krisen, die es zu meistern gilt. Ein Doktortitel zeigt daher auch ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen.

Welche Rolle spielt ein Doktortitel bei der Einstellung von Führungskräften?

Bei höchstens fünf Prozent der Spitzenpositionen steht ein Doktortitel tatsächlich im Anforderungsprofil. Trotzdem stellt er sicherlich ein Plus im Vergleich zu anderen Kandidaten dar, denn er zeigt eine zusätzliche Leistung. Das gilt umso mehr, je mehr Praxisbezug die Dissertation hatte. Wenn man zum Beispiel im Rahmen einer Promotion ein praktisches Problem in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen gelöst hat, ist der Titel besonders viel wert.

Welche Branchen gibt es, in denen ein Doktortitel besonders hilfreich ist?

In der Chemie, Physik und Medizin ist das fast ein Muss. Mehr als 80 Prozent aller Chemiker, nicht nur der Spitzenkräfte, haben einen Doktortitel. Auch in klassischen Industriebranchen wie der Autoindustrie oder dem Maschinenbau gilt eine Promotion als hilfreich fürs Fortkommen. Viele promovierte Menschen findet man auch in Unternehmensberatungen, weil damit eine gewisse Kompetenzvermutung verbunden ist. Andererseits gibt es auch Bereiche, wo ein solcher Titel nicht hilfreich ist. Ich denke da vor allem an die IT- Branche und verwandte Branchen, an telekommunikationsnahe Bereiche und überhaupt an die von der Digitalisierung geprägten neuen Medien. Titel gelten hier generell wenig.

Gerade einmal die Hälfte aller Konzernchefs im Dax hat promoviert. Spricht das dafür, dass die Promotion nicht mehr so wichtig ist für das Erreichen von Spitzenjobs in der Wirtschaft?

Wenn man auf einem gewissen Qualifikationslevel gelandet ist, spielt es keine große Rolle mehr, ob man promoviert hat oder nicht. Wenn am Ende eines komplexen Auswahlprozesses für die Führung eines großen Mittelständlers zwei Kandidaten in die engere Wahl kommen, geht es etwa um die Fragen, ob ein Kandidat das Unternehmen, das er führen soll, strategisch und konzeptionell voranbringen kann oder ob er den Vertrieb neu organisieren kann. Ein Titel ist hier nicht ausschlaggebend.

© SZ vom 01.12.2016
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