Süddeutsche Zeitung

Existenzgründung im Alter:Es ist nie zu spät

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Die einen zählen die Tage bis zur Rente, die anderen starten noch einmal richtig durch - und machen sich im Alter selbständig. Viele haben damit erstaunlich großen Erfolg.

Von Miriam Hoffmeyer

Mit 63 Jahren wurde es für Lothar Hunshelm einsam bei Siemens. Alle Kollegen in seinem Alter hatten sich in Altersteilzeit oder Vorruhestand verabschiedet, eine Umstrukturierung stand bevor. Hunshelm, seit 30 Jahren Führungskraft, hätte sich an seinen Posten klammern oder vorzeitig ein komfortables Rentnerdasein antreten können. Stattdessen beschloss der Elektroingenieur, eine Firma zu gründen - ein Gedanke, mit dem er schon früher gespielt hatte.

Seit fünf Jahren berät Hunshelm nun Auftraggeber wie Henkel oder den Köln-Bonner Flughafen bei der Planung und Einrichtung integrierter Leitstellen, in denen verschiedene Techniken auf IT-Basis gebündelt werden. "Das Spannendste war, den ersten Auftrag zu kriegen", sagt Hunshelm. Ohne sein volles Adressbuch aus der Zeit als Abteilungsleiter hätte er in seinem Alter keine Chance gehabt, glaubt er. Dabei sei gerade die jahrzehntelange Erfahrung sein größtes Kapital: "Bei meinen Projekten muss man die ganze Prozesskette im Vorfeld durchdenken und die konventionelle Technik ebenso gut kennen wie moderne IT-Anwendungen. In dem Punkt bin ich Jüngeren gegenüber im Vorteil."

Deutsche Gründer sind schon heute nicht besonders jung, sondern im Durchschnitt 41 Jahre alt. Dabei wird es nicht bleiben: Nach Prognosen des KfW-Gründungsmonitors werden die 45- bis 55-Jährigen schon bald die gründungsaktivste Gruppe der Bevölkerung stellen. Jede zehnte Firma geht heute mit einem Chef an den Start, der älter als 55 ist. Bei der nachwachsenden Generation sinkt dagegen die Gründungsneigung. Vor ein paar Monaten erregte eine Umfrage unter Studenten Aufsehen, wonach jeder dritte eine sichere Stelle im Staatsdienst anstrebt.

Dagegen erscheint die Risikofreude von Menschen wie Giuseppina Ehmann verblüffend. Die 74-Jährige steht an Werktagen zehn, an Sonntagen acht Stunden hinter der altmodischen Registrierkasse der "Chocolaterie St. Anna No 1" in der Heidelberger Innenstadt. Touristen lieben es, hier süße Souvenirs zu kaufen und die nostalgische Einrichtung des engen Ladenlokals zu fotografieren. Schon als kleines Mädchen hatte die gebürtige Italienerin von einem eigenen Schokoladengeschäft geträumt, stattdessen wurde sie Verkäuferin in einer deutschen Parfümerie.

Mit 62 wollte man sie in Rente schicken, erzählt Ehmann: "Um Gottes willen, habe ich gesagt. Solange ich atme und klar denke, will ich arbeiten." Sie erinnerte sich an ihren Traum, las Bücher über Schokolade, besuchte Fachmessen. Niemand glaubte, dass sie Erfolg haben könnte, auch nicht ihre Familie. Doch die Chocolaterie besteht jetzt seit fast zehn Jahren. Ein Dutzend Teilzeitkräfte, meist Studentinnen, verdienen sich bei Giuseppina Ehmann etwas hinzu.

"Viele sind von Selbstzweifeln geplagt"

100 000 Euro, ihre gesamten Ersparnisse, hat die resolute Gründerin damals in ihr Geschäft gesteckt. Keine Bank wollte der Seniorin Kredit geben. Eine besondere finanzielle Förderung für ältere Gründer, die ihre Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung kompensieren könnte, gibt es nicht. Auch spezialisierte Beratungsangebote sind selten. Die mehrfach ausgezeichnete Initiative "Gründer 50plus" bietet immerhin in acht Städten Info-Abende und Seminare für Gründungswillige an.

"Wir entwickeln zusammen mit den Teilnehmern deren Geschäftsidee", sagt Ralf Sange, Geschäftsführer von Gründer 50plus. Dabei werde geklärt, wie reell die Erfolgschancen in Gegenwart und Zukunft seien. "Wenn die Idee gut ist, regeln sich Fragen der Rechtsform und der Finanzierung oft von selbst." Nach Sanges Erfahrung ist es für Gründer über 50 besonders wichtig, dass ihr Unternehmen einen Nutzen für die Gesellschaft hat: "Es geht nicht nur um Geld, sondern um Sinn." Die meisten älteren Gründer wollen nicht nur ihr Einkommen aufbessern, sondern wie Giuseppina Ehmann oder Lothar Hunshelm Träume verwirklichen, ihre Erfahrung und ihr Wissen weitergeben.

Neben der Ablehnung durch Kreditgeber ist die verbreitete Skepsis bei Verwandten und Bekannten ein großes Hindernis, mit dem die späten Chefs zu kämpfen haben. "Viele sind von Selbstzweifeln geplagt", hat Ralf Sange beobachtet. Dabei könne gar nicht so viel passieren, das finanzielle Risiko sei meist überschaubar. Viele von Sanges Klienten arbeiten als Freiberufler vom heimischen Arbeitszimmer aus. Auch die Statistik zeigt, dass ältere Gründer besonders oft in den freiberuflichen Dienstleistungsbereich gehen, der keine großen Investitionen erfordert.

Wer es schafft, seine Pläne zu verwirklichen, ist mit dieser Entscheidung meist sehr zufrieden. "Es ist bemerkenswert, wie positiv Gründungen bewertet werden, selbst wenn das Einkommen daraus nicht besonders hoch ist", sagt die Soziologin Annette Franke vom Netzwerk Altersforschung der Universität Heidelberg. Die große Mehrheit der älteren Gründer, die sie für ihre Dissertation zum Thema befragt hat, erlebte sie als hochmotiviert: "Die meisten fühlen sich in der neuen Chefrolle wohl und empfinden ihre Arbeit als spannend und erfüllend. Deshalb wollen sie auch so lange wie möglich weitermachen."

Giuseppina Ehmann kann sich ein Leben ohne ihre Chocolaterie zurzeit nicht vorstellen. Lothar Hunsfeld dagegen hat seine Nachfolge geregelt: "Meine Projekte dauern mehrere Jahre, darum ist das auch eine Frage der Verantwortung gegenüber den Auftraggebern." Hunsfeld kooperiert eng mit einem größeren Beratungsunternehmen, dessen Juniorpartner später mal seinen Platz einnehmen wird. "Ich habe mir als Marke gesetzt, dass ich aufhöre, wenn ich Aufträgen nachlaufen muss. Oder wenn ich irgendwann merke, dass ich Jüngere nicht mehr mitreißen kann."

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SZ vom 31.01.2015/mkoh
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