Existenzgründung im Alter:"Viele sind von Selbstzweifeln geplagt"

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100 000 Euro, ihre gesamten Ersparnisse, hat die resolute Gründerin damals in ihr Geschäft gesteckt. Keine Bank wollte der Seniorin Kredit geben. Eine besondere finanzielle Förderung für ältere Gründer, die ihre Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung kompensieren könnte, gibt es nicht. Auch spezialisierte Beratungsangebote sind selten. Die mehrfach ausgezeichnete Initiative "Gründer 50plus" bietet immerhin in acht Städten Info-Abende und Seminare für Gründungswillige an.

"Wir entwickeln zusammen mit den Teilnehmern deren Geschäftsidee", sagt Ralf Sange, Geschäftsführer von Gründer 50plus. Dabei werde geklärt, wie reell die Erfolgschancen in Gegenwart und Zukunft seien. "Wenn die Idee gut ist, regeln sich Fragen der Rechtsform und der Finanzierung oft von selbst." Nach Sanges Erfahrung ist es für Gründer über 50 besonders wichtig, dass ihr Unternehmen einen Nutzen für die Gesellschaft hat: "Es geht nicht nur um Geld, sondern um Sinn." Die meisten älteren Gründer wollen nicht nur ihr Einkommen aufbessern, sondern wie Giuseppina Ehmann oder Lothar Hunshelm Träume verwirklichen, ihre Erfahrung und ihr Wissen weitergeben.

Neben der Ablehnung durch Kreditgeber ist die verbreitete Skepsis bei Verwandten und Bekannten ein großes Hindernis, mit dem die späten Chefs zu kämpfen haben. "Viele sind von Selbstzweifeln geplagt", hat Ralf Sange beobachtet. Dabei könne gar nicht so viel passieren, das finanzielle Risiko sei meist überschaubar. Viele von Sanges Klienten arbeiten als Freiberufler vom heimischen Arbeitszimmer aus. Auch die Statistik zeigt, dass ältere Gründer besonders oft in den freiberuflichen Dienstleistungsbereich gehen, der keine großen Investitionen erfordert.

Wer es schafft, seine Pläne zu verwirklichen, ist mit dieser Entscheidung meist sehr zufrieden. "Es ist bemerkenswert, wie positiv Gründungen bewertet werden, selbst wenn das Einkommen daraus nicht besonders hoch ist", sagt die Soziologin Annette Franke vom Netzwerk Altersforschung der Universität Heidelberg. Die große Mehrheit der älteren Gründer, die sie für ihre Dissertation zum Thema befragt hat, erlebte sie als hochmotiviert: "Die meisten fühlen sich in der neuen Chefrolle wohl und empfinden ihre Arbeit als spannend und erfüllend. Deshalb wollen sie auch so lange wie möglich weitermachen."

Giuseppina Ehmann kann sich ein Leben ohne ihre Chocolaterie zurzeit nicht vorstellen. Lothar Hunsfeld dagegen hat seine Nachfolge geregelt: "Meine Projekte dauern mehrere Jahre, darum ist das auch eine Frage der Verantwortung gegenüber den Auftraggebern." Hunsfeld kooperiert eng mit einem größeren Beratungsunternehmen, dessen Juniorpartner später mal seinen Platz einnehmen wird. "Ich habe mir als Marke gesetzt, dass ich aufhöre, wenn ich Aufträgen nachlaufen muss. Oder wenn ich irgendwann merke, dass ich Jüngere nicht mehr mitreißen kann."

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