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Europawahl: Dolmetscher:"Ein gesundes Halbwissen über fast alles"

Die EU beschäftigt ein Heer von Dolmetschern. Anja Rütten ist eine von ihnen: Ein Gespräch über Wortwitz und die Kunst, gleichzeitig zu reden und zuzuhören.

In der EU gibt es offiziell 23 verschiedene Amtssprachen. Damit die Kommunikation der Parlamentarier trotzdem reibungslos verläuft, beschäftigt die Gemeinschaft ein Heer von Dolmetschern. Anja Rütten aus Düsseldorf ist eine von ihnen. Die 35-jährige Diplomdolmetscherin übersetzt vom Spanischen, Englischen und Französischen ins Deutsche - und bei der EU niemals umgekehrt, denn dort gilt das Muttersprachlerprinzip: Jeder Dolmetscher darf nur in seine eigene Sprache übersetzen. Bei außergewöhnlicheren Sprachkombinationen, etwa wenn das Lettische ins Slowenische übertragen werden muss, arbeiten sie und ihre Kollegen mit einem System von sechs "Relaissprachen": Die selteneren Sprachen werden zunächst ins Englische, Französische, Deutsche, Italienische, Polnische oder Spanische gedolmetscht und dann erst in die "Zielsprache".

Dolmetscherin Anja Rütten: "Ich schlüpfe als Dolmetscherin in die Haut des Vortragenden, also übernehme ich automatisch auch seinen Tonfall."

(Foto: Foto: www.zonamedia.de)

sueddeutsche.de: Frau Rütten, es heißt, der beste Dolmetscher sei der, den man überhaupt nicht bemerkt. Was würde passieren, wenn es in Brüssel tatsächlich keine Dolmetscher mehr gäbe? Würde die EU überhaupt noch funktionieren?

Anja Rütten: Der Apparat würde ohne uns nicht sofort zusammenbrechen, keine Sorge. Schließlich kann heutzutage fast jeder etwas Englisch, so dass sich die Mitarbeiter trotzdem irgendwie verständigen könnten. Aber die Diskussionen hätten natürlich längst nicht das jetzige Niveau. Zudem wäre die Gleichberechtigung zwischen den Gesprächspartnern dahin, weil nicht jeder gleich gut Englisch spricht. Außerdem würden vielleicht auch nicht mehr die qualifiziertesten Kandidaten zum Zuge kommen, sondern die, die am besten Englisch sprechen.

sueddeutsche.de: Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO ist der Beruf des Simultandolmetschers nach Düsenjetpiloten und Fluglotsen der stressigste, den man ausüben kann.

Rütten: Ich weiß zwar nicht genau, mit welchen Anforderungen Düsenjetpiloten konfrontiert sind, aber wir haben tatsächlich sehr viel Stress. Nach einem Tag in Brüssel, Straßburg oder Luxemburg bin ich abends völlig k. o. Wir dolmetschen normalerweise höchstens 30 Minuten am Stück und haben dann wieder 30 Minuten Pause, weil die Konzentration nicht länger mitspielt. Aber in dieser Zeit können wir nicht einfach nach draußen und ein wenig spazieren, sonst könnten wir ja längeren Sitzungen inhaltlich überhaupt nicht folgen. Also bleiben wir in der Kabine sitzen und helfen dem Kollegen, der dann Dienst hat.

sueddeutsche.de:  Helfen?

Rütten: Wenn ein Redner plötzlich einen Fachterminus benutzt, den der Dolmetscher nicht kennt, schlägt der Kollege, der eigentlich Pause hat, schnell im Wörterbuch nach. In Debatten um das Thema "Inverkehrbringen und Verwendung von Futtermitteln" zum Beispiel kann es schon mal vorkommen, dass wir einen Ausdruck nicht parat haben - schließlich entstehen in der Fachsprache ständig neue Begriffe. Oder ein Parlamentarier rattert in hohem Tempo Zahlenkolonnen hinunter: Dann schreibt man für den anderen mit, damit er auch alles korrekt wiedergeben kann.

sueddeutsche.de: "Inverkehrbringen und Verwendung von Futtermitteln" - langweilen Sie sich da nicht?

Rütten: Natürlich habe ich es manchmal mit Bereichen zu tun, die ich persönlich nicht ganz so spannend finde. Aber grundsätzlich finde ich es toll, mich in die verschiedensten Themen einzuarbeiten. So habe ich mir ein gesundes Halbwissen über fast alles angeeignet. Dolmetschen hat gewissermaßen nur am Rande mit Sprache zu tun, sondern viel mehr mit Inhalten. Jeder Dolmetscher sollte eine Leidenschaft für x-beliebige Themen entwickeln können.

sueddeutsche.de: Was war das Abseitigste, das Sie jemals dolmetschen mussten?