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Führungskultur:Zwischen "Kadavergehorsam" und autoritärer Führung

Bei manchen Mitarbeitern gelten "die da oben" ja oft als überflüssig. Sie brächten viel Unruhe und bekämen auch noch viel Geld dafür, heißt es. Doch Experimente mit Unternehmen ganz ohne Chefs waren bislang wenig erfolgreich. Beim Berliner Start-up Betterplace Lab etwa gibt es zwar keinen Boss, aber Projektleiter in den einzelnen Bereichen, die die Verantwortung tragen. Entscheidungen, auch über Gehälter und Neueinstellungen, werden gemeinsam getroffen. Das ist oft langwierig.

Arbeiten im Kollektiv ganz ohne Hierarchie funktioniert nur sehr selten in der Wirtschaftswelt. Es muss eine Person geben, die die Richtung vorgibt, im Zweifel entscheidet und am Ende den Kopf hinhält. Natürlich: Strikte, undurchlässige Hierarchien und gar "Kadavergehorsam", wie er etwa bei Volkswagen beklagt wurde, sind nicht mehr zeitgemäß und kontraproduktiv. Auch dieses andere Extrem, die autoritäre Führung, funktioniert nicht.

Der Chef als Projektionsfläche für Sorgen und Wünsche

Es gibt viele verschiedene Cheftypen: Den Kalten, der seine Ziele rücksichtslos verfolgt, den Kumpel, der mit allen gut Freund sein will, wenn auch nur vordergründig, den Motivator, der mit Psychotricks das Beste aus seinen Mitarbeitern herausholen will, aber auch den Patriarchen und in seiner schlimmeren Variante den Diktator, der seine Mitarbeiter ignoriert, bevormundet, quält. Ein guter Chef sollte kooperativ, flexibel und visionär sein. Denn der Boss ist auch Projektionsfläche für die Wünsche und Hoffnungen innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Er ist das Gesicht der Firma.

So wie einst Steve Jobs beim Technologiekonzern Apple, der zwar unnahbar war und bei vielen Mitarbeitern nicht sehr beliebt, der aber ein großartiges Gespür für Technik und neue Produkte hatte und dies auch radikal durchsetzte.

So wie Rorsted, der neue Trainer bei Adidas, der für so viel Vorfreude sorgt und so gelassen auftritt. Aber der auch weiß, dass er sich langfristig an seinen Erfolgen messen lassen und Leistung bringen muss.

So wie der Brite John Cryan, der Chef der Deutschen Bank, der im Sommer 2015 Anshu Jain und Jürgen Fitschen ablöste und nun Deutschlands größtes und bekanntestes Kreditinstitut vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit bewahren soll.

Und so wie Joe Kaeser, der im Sommer 2013 nach einem Machtkampf Nachfolger von Peter Löscher als Chef von Siemens wurde. Er zeigte sich erst einmal bescheiden. Keine lauten Sprüche, er umwarb die Mitarbeiter. Das Unternehmen müsse beruhigt und wieder geeint werden, sagte er zum Antritt und beschwor die Tradition. Er sei stolz, ein Siemensianer zu sein. "Einen statt spalten" war schon das Motto von Gründer Werner von Siemens. Die rund 350 000 Mitarbeiter hörten solche Worte gerne und nahmen später auch eine große Umstrukturierung mit dem Abbau von Stellen in Deutschland ohne großes Murren hin. Kaeser hat Erfolg, die Geschäfte laufen, der Börsenkurs ist auf einem Höhenflug - und der Vorstandsvorsitzende ist im Unternehmen unumstritten.

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