Erste Gemeinschaftsschule in NRW Weg vom Stigma der Hauptschule

Gymnasium, Realschule und Hauptschule in einem: In Ascheberg im Münsterland steht die erste Gemeinschaftsschule. Nicht alle Eltern freuen sich darüber.

Von Bernd Dörries

Hin und wieder ruft jemand von der CDU an und sagt, er halte das alles für gar keine gute Idee. Und schädlich für die Partei, die doch zusammenstehen müsse, in diesen schweren Zeiten. Bert Risthaus (CDU) sagt, ihm gehe es nicht um die Partei. Ihm gehe es nur um die Kinder. Risthaus ist Bürgermeister von Ascheberg, einer Gemeinde mit 15.000 Einwohnern im Münsterland. Es ist ein unauffälliger Ort mit Backsteinhäusern, der aber zum Synonym für die neuen Zeiten geworden ist, die in Nordrhein-Westfalens Bildungspolitik anbrechen.

 Als erste Stadt in Nordrhein-Westfalen hat die münsterländische Gemeinde Ascheberg die Genehmigung für eine Gemeinschaftsschule erhalten. Ihre Schule Hauptschule soll dafür mit der örtlichen Realschule fusionieren: Rektorin Sylke Reimann-Perez.

(Foto: dpa)

Ascheberg ist die erste Gemeinschaftsschule, die diese Woche von der grünen Schulministerin Sylvia Löhrmann genehmigt wurde. Im Düsseldorfer Landtag kündigt die CDU an, mit allen Mitteln gegen die Gemeinschaftsschule zu kämpfen, es ist von einem kommenden Schulkrieg die Rede. In Ascheberg und anderen Kommunen sitzen CDU-Bürgermeister, die den Brief mit der Genehmigung der grünen Ministerin kaum erwarten können.

Eine Haupt- und eine Realschule gibt es derzeit in Ascheberg, sagt der Bürgermeister, beide wären gefährdet, weil die Schülerzahlen zurückgehen, zur Hauptschule haben sich nur noch 25 Kinder angemeldet, sie sei nur bis 2015 zu halten. Risthaus will das Angebot vor Ort retten und Kinder nicht zu Berufspendlern machen. Er will, dass Kinder nicht mehr Dutzende Kilometer zum nächsten Gymnasium fahren müssen. Also soll aus Haupt- und Realschule eine Art halbes Gymnasium werden: Eine Gemeinschaftsschule, die bis zur zehnten Klasse Unterricht auf Gymnasialniveau anbietet. Die einen Schüler hören danach auf, die anderen machen weiter, gehen auf die Oberstufe eines Nachbarortes. So ist der Plan, der schon vom kommenden Schuljahr an umgesetzt werden soll.

Die Bildung war das entscheidende Sachthemen der Landtagswahl im Mai. Rot-Grün will vieles anders machen, die Frage wird sein, ob die Eltern die Veränderungen auch mittragen werden, die sie gefordert haben. "Es gibt viel Angst unter den Eltern", sagt Sylke Reimann-Perez. Die Rektorin der Theodor-Fontane-Hauptschule, einer der beiden Schulen, die zur Gemeinschaftsschule verschmolzen werden soll. Vor allem Eltern, deren Kinder nach der Grundschule eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen haben, seien sich unsicher, ob sie ihre Kinder an eine Schule schicken sollen, die momentan noch eine Hauptschule ist.

Es ist die Angst vor dem Zusammentreffen mit den sogenannten bildungsfernen Schichten. "Wenn man gemeinsam lernt, kann man voneinander lernen", sagt Reimann-Perez. Es ist ein positives Menschenbild, das der Gemeinschaftsschule zugrunde liegt. Eines von Kindern, die die Schwächeren nicht ärgern, sondern unterstützen. Natürlich wird es auch mehr Lehrer geben. An der Hauptschule in Ascheberg wächst die Zahl von 21 auf 50 Pädagogen, die Gemeinschaftsschule bekommt den günstigeren Klassenteiler von 25 Schülern, der bisher nur für die Hauptschule galt. Manche Gymnasien fühlen sich deshalb benachteiligt.

Reimann-Perez ist großer Anhänger der neuen Schule, die alte, die sie noch leitet, habe keine Zukunft mehr. "Die Kinder, die auf die Hauptschule müssen, schämen sich, fühlen sich ausgeschlossen." Jahrelang habe sie gesehen, wie derangierte Schüler zu ihr kamen, die man mühsam wieder aufbauen musste. Und oft half es dennoch nicht viel. "In der Hauptschule kann man so gut sein wie man will, die Stigmatisierung bleibt."

In der Regierung hatten CDU und FDP für das dreigliedrige System gekämpft. Inzwischen hat die CDU erkannt, dass es mit der Hauptschule so nicht weitergeht und kann sich vorstellen, sie mit der Realschule zu fusionieren. Auch die FDP sieht das Ende des dreigliedrigen Schulsystems kommen. Nun wollen sie zumindest das Gymnasium erhalten. So plant die FDP ein Volksbegehren gegen die Gemeinschaftsschule, wie bereits Ende der 70er Jahre, als fast vier Millionen Menschen gegen die von der SPD-geführten Regierung geplante Koop-Schule stimmten. Die Gemeinschaftsschulen sind bisher nur als Modellversuch geplant, mit bis zu 50 Projekten. Dagegen lässt sich kaum klagen oder abstimmen.

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