Erfolgsgeschichten Träumen wie früher

Mit jedem Erfolg wächst der Druck und die Angst, das nächste Mal zu versagen, meint Wolfgang Joop.

(SZ vom 27.04.2002) Als Kind habe ich viel gezeichnet, und meine Tanten, meine Mutter, meine Großeltern schlugen immer die Hände über dem Kopf zusammen und sagten: Ach, ist der Junge begabt!

Wolfgang Joop bei der Präsentation eines neuen Parfums

(Foto: )

Als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, fürchtete er, ich könnte mir zu viel einbilden - und Hochmut ist für preußische Väter verwerflich. Er meldete mich zu Nachmittagskursen an der Kunsthochschule an. Dort sollte ich meine Grenzen erkennen. Mit zwölf Jahren war ich natürlich unter den 18- bis 20-Jährigen der Allerschlechteste, und meine Enttäuschung war so groß, dass ich im Kunstunterricht bis zum Abitur nur noch störte.

Dann lernte ich meine spätere Frau kennen. Sie studierte Modedesign und zeichnete unter anderem Skelette. Aus Langeweile begleitete ich sie, übertrug den Schädel eines Haifisches in meinen Block und wurde wieder entdeckt. Der Professor fand, ich müsse meinem Talent nachgeben. Also schrieb ich mich an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig ein. Es war die Zeit der Pop-Art und der Happenings, und mit meinen Arbeiten hatten sowohl die Studenten als auch die Professoren ein Problem: Sie seien zu schön, zu glatt, zu oberflächlich.

Ich verlor den Mut. Wie eigentlich oft. Mein Vater meinte: Von Malerei kann man nicht leben, studier doch Kunstpädagogik. So fand ich mich plötzlich als Hospitant wieder dem Schulmief ausgesetzt, den ich nie wieder riechen wollte. Die Zeit bis zum Abitur war die schlimmste meines Lebens gewesen. Noch heute halte ich es für meine größte Lebensleistung, die Schule mit ihren düsteren Autoritäten hinter mich gebracht zu haben.

1968 gewann ich dann zusammen mit meiner Freundin einen Modewettbewerb der Zeitschrift Constanze und bekam gleich drei, vier Angebote aus der Industrie. Geld verdienen war damals das Wichtigste: Ich wurde Vater, wir gingen nach Kulmbach. Ich musste mich einem autoritären Chef unterordnen. Nach einem halben Jahr wurde ich herausgeschmissen: "Elemente wie Sie können wir uns in einem erfolgsorientierten Unternehmen nicht leisten."

Nachdem ich dann drei Jahre lang bei einem Schnittmusterheft vom Pyjama bis zum Hochzeitskleid alles entworfen habe, arbeitete ich als freier Designer - paradoxerweise übrigens auch für diese Firma in Kulmbach.

Ich wurde immer engagiert, wenn die hauseigene Kollektion ein Misserfolg gewesen war. Bis zur nächsten Messe musste ich dann aus dem vorhandenen Material etwas Neues zusammenstückeln. Den Anspruch, Menschen von Kopf bis Fuß einzukleiden, hatte ich überhaupt nicht. Ich kümmerte mich um die Lösung von Einzelaufgaben: Ich entwarf Lederblousons für Lederfirmen, Mäntel für Mantelfirmen und Schuhe für Schuhfirmen.

1976 bekam ich ein Angebot von einer Pelzfirma. Die Juniorchefin hatte Zeichnungen von mir gesehen - und eigentlich wurde ich von ihr entdeckt. Ich versuchte, Pelze völlig neu zu bearbeiten, ließ Felle schmuddelig färben und mich von Parkas und Militärmänteln inspirieren. Protz widersprach meiner Idee von neuem Luxus. Für meine erste Kollektion bekam ich 16 Preise, ein internationaler Achtungserfolg.

Aber es ist wie im Sport: Du bist nur dann wirklich erfolgreich, wenn du Erfolge wiederholen kannst. Mit jedem Erfolg wächst der Druck und auch die Angst, das nächste Mal zu versagen. Erst die Wiederholung des Erfolgs gibt dir Sicherheit: Man lernt, mit Misserfolg umzugehen, und man lernt langsam, dass Talent nicht von einem Tag auf den anderen verschwindet.

Der Beruf des Modedesigners ist schwer: Du musst Leute mit etwas verführen, von dem sie nicht wussten, dass sie es haben wollten, und in deinem Produkt müssen sie eine Botschaft finden.

Mit meinen ersten eigenen Frauenkollektionen war ich sehr erfolgreich. Dadurch wurde der damalige Lancaster-Chef Herbert Frommen auf mich aufmerksam. Aus meiner kleinen Firma wollte er eine Weltunternehmen machen. Die erste Lizenz wurde abgeschlossen, die zweite und noch eine. Leider ließ er dann das wegrationalisieren, was mir in meiner Arbeit das Wichtigste war: das Atelier.

Während unsere Firma groß wurde, sank meine Selbstachtung. Meine Produkte wurden mir fremd. Ich versuchte, mich mit Kunstkäufen zu trösten, wechselte dann zur Wünsche AG. Allzu große Erwartungen hatte ich allerdings nicht mehr. Als der dritte Manager kam, habe ich meine restlichen Anteile verkauft. Ich hatte 20 Jahre für den Erfolg der Firma gekämpft und fühlte mich nun invalide.

Ich habe ein ungewöhnliches Leben geführt, und dafür bin ich dankbar. Denn ich merkte, dass mir der wirkliche Reichtum meines Lebens nicht genommen werden kann: Das Glück, als Junge Träume gehabt zu haben, als Mann sie umgesetzt zu haben und als älterer Mensch wieder träumen zu können.

Mal sehen, ob meine anderen Talente wie das Schauspielern und Schreiben ausreichen, um auch dort Erfolge wiederholen zu können.

(Aufgezeichnet von Gunthild Kupitz)