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Gesetz für Lohngerechtigkeit:Flunkern nicht nötig

Gleiche Arbeit, gleiches Gehalt? Frauen werden oft benachteiligt.

(Foto: Stephan Savoia/AP)
  • Im US-Bundesstaat Massachusetts dürfen Arbeitgeber von Bewerbern nicht mehr das bisherige Gehalt erfragen.
  • Die Gesetzesänderung soll vor allem Frauen helfen, die auch in den USA im Schnitt schlechter bezahlt werden als Männer.

Dieses Gesetz kann nicht zaubern. Es kann nicht ändern, was sich über Jahrzehnte im Arbeitsmarkt entwickelt hat. Es kann nicht dafür sorgen, dass Arbeitgeber all ihre Vorurteile vergessen, vor allem nicht die, derer sie sich selbst nicht bewusst sind. Es wird nicht erreichen, dass Frauen und Männer in vergleichbaren Positionen das gleiche Gehalt bekommen. Aber es soll helfen.

Wer sich in den USA auf eine Stelle bewirbt, muss in der Regel zunächst einen Bewerbungsbogen ausfüllen. In dem Formular gibt es auch eine Frage zu der Höhe des vorigen Gehalts. Auch in Deutschland gehört die Frage zu fast jedem Jobwechsel dazu, Arbeitgeber stellen sie oft allerdings erst im Vorstellungsgespräch, wenn es um die Gehaltsfrage geht.

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Wer sich schon einmal beworben hat, kennt die Überlegung: Darf man hier ein bisschen flunkern? Am Ende ist das neue Gehalt dann meist nicht sehr viel üppiger als das alte - selbst wenn der neue Arbeitgeber insgeheim bereit gewesen wäre, mehr zu zahlen. Wer sich vorher schon unterbezahlt fühlte, bleibt es vielleicht auch im neuen Job. Ungerechtigkeiten können sich so durch ein ganzes Arbeitsleben fortsetzen.

Zementierte Benachteiligung verhindern

Das Problem betrifft vor allem Frauen. Der US-Bundesstaat Massachusetts hat nun ein Gesetz erlassen, das es Arbeitgebern verbietet, im Bewerbungsgespräch die Kandidaten zu fragen, was sie in ihrem alten Job verdient haben. So soll verhindert werden, dass Frauen von vornherein niedriger in die Verhandlungen einsteigen und Benachteiligungen zementiert werden. Die Arbeitgeber diskriminieren sonst immer weiter, obwohl sie sich dessen unter Umständen gar nicht bewusst sind: Schließlich zahlen sie der neuen Mitarbeiterin nicht weniger, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie auch schon vorher weniger verdient hat als der neue Mitarbeiter.

Ein Vorteil des Gesetzes sei, dass es Arbeitgeber dazu verpflichte, eine aktivere Rolle zu spielen, wenn es um das Ende der Unterbezahlung von Frauen geht, sagt Shilpa Phadke, die beim progressive Think Tank Center for American Progress für Frauenrechte zuständig ist. "Trotzdem bedrohen die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen die finanzielle Sicherheit von viel zu vielen Frauen in Amerika." Für jeden Dollar, den Männer in den Vereinigten Staaten verdienen, bekommen Frauen im landesweiten Durchschnitt nur 79 Cent, hat die US-Statistikbehörde ermittelt.

In Massachusetts ist die Lage besser, allerdings nur leicht: Frauen erhalten 82 Prozent der Gehälter von Männern. In Deutschland ist die Lage nicht wesentlich besser. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verdienen Vollzeit beschäftigte Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer - in den alten Bundesländern ist der Unterschied übrigens deutlich größer als in den neuen.

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Viele Gründe für ungleiche Bezahlung

Für die Ungleichheit in der Bezahlung gibt es viele Gründe, die mit Diskriminierung nicht unmittelbar zu tun haben: Zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen sich häufiger schlechter bezahlte Berufe wie Krankenpflege oder Kinderbetreuung aussuchen als Männer. Frauen sind außerdem seltener in Führungspositionen tätig und arbeiten häufiger in Teilzeit. Aber Ökonomen haben in etlichen Untersuchungen belegt, dass noch immer ein Gehaltsgefälle bleibt, wenn sie so viele der verzerrenden Faktoren wie möglich herausrechnen.

Das Gesetz aus Massachusetts beinhaltet neben der nun illegalen Frage nach dem bisherigem Gehalt noch eine weitere Vorschrift für Arbeitgeber: Sie dürfen ihren Mitarbeitern künftig nicht mehr verbieten, sich mit ihren Kollegen über ihr Gehalt auszutauschen. Das Verbot ist häufig Teil amerikanischer Arbeitsverträge und trägt dazu bei, dass Frauen oft gar nicht erfahren, wenn sie unterbezahlt sind.

Bundesweit will die Demokratische Partei diese Intransparenz schon seit Jahren verbieten, die Republikaner im Kongress blockieren aber ein entsprechendes Gesetz. Nun werden die Bundesstaaten selbst aktiv - mit Massachusetts sogar einer, der von einem republikanischen Gouverneur geführt wird.

© SZ vom 09.08.2016/sks
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