Entgelttransparenzgesetz Frauen auszunutzen, ist auch Diskriminierung

Eine weiterere Ursache für ungleiche Bezahlung ist der Abgruppierungsschutz: Verrichtet beispielsweise ein Angestellter in der Metallindustrie zum Ende seines Berufslebens eine einfachere Tätigkeit, bezieht er weiter das alte Gehalt - und damit vielleicht deutlich mehr als seine junge Kollegin, die die gleichen Aufgaben verrichtet.

Wie die zuständigen Gerichte solche und andere Vergütungsunterschiede bewerten, werden Präzedenzfälle zeigen. Der Gesetzgeber räumt arbeitsmarktbezogene Kriterien als Rechtfertigung ein, sofern sie "dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit" entsprechen. Fest steht schon jetzt: Was im Einzelfall gerechtfertigt sein kann, ist nicht allgemein gerecht. Und die Lohnlücke zeigt, dass vorwiegend Männer von vorhandenen Grauzonen profitieren.

Job In 170 Jahren sind Männer und Frauen am Arbeitsplatz gleichgestellt
Gleichstellungsreport

In 170 Jahren sind Männer und Frauen am Arbeitsplatz gleichgestellt

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Das hartnäckige Gerücht, Frauen seien in Verhandlungen schlicht zu defensiv, ist wissenschaftlich umstritten. Britische und amerikanische Ökonomen, die diesem Vorurteil nachgegangen sind, kamen beispielsweise zu dem Schluss, dass Frauen und Männer gleich häufig nach einer Gehaltserhöhung fragen, wenn man ihre Wochenarbeitszeit berücksichtigt. Wer in Teilzeit arbeitet, hält sich demnach mit solchen Forderungen grundsätzlich zurück. Versteht man soziale Diskriminierung im weiteren Sinne, sind Personalverantwortliche so oder so in der Pflicht, zu geringe Gehaltsforderungen bestimmter Arbeitnehmergruppen nicht auszunutzen.

Private Arbeitgeber mit mehr als 500 Beschäftigten sind durch das neue Gesetz unabhängig von individuellen Anfragen aufgefordert, ihre Entgeltstrukturen zu überprüfen und den Stand der Entgeltgleichheit offenzulegen. Stellt sich dabei heraus, dass ein Geschlecht benachteiligt wird, müssen Anpassungen vorgenommen werden. Die sechsmonatige Vorbereitungszeit hat auch deshalb für alle Betroffenen etwas Gutes: Unternehmen, die sich jetzt selbst als diskriminierend entlarven, können bei der nächsten Gehaltsrunde unbehelligt nachbessern und sich und ihren Mitarbeiterinnen Gerichtsprozesse ersparen.

Mehr Geld für mehr Leistung lässt das Gesetz zu

Dass Frauen sich häufig nicht in der Position sehen, Forderungen zu stellen, ist nicht ihnen zuzuschreiben. "Frauen, die wegen einer Schwangerschaft pausiert haben, nehmen oft niedrigere Bezahlung oder Überqualifikation in Kauf, um überhaupt wieder einen Fuß in die Tür des Arbeitsmarktes zu bekommen", sagt Wissenschaftler Roman Graf.

Nach den Maßgaben des Gesetzes üben Beschäftigte eine gleichwertige Arbeit aus, wenn Art der Arbeit, Arbeitsbedingungen und Ausbildungsanforderungen vergleichbar sind. Das fühlt sich aber nur gerecht an, wenn auch das Ergebnis gleichwertig ist. "Man darf davon ausgehen, dass höher qualifizierte Personen im Schnitt mehr leisten als niedrig qualifizierte", sagt Graf. Eine Studie unter Mitarbeitern der Universität Genf zeigt, dass Frauen häufiger als Männer besser ausgebildet sind, als es ihre Stellenbeschreibung verlangt - und damit sogar doppelt ausgebeutet werden. Im Rahmen des Entgelttransparenzgesetzes ließe sich eine höhere Bezahlung anhand von leistungs- und arbeitsergebnisbezogenen Ergebnissen übrigens rechtfertigen.

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